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Grönland : Immer in Richtung auf das Meer

Auf dem Weg zum Eisbergfeld: das Dörfchen Rodebay im Westen Grönlands Bild: Tilman Spreckelsen

Grönland ist bekannt für Eis, Schnee und Schlittenhunde. Aber was passiert eigentlich im Juni und Juli, wenn das Eis geschmolzen ist? Eine Sommerreise zur Westküste der Insel liefert Antworten.

          6 Min.

          Es beginnt ganz leise. Ein einzelner Ruf, gerade laut genug, damit die anderen aufmerken. Dann pflanzt sich das fort, schwillt an, ein Chor stimmt ein, und über dem Städtchen hängt ein paar Minuten lang das vereinte Geheul vieler, vieler Schlittenhunde. Bis die matten Tiere wieder auf ihre Felsplatten zurücksinken und erst mal Ruhe geben.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Schöne am Reisen ist, daß man ständig Antworten auf ernste Fragen bekommt, die man sich nie gestellt hatte. „Was machen Schlittenhunde eigentlich im Sommer?“ ist so eine, und wer je eine grönländische Siedlung nördlich des Polarkreises zur Zeit der Mitternachtssonne besucht, stößt an jeder Ecke, vor jedem Haus auf die Antwort: Die Tiere liegen an Ketten auf der Erde, schleppen sich ab und an zur nächsten Wasserstelle, fressen ein bißchen, dösen, streiten sich, und wenn ihnen dann immer noch langweilig ist, schlagen sie Lärm. In den meisten Orten gibt es gut doppelt soviel Schlittenhunde wie Menschen. Und niemand wartet so ungeduldig auf den Winter wie sie.

          Das nördlichste Freibad der Welt

          Andere Grönländer warten unspezifisch darauf, daß endlich etwas geschieht, irgend etwas. Abends in Sisimiut, mit 5.200 Einwohnern die zweitgrößte Siedlung der Insel, laufen die Jugendlichen die „Aqqusinersuaq“ rauf und runter, die längste Straße der Stadt, um sich dann auf der Hälfte zu treffen. Da steht der einzige Kiosk, der bis 23 Uhr geöffnet ist. Hell ist es dann immer noch. Manche hüpfen auf die Felsbrocken am Straßenrand oder jagen ihre Mountainbikes mit grimmiger Energie den Fußweg neben der Fahrbahn entlang und schauen den Autos nach, in denen die älteren Jungs die Mädchen spazierenfahren, soweit die Straße reicht. Und wieder zurück.

          Bild: F.A.Z.

          Die Sonne wird hier die nächsten beiden Monate nicht mehr untergehen, die Schneeschmelze hat gerade den gesammelten Unrat des vergangenen Winters freigegeben, das auf 23 Grad aufgeheizte Freibad, vermutlich das nördlichste der Welt, hat wieder geöffnet (und wird gerade, obwohl die Liegefläche aus Holzbohlen völlig leer ist, kräftig mit Robbie Williams beschallt). Über dem Ort liegt eine solche Stimmung von sehnlichst erwünschtem Aufbruch, von Sommeranfang und großen Ferien, daß sie sich selbst den Fremden mitteilt, die für einen kurzen Besuch gekommen sind.

          Alle Gräber in Richtung Meer

          Manche wandern in den umliegenden Bergen und stoßen dabei mitunter zwischen Brombeerbüschen, roten Weidenröschen und den rührend tapferen Nordischen Kriechbirken unvermutet auf Steinhaufen, aus denen gut sichtbar die Knochen älterer Inuit-Kulturen herausschimmern. Die Gräber sind immer in Richtung auf das Meer angelegt, die Toten haben die Jagdgründe unbeirrt im Blick, und nicht einmal die Strom- und Telefonleitungen, die sich mittlerweile über den Gräbern kreuzen, stören das Bild.

          Ein Jahr lang, so überliefert der Inuit-Forscher Knud Rasmussen eine alte Sage, müssen sich die gestorbenen Jäger zäh ins Jenseits arbeiten - sie kriechen unter einem großen Fell hindurch und verlieren dabei alle Körperschwere, bis sie leicht genug für den Himmel sind. Andere, deren Körper im Meer versunken sind, bleiben dort in einer Art Unterwelt. Den Geisterbeschwörern der Inuit-Stämme ist es vorbehalten, die gestorbenen Ahnen in einem der beiden Totenreiche zu besuchen. Und wenn es in einem Winter zu wenig Nahrung gibt, tauchen sie in den Ozean, wo sie auf die große Mutter des Meeres treffen und ihr das Haar auskämmen - was sich daraus löst, ernährt später den ganzen Stamm.

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