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Glosse : Chiringuito

Der Alptraum jedes Spanienurlaubers: ein Strand ohne Chiringuito. Die beliebten Imbissbuden sollen nach dem Willen der Regierung in Madrid vollständig verschwinden. Bild: dpa

Die spanische Strandbude ist in Gefahr. So einfach lässt sich der Konflikt umschreiben, der zurzeit zwischen dem Umweltministerium in Madrid und den Betreibern der Chiringuitos ausgefochten wird.

          Die spanische Strandbude ist in Gefahr. So einfach lässt sich der Konflikt umschreiben, der zurzeit zwischen dem Umweltministerium in Madrid und den Betreibern der Chiringuitos ausgefochten wird. Denn die Zentralregierung möchte endlich die gültigen Bestimmungen zur Küstenbebauung und zum Schutz der Strände verwirklicht sehen. Und die Betreiber der kleineren oder größeren Häuschen am Rand der Sandzone, die im Sommer Eis, Getränke, Kartoffelchips und manchmal auch heiße Gerichte servieren, fürchten um ihre Existenz.

          Ginge man mit dem Mikrofon auf die Straße, wäre der Fall sonnenklar. Kaum ein Spanier würde dafür stimmen, die Chiringuitos, diese urspanische Einrichtung, die Kindern und Alten, Einheimischen und Touristen heilig ist, von ihrem angestammten Platz zu vertreiben. Jeder hat Erinnerungen an herrlich vertrödelte Ferienstunden im Schatten der Chiringuitos. Man kennt den Betreiber, den man möglicherweise Jahr um Jahr wiedersieht, und man altert gemeinsam. Der Chiringuito ist die schönste Form, die Füße in den Sand zu setzen und mit einem Drink in den Sonnenuntergang zu schauen. Die menschenfreundlichen Gedanken, die man sich am Chiringuito schon gemacht hat! Die schönen Zukunftspläne! Und was haben wir vergangenes Jahr gelacht, mit Detlef, Paco, Sergio oder Simone!

          Wir sind doch in Spanien

          Doch solche Erinnerungen haben mit den gesetzlichen Bestimmungen nichts zu tun. Und wenn die Spanier die Bestimmungen herausholen, gibt es Grund, sich in Sicherheit zu bringen. Sie machen es ja nicht oft. Zwanzig-, dreißigtausend Privathäuser ohne Baugenehmigung an der Mittelmeerküste? Kein Problem. Gigantische Wohnanlagen, eine Armada von Baukränen, die systematische Planierung Hunderter Küstenkilometer, bestochene Bürgermeister und geschmierte Stadträte - das alles geht. ¡Estamos en España! Und weil es geht, sieht Spaniens Küste großenteils so aus, wie sie heute eben aussieht. Eine ästhetische Ruine und ein ökologisches Desaster. Daran ist nichts mehr zu retten. Und wer damit Geschäfte gemacht hat, ist längst über alle Berge oder lacht sich immer noch kaputt.

          Aber die Strandbuden und kleinen Restaurants, die könnte man packen. Es gibt ja Bestimmungen. Eine zum Beispiel betrifft die Mindestentfernung zwischen einer Bude und der anderen. Das wäre also zu prüfen. Eine andere Bestimmung sagt, dass der Chiringuito eigentlich nicht am Strand stehen darf, wenn er auch in der Zone stehen könnte, die Uferpromenade heißt. Und natürlich gibt es jede Menge umweltbezogener Einwände. Dass jemand den Müll wegmachen muss. Dass die Meerestiere nicht behelligt und die Vögel nicht übermäßig gestört werden dürfen und so weiter.

          Die Hoffnung bleibt

          Es gäbe also sehr viele gute Argumente dafür, die Chiringuitos vom Strand zu verbannen. Aber bei der Aussicht sinkt einem das Herz. Natürlich sollte man die schlimmsten Bruchbuden entfernen. Oder solche, die sich zu breit machen, die stören und sonstwie eine Belästigung darstellen. Doch ausgerechnet dort die gesetzlichen Bestimmungen anzuwenden, wo alle Welt sehr froh darum ist, sie zu ignorieren, scheint doch etwas inhuman. Es passt einfach nicht zu Spanien. Und weil die meisten Dinge nicht so heiß gegessen werden, wie man sie kocht, und die Behörden sich möglicherweise überzeugen lassen, wenn sie mit eigenen Füßen im Sand stehen, gibt es für den Chiringuito vielleicht doch noch eine Chance.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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