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Gnadenlos günstig (2): Zum Schinkenessen nach San Daniele : Den Prosciutto isst man am besten ohne Brot, Besteck und Verzug

  • -Aktualisiert am

Schinkenschatzkammer: Aus Parma kommen die Keulen für Proleten. Die wahren Genießer finden in San Daniele ihr Glück. Bild: Bernd Fritz

In der Krise schlechter essen? Von wegen! In San Daniele, dem italienischen Schinkenhimmel, kostet der berühmte „Prosciutto di San Daniele“ nur halb so viel wie hier - probieren kann man ihn sogar kostenlos.

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          Porco a miseria! 5,95 Euro für hundert Gramm vom sechzehn Monate alten! Fast zwölf Mark für die paar dünnen Schinkenscheiben aus San Daniele, doppelt so viel wie vor der Währungsreform - mag das Statistische Bundesamt von "gefühlter" Teuerung reden, solange es will. Die Liebhaber luftgetrockneter Schweineschlegel wissen es besser: Sie spüren das Loch, das ihre Leidenschaft in den Schlemmetat reißt, und können den italienischen Fluch mit Fug und Recht wörtlich nehmen: Schweinsmisere!

          Doch: Was tun? Zwölf Monate alten kaufen, für 4,95 Euro? Weil du in der Krise bist, sollst du schlechter essen? Oder den Abstieg zu Parma antreten, dem profanen Schinkenvetter aus der Emilia? Was schon deshalb ausscheidet, weil die Frankfurter Feinkosthändler dafür mitunter unerklärliche 5,20 Euro haben wollen. Und auf einen Preissturz beim Pata negra zu warten, dem spanischen Angeber-Geselchten - gegenwärtig bei fünfzehn Euro -, liegt außerhalb jeder vernünftigen Erwägung.

          Zelten für einen Zehner

          Nein, es gilt die Not mit der Verzweiflung zu verbinden, und zwar mit der über den krisengeschrumpften Urlaubsetat. Fernreise und Luxus-Resort ade: Auf nach Oberitalien, wo das Ryanair-Ziel Venedig-Treviso liegt, mit Bahn und Bus ins Friaul, nach San Daniele, wo der Schinken noch 2,50 Euro kostet und der Campingplatz im benachbarten Gemona pro Person und Zelt gerade einen Zehner.

          Ganz hübsch, aber auch nicht mehr: San Daniele hat dem Gaumen deutlich mehr zu bieten als dem Auge.
          Ganz hübsch, aber auch nicht mehr: San Daniele hat dem Gaumen deutlich mehr zu bieten als dem Auge. : Bild: Bernd Fritz

          Das Ein-Mann-Zelt aus der Lonesome-wolf-Periode wiegt keine drei Kilo, man kommt locker mit einem Gepäckstück aus, ein Übergepäckzuschlag fällt nicht an. Frühzeitig gebucht, kommt der Flug auf 81,85 Euro, zuzüglich 24 Euro für den Shuttlebus von Frankfurt-City nach Frankfurt-Hahn. Macht einen runden Hunderter oder knapp 1800 Gramm sechzehn Monate alten San Daniele bei Schlemmermeyer in der Fressgass', wie Schlaumeier anmerken würden. Doch Schlaumeier haben jetzt Pause. Hier geht es um Etat-Umschichtungen, und abgerechnet wird nach wie vor am Schluss.

          Eine peinliche Bildungslücke

          Nach zwei Stunden Bahnfahrt in der zweiten Klasse kommt man in Gemona an. Für die hundertdreißig Kilometer lange Strecke von Treviso über Udine durchs venetische Flachland nimmt die italienische Staatsbahn 6,75 Euro. Bei der Deutschen Bahn ist auf vergleichbaren Strecken unter fünfundzwanzig Euro nichts zu machen. Eine Differenz von einem knappen Zwanziger mithin oder, in Schinken umgerechnet, gut und gern achthundert Gramm vor Ort. Eisenbahnfahren in Italien - nicht die schlechteste Antwort auf die Krise, meine Damen und Herren Schlaumeier! Und lehrreich, ja, bildend obendrein. Etwa fünfzig Kilometer vor Udine beginnen die Ortsnamen auf einmal zweisprachig zu erscheinen: Pordenone heißt zusätzlich Pordenon, Campoformido kohabiert mit Cjampfuarmit, Udine büßt mit Udin nur das "e" ein, aber Castelnovo del Friuli hat mit Cjistielgnûf einen doch reichlich italofernen Zweitnamen. Klingt irgendwie slowenisch, ist aber Furlanisch, wie das internetfähige Handy mitteilt, seit dem Jahr 1999 gesetzlich als Minderheitensprache anerkannt und hier von fast sechshunderttausend Leuten gesprochen. Unglaublich: Da verzehrt man seit zwanzig Jahren Edelschinken aus San Daniele alias San Denêl, sagt seit vierzig Jahren phonetisch einwandfrei prosciutto und wird dann mit einer peinlichen Bildungslücke konfrontiert - die allerdings nunmehr geschlossen ist.

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