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Florida : „Conch Republic“: Eine Insel voller Narren

  • -Aktualisiert am

Der Unabhängigkeitstag wird besonders gefeiert Bild: AP

Die „Conch Republic“ liegt am südlichsten Ende Floridas, regelt ihre Konflikte mit Tomaten und trockenem Brot und besticht durch schrill-bunte Außenwirkung. Trotzdem ist der Phantasiestaat nicht nur zum Spaß da. Wer hier „Staatsbürger“ wird, bekennt sich zu einem kritischen Standpunkt.

          Sie sitzt im Schatten auf der Veranda und wartet auf ihre Einbürgerung. Es ist Samstag, kurz vor vier, in jedem anderen Land hätten die Meldestellen geschlossen. Doch Denise O'Connor hat einen Termin. Sie ist fünf Stunden von Palm Beach nach Key West gefahren, für ihre Einbürgerungszeremonie im Regierungssitz der Conch Republic, 305 Petronia Street. Ein gelbes Haus mit weißen Fenstern und Türen, auf einem Schild steht "Büro des Generalsekretärs". O'Connor hat weiße Shorts an, ein T-Shirt, ausgetretene Flip-Flops. Sie sieht aus, als würde sie eben mal zum Supermarkt gehen und Milch holen, keine Staatsbürgerschaft.

          Auch der Generalsekretär selbst ist nicht gerade staatstragend gekleidet. Sir Peter Andersons Hemd zieren blaue Ananasfrüchte, die grauen Haare sind zum Zopf gebunden. "Peter", stellt er sich vor, "kommen Sie schnell rein, hier draußen kann man ja kaum überleben." Im Büro ist es sehr kühl. Während O'Connor einen Fragebogen ausfüllt - Alter: 50, Haarfarbe: braun -, kramt Sir Peter eine Digitalkamera hervor. In der Conch Republic macht der Generalsekretär die Passfotos selbst. O'Connor stellt sich vor der Staatsflagge auf, eine rosa Conch-Muschel vor gelber Sonne auf blauem Grund. "Lächeln erlaubt", sagt Sir Peter, als sie ernst in die Kamera blickt, "in den USA wollen sie das nicht, wegen der biometrischen Gesichtserkennung. Wir ermutigen unsere Bürger ausdrücklich zum Lächeln oder sogar Lachen."

          Seeschlacht mit Tomaten und Klopapier

          Über 25 000 Reisepässe hat er bereits ausgestellt. Reisen kann man damit nicht, der Ausweis ist genauso ungültig wie ein selbstgemalter. Es gibt zwar eine Nationalhymne, eine Flagge, Männer, die sich Verteidigungsminister oder Premier nennen - ein anerkannter Staat ist die Conch Republic jedoch nicht. Und doch zahlen viele 99 Dollar für den blauen Pass, lachen in die Kamera und schwören einen Eid, um ein Stück von dieser Spaßrepublik am südlichsten Ende der Vereinigten Staaten mit nach Hause zu nehmen. Im April feierten die Bürger der Conch Republic den fünfundzwanzigsten Unabhängigkeitstag mit Drag-Queen-Rennen, Muschelblaswettbewerben und einer Seeschlacht mit Tomaten und Klopapier, ganz im Sinne des Landesmottos: "Die Linderung der Weltspannung durch die Ausübung von Humor".

          Der Phantasiestaat „Conch Republic” in Florida liebt es schrill und bunt..

          Auf den ersten Blick mag die Conch Republic aussehen wie ein Narrenstreich. Doch dahinter steckt wohlüberlegter Protest. Mit der Gründung der Conch Republic reagierten ein paar Amerikaner auf die Gängelung durch die Behörden: 1982 stellte die Grenzpolizei am Eingang der Key Islands einen Posten auf, um nach Drogen und illegalen Einwanderern zu suchen. Die Bewohner ärgerten sich über die langen Staus und fürchteten, die Touristen könnten ausbleiben. Sie fühlten sich behandelt wie ein fremdes Land und beschlossen daraufhin, auch eines zu werden. Also machten sie den Bürgermeister zum Premier und bewaffneten sich - mit trockenen Brotstangen. Noch am gleichen Tag kapitulierten sie wieder und beantragten eine Wiederaufbauhilfe von einer Billion Dollar. Die Vereinigten Staaten haben bis heute nicht auf die Forderungen reagiert. Doch der Grenzposten verschwand. Die Conch Republic hatte gewonnen.

          Alltag in Badekleidung

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