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Gefunden : Das Geheimnis von Everett Ruess ist gelöst

  • -Aktualisiert am

Wanderer der Wüste: Everett Ruess Bild: AP/AP Photo/National Geographic Adventure, Dorothea Lange

Vor fünfundsiebzig Jahren verloren sich die Spuren des Naturdichters Everett Ruess in den Canyons von Utah. Seinen Anhängern war er seither eine Art Heilsfigur. Nun wurde seine Leiche gefunden.

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          Es passiert immer wieder, dass Wanderern im Gehen die Welt nicht kleiner, sondern größer wird, so groß, dass sie schließlich darin verschwinden. Manche von ihnen wurden berühmt. Der Bergsteiger George Mallory etwa, dessen Spuren sich 1924 in den Flanken des Mount Everest verloren haben. Oder der Landstreicher Chris McCandless, der in der Wildnis Alaskas ums Leben kam, dem Jon Krakauer ein Buch widmete und dessen Leben erst in jüngster Zeit von Sean Penn verfilmt worden ist. Um niemanden aber spinnt sich ein größeres Mysterium als um den jungen Amerikaner Everett Ruess.

          Keine zwanzig Jahre alt, war er ausgezogen, um in die Canyons und Wüsten Utahs einzutauchen, in den "tiefen Frieden der Wildnis", wie er in seinem letzten Brief im November 1934 an seinen Bruder schrieb. "Ich kann mir nicht vorstellen, meinem Wanderleben jemals abzuschwören. Ich bin zu tief in die Geheimnisse des Lebens vorgedrungen und würde so ziemlich alles einer Rückkehr ins Leben der Mittelmäßigkeit vorziehen." Vier Jahre lang war er insgesamt unterwegs. Manchmal lebte er bei Indianern im Monument Valley, einmal half er bei archäologischen Arbeiten in der Region. Die meiste Zeit aber streifte er allein umher. Eine allerletzte Spur fand sich in einer Felswand der Davis Gulch, einer Schlucht, die 1963 durch den Bau des Glen-Canyon-Staudamms überspült wurde. "Nemo 1934" hatte Ruess in den Sandstein geritzt: "Niemand" - vermutlich zugleich eine Anspielung an Jules Vernes Kapitän aus dem Roman "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer", ebenfalls ein Zivilisationsflüchtling.

          Arbeit am Mythos

          Everett Ruess hatte an seinem Mythos gearbeitet. Er hatte als Künstler erste Erfolge mit bezaubernden Bildern wilder Landschaften. Er schrieb Gedichte. Und er feilte mit poetischer Präzision an den Formulierungen seiner zahllosen Briefe, die er von Postämtern im vermeintlichen Nichts, aus Kayenta, Chinle oder Lulachkai, an Freunde und Verwandte schickte. "Ich werde ewig weiterwandern. Und wenn meine Zeit gekommen ist und der Tod naht, werde ich den abgelegensten, einsamsten, verlassensten Ort aufsuchen." Die Legendenbildung ließ nicht auf sich warten.

          Nachdem monatelang niemand von ihm gehört hatte, machte sich ein Suchtrupp auf den Weg. In einer Schlucht fand man sein Lager. Das Gepäck fehlte, seine Packesel waren noch dort, eingepfercht. Manche glaubten, er sei beim Klettern abgestürzt oder in einem Fluss ertrunken. Andere vermuteten, Viehdiebe hätten ihn ausgeraubt und ermordet. Aber am Ende hielt sich hartnäckig der romantisch beseelte Glaube, Everett Ruess sei noch immer in der nackten Landschaft Utahs unterwegs, ein Pilger der Wildnis, ein atavistischer Wanderer der Wüsten. Für Generationen amerikanischer Naturfreunde wurde er zu einer Heilsfigur; seine Briefe und Tagebücher, in etlichen Auflagen erschienen, waren ihr Glaubensbekenntnis. Und sie hatten sogar ihre eigene Redensart, wenn sie selbst loszogen, schwer bepackt, um sich tagelang, wochenlang in der labyrinthischen Welt der roten und gelben Sandsteinwüste zu verlieren. Dann sagten sie: "Ich suche Everett Ruess."

          Endlich ein Wallfahrtsziel

          Nun hat man ihn entdeckt. Schon im Mai des vorigen Jahres hatte ein Navajo das Skelett in einer Felsspalte der Gegend um Comb Ridge, nahe der Städte Bluff und Blanding, gesucht und gefunden. Sein Großvater hatte von einem Verbrechen erzählt, das er beoachtet und zeitlebens als Geheimnis für sich behalten habe. Vom Kamm eines Bergs aus hatte er gesehen, wie drei Indianer vom Stamm der Ute einen jungen Mann verfolgt, erschlagen und ausgeraubt haben. Er selbst habe die Leiche ein wenig später bestattet - seine Enkelin hatte er sogar schon Anfang der siebziger Jahre an den Ort geführt; angeblich, um einen Zauberbann zu lösen.

          Das Interesse des FBI an dem Toten war gering, aber nachdem der Chefarchäologe der Navajo die verblichenen Knochen an das anthropologische Institut der Universität von Colorado weitergereicht hatte, wurde die Redaktion des Magazins "National Geographic Adventure" hellhörig und sorgte dafür, dass die Reste der Leiche gründlich untersucht wurden. Vergleiche der Kieferpartie mit Porträtaufnahmen von Everett Ruess aus dem Jahr 1933 ergaben einen ersten Anhaltspunkt, DNS-Abgleiche mit Nichten und Neffen des Aussteigers führten zu überzeugend vielen Übereinstimmungen. Die Indizien gelten als "unwiderlegbar", meldet die Universität von Colorado.

          Dass die Entdeckung der Leiche dem Mythos des besessenen Einzelgängers Everett Ruess den Glanz raubt, ist kaum zu befürchten; im Gegenteil. Mit dem Grab hat seine Gemeinde endlich ihr Wallfahrtsziel.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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