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Frankreich : Gott hat nichts gegen einen guten Tropfen

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Die Regeln der Benediktiner sind rigide, und trotzdem werden die dreißig Patres um ihr Leben beneidet. Denn sie wohnen an einem der verträumtesten Flecken der gesamten Côte d'Azur: auf der winzigen Lérins-Insel Saint-Honorat.

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          Die einzige Dekoration im Refektorium des Zisterzienserklosters ist ein Wandfresko, das ein Motiv aus dem Abendmahl zeigt. Alles andere in dem dunklen Gewölbesaal mit seinen groben Tischen aus Eichenholz ist Askese und Kahlheit - jedenfalls fast alles. "Während der Mahlzeiten herrscht Schweigegebot. Wir Mönche hören dann nur das Wort des Tischlesers, der Episoden aus dem Evangelium vorträgt", sagt Bruder Antoine, der seine Stimme gesenkt hat. Ob die strengen Speisesitten des heiligen Benedikt denn nicht durch irdische Genüsse aufgelockert würden? Ein Lächeln huscht über das Gesicht des neununddreißigjährigen Ordensbruders elsässischer Abstammung. "Nun ja, daß wir bei Tisch unseren eigenen Wein, einen der besten ganz Südfrankreichs, trinken können, macht uns die Kontemplation doch erträglicher", gesteht Bruder Antoine, dem aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer profane Verlockungen nicht fremd sind.

          Die jahrhundertealten Regeln sind rigide. So müssen jeden Tag sieben Chorgebete gemeinsam gesungen werden, das erste davon, das durch Glockengeläut eingeleitet wird, schon um vier Uhr morgens. Doch trotz des gottgefälligen Frühaufstehens ist den dreißig Patres der Neid auch lang schlafender Nichtgläubiger sicher. Denn sie wohnen an einem der verträumtesten Flecken an der gesamten Côte d'Azur: auf der winzigen Lérins-Insel Saint-Honorat, die einen Möwenflügelschlag von der Schwesterinsel Sainte-Marguerite und zwanzig Minuten Bootsfahrt von Cannes entfernt ist. Bekannt ist das vierzig Hektar kleine Inselchen, das sich in knapp einer Stunde im Schlendertempo umrunden läßt, vor allem wegen seiner Weingärten. Sie liefern einen superben Tropfen, der Önologen und Liebhaber in aller Welt hinreißt. Dem Weißwein bescheinigen sie einen leichten Birnengeschmack mit einer Note Anis, und im Rotwein spüren sie die Aromen von Johannisbeeren und Heidelbeeren auf. Dreißigtausend Flaschen mit dem Etikett "Abbaye de Lérins" werden jährlich exportiert, bis hin nach Rußland und Japan.

          Meditation und Kommerz

          Der zweite Teil des Benediktinermottos "Ora et labora" bedeutet für die Kuttenträger sorgfältige und während der Lese knochenharte Winzerarbeit. Bruder Antoine assistiert dem Kellermeister, überwacht den Reifeprozeß in den Barrique-Fässern, füllt Flaschen ab und klebt Etiketten auf. Einen Widerspruch zwischen sakraler Meditation und nüchternem Kommerz, zwischen dem Einstudieren gregorianischer Gesänge und dem Beliefern von provenzalischen Gourmet-Restaurants, sieht der Mönch nicht. Müßiggang sei der Feind der Seele, habe der heilige Benedikt gesagt, und so sorge man dafür, daß sich die Abtei durch Tätigkeit selbst finanziere. Im Kloster-Shop wird neben dem Wein auch der famose, mit mehr als fünfzig Prozent teuflisch hochprozentige Lerina-Likör feilgeboten, der aus einer geheimen Mischung von vierzig Kräutern destilliert wird. Und obwohl Fernsehen und Radio tabu sind, verzichtet die religiöse Gemeinschaft nicht auf moderne Kommunikationsmittel, wenn es um die Vermarktung geht. So können die auf Saint-Honorat hergestellten Produkte per Mausklick auf der Internetseite der Abtei bestellt werden. Zur Verkostung des neuen Jahrgangs werden Sterneköche und renommierte Sommeliers eingeladen. Doch die kaufmännische Emsigkeit des Ordens, der auch Zimmer für Klausurgäste unterhält, birgt Gefahren. Je mehr Besucher sich vom entrückten Reiz der Insel betören lassen, desto brüchiger wird der Frieden auf Saint-Honorat, das sich im Privatbesitz der Bruderschaft befindet.

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