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Fotografie : Bei den Vettern in Amerika

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Junge Frau bei Moorefield, Arkansas Bild: Schirmer/Mosel Verlag

Im Jahre 1899 bekam Gabriele Münter eine Kamera geschenkt. Zu dieser Zeit traf sie auch ihre große Liebe: Wassily Kandinsky. Ein Bildband versammelt ihre ersten, lange unbeachteten, fotografischen Gehversuche.

          Am 8. Oktober 1898 gehen Gabriele Münter und ihre Schwester Emmy in New York von Bord eines Ozeandampfers. Die jungen Damen hatten sich zu einer Reise aufgemacht, um die amerikanische Verwandtschaft zu besuchen. Gut zwei Jahre dauerte das Unternehmen, das die beiden über St. Louis südwestlich in das zutiefst ländliche Arkansas führte, weiter bis in den äußersten, dürren Westen von Texas und auf demselben Weg wieder zurück. Daß man zu Hause noch schnell reiten gelernt hatte und auch auf dem Kutschbock zu Rande kam, erwies sich als ausgesprochen vorteilhaft, denn manches Ziel lag weitab jeglicher Bahnstrecke. Nützlich war auch, daß beide schon etwas Englisch sprachen, denn die in dritter Generation in Amerika lebenden Vettern und Cousinen sprachen zum Teil kein Deutsch mehr.

          Gabriele Münter kam als jüngstes von vier Kindern in Berlin zur Welt. Ihr Vater hatte Deutschland aus politischen Gründen zu Zeiten des Vormärz verlassen und wurde in Amerika erfolgreicher Zahnarzt. Die deutschstämmige Mutter kam bereits als Kind nach Amerika. In Tennessee, so berichtet Gabriele Münter, besaßen ihre Eltern „ein Haus und Praxis mit Negersklaven und es ging gut voran“, doch als sich der freiheitsliebende Vater im Bürgerkrieg als Südstaatler zwischen den Fronten fühlte, kehrten die Eltern nach Deutschland zurück - mit einem beträchtlichen Vermögen. Acht Geschwister der Mutter blieben in Amerika, und entsprechend weitverzweigt war das bunte familiäre Netz aus „Bankiers, Handwerkern, kleinen Farmern“.

          Mitten im Nirgendwo

          Zu Zeiten dieses Reise-Abenteuers lag Gabriele Münters Zusammentreffen mit Kandinsky, der großen Begegnung und Liebe ihres Lebens, noch ebenso in der Ferne wie ihre Entwicklung zur bedeutenden Malerin und Protagonistin des „Blauen Reiters“. Einstweilen war „Ella“, so ihr Kosename, mal gerade einundzwanzig Jahre alt. Während ihre amüsiersüchtige, acht Jahre ältere Schwester Emmy ausging, wann immer sich Gelegenheit bot, und wild in der Gegend herumflirtete, war die schüchterne Gabriele froh, wenn sie bei der Verwandtschaft Bücher fand oder auf ein Klavier traf. Außerdem füllte die talentierte Zeichnerin Skizzenbücher mit Eindrücken dieser aufregenden „Vetterlesreise“ und mit guten Porträts.

          Zähe Burschen und Frauen in langen Kleidern und mit aufgeputzten Hüten

          Im Jahre 1899 schenkt ihr jemand eine Kamera; eine Kodak Bull's Eye No. 2, handlich und leicht zu bedienen, mit der ihr im Nu Bilder von frappierender ästhetischer Qualität gelingen. Münters Sichtweise ist originell und weit entfernt von durchschnittlicher Amateurfotografie; des öfteren weist sie gar künstlerisch und motivisch auf Walker Evans voraus. Gleich eines der frühesten Bilder zeigt eine primitive Bretterhütte auf total flacher, den Blick bis zum Horizont durch absolut nichts bremsender Prärie. „Home sweet home at aunt Annie's“ witzelt Gabrieles Beschriftung. Hier, im texanischen Plainview, lebten Tante Annies Angehörige als Cowboys und Viehhändler unter Rinderherden und Pferdetrecks am Rande des wüstenartigen Hochplateaus des Llano Estacado. Wir sehen zähe Burschen und Frauen, denen es auf wundersame Weise gelang, den Alltag „in the middle of nowhere“ in ihren langen Kleidern und mit aufgeputzten Hüten zu meistern.

          Fette Sheriffs statt drahtigen Helden

          Münters eindrückliche Einblicke in amerikanisches Leben vor der Großen Depression berühren am tiefsten, wo sie pionierhafte Siedlerexistenzen dokumentieren, die in Guion, dem entferntesten Reiseziel der Münter-Sisters, noch karger werden sollten. Heute ist der winzige Ort von Texas' Landkarten verschwunden, wo die kleinen Vettern Dallas und Johnnie sich mit Reiten auf der Sau amüsierten, wo ein Hügel schon eine Sensation fürs Auge darstellt und der junge Willie wundersamerweise immer ein Buch zum Lesen fand.

          Die lange unbeachtet gebliebenen Fotografien der 1962 verstorbenen Münter verwahrt die Münchner Städtische Galerie im Lenbachhaus in deren umfangreichem Nachlaß. Erstmals zeigt nun das Museum eine Auswahl aus vierhundert Amerika-Bildern in neuen, vergrößerten Abzügen der alten Negative. Kunsthistorische Betrachtung kann sicherlich in vielen Details bereits den Blick der späteren Malerin ausmachen. Erst einmal aber zeugen die Fotos vom Erstaunen über die Fremde, auch der Freude über die herzliche Aufnahme, die man dort fand, und vom Bemühen, alles sinnfälligst im Bild zu bannen - auch das Stadtleben. Wunderbare, lustige Schnappschüsse stammen aus den Straßen von St. Louis; von dort gestartete Bootsausflüge zeigen den Mississippi, wie ihn gar nicht lange vorher Mark Twains Lausejunge Tom Sawyer beschipperte. Nur der fette Sheriff, der auf matschigen Straßen durch Marshall reitet, zerquetscht auf einen Schlag unser Ideal vom drahtigen Westernhelden.

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