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Florida : „Conch Republic“: Eine Insel voller Narren

  • -Aktualisiert am

Wegen Flüchtlingen politisch aktiv

Es gibt immer wieder solche Auftritte, große Spektakel, die als Narrenfest daherkommen. "Wir amüsieren uns sehr dabei", sagt Sir Peter. Dumme Schildbürgerstreiche sind es aber nicht, dafür ist der Hintergrund viel zu ernst. Auch Eulenspiegel war nur vermeintlich ein Narr, tatsächlich den meisten seiner Zeitgenossen überlegen - Humor war seine schärfste Waffe.

Vor einem Jahr kaperten ein paar Conch-Republikaner die alte Seven-Mile-Brücke zwischen Vaca Key und Bahia Honda, Sir Peter trug einen schwarzen Piratenhut und hielt Flaggen und eine Brotstange in den Wind. Ein paar Tage zuvor, als 15 kubanische Flüchtlinge dort gelandet waren, hatten die Vereinigten Staaten erklärt, die Brücke gehöre nicht zu ihrem Territorium, und die Flüchtlinge zurückgeschickt. Die Conch Republic meldete daraufhin "großes Interesse" an der Brücke an. Zugesprochen wurde sie ihr nicht, doch die Vereinigten Staaten machten ihre Territorialentscheidung wieder rückgängig.

Der Pass für den kritischen Standpunkt

Es sind solche Aktionen, die Denise O'Connor begeistern. Ihr gefällt oft nicht, "wie die USA in der Welt auftreten". Mit der zusätzlichen Staatsbürgerschaft, sagt sie, bekenne sie sich zu einem kritischen Standpunkt. Sie sieht sehr feierlich aus, trotz Shorts und T-Shirt, als sie Sir Peter gegenübersteht und die Hand zum Schwur hebt. "Mein Treueeid auf die Fahne, auf meine kleine Inselnation und die Republik, für die sie steht." Sir Peter greift zu der Conch-Muschel auf seinem Schreibtisch, sie ist rot-weiß gestreift mit weißen Sternen, wie die Flagge der Vereinigten Staaten. Er setzt sie an und wird ein wenig rot im Gesicht, als er den Salut bläst. "Herzlich willkommen", sagt er, "Sie sind jetzt offizielle Bürgerin der Conch Republic."

In spätestens zwei Wochen wird der blaue Passport in ihrem Briefkasten in Palm Beach liegen. Sie hat gehört, dass einige damit tatsächlich schon Grenzen passiert haben. Das möchte sie ausprobieren. Langfristig, sagt sie, hätte sie gerne den roten Diplomatenpass. Der kostet mindestens 900 Dollar. Doch man kann sich auch hocharbeiten. Wer etwas Gutes für das Land tut, bekommt ihn umsonst. O'Connor hat schon eine Idee: Im gesamten Landkreis ist das Servieren von Alkohol vor Sonntagmittag verboten. Dieses Gesetz möchte sie abschaffen, dafür wird sie eine Petition an die Kreisverwaltung schreiben.

Wir versuchen, lustig zu sein

Sir Peter räumt die Kamera wieder in die Schublade. Er ist ein bisschen runder geworden, doch dafür raucht er nicht mehr. Als er Generalsekretär wurde, war er noch ein dunkelhaariger, schlanker Mann, das zeigen die Fotos an den Wänden. Sir Peter redet gerne und viel, vor allem über die Conch Republic. Seine Sätze sind druckreife Ausführungen. Zum Beispiel: "Wir bemühen uns ernsthaft, lustig zu sein, und wir versuchen, lustig zu sein, wenn wir ernst sind." Nach 17 Jahren Amtszeit hat er schlagfertige Antworten auf alles.

Einmal, ganz am Anfang, hatte er eine Audienz beim Außenminister der Bahamas. Was sie denn eigentlich mit dem Phantasiestaat bezweckten, wollte der wissen. Sir Peter musste einen Moment überlegen. Und sagte schließlich: "Wir sind der Joker. Sie wollen bestimmt nicht immer mit ihm spielen, doch ohne ihn ist der Kartensatz nicht komplett." Ihm war damals nicht klar, dass der Joker meistens als Hofnarr dargestellt ist. Ein kleiner Mann mit Schellenkappe, der nicht nur für die Belustigung am Hofe zuständig war, sondern auch ein besonderes Recht innehatte: Er durfte als Einziger dem Herrscher die Wahrheit sagen.

Der Weg in die Conch Republic

Phantasiestaaten, auch Mikronationen genannt, erwecken nur den Anschein, souveräne Staaten zu sein. Tatsächlich sind sie international nicht anerkannt. Andere berühmte Mikronationen neben der Conch Republic sind Sealand, eine ehemalige Seefestung vor der britischen Küste, oder die Hutt-River-Provinz in Westaustralien, die sich zu einem freien Fürstentum erklärt hat. Nicht verwechseln darf man Mikronationen mit souveränen Zwergstaaten wie Liechtenstein, Monaco oder dem Vatikan.

Die Conch Republic unterhält Botschaften in Frankreich und Finnland und feiert jährlich ihren Unabhängigkeitstag ab dem 23. April. Reisepässe sind auch über die Homepage erhältlich, dann sind sie jedoch teurer. Den Pass bekommt man ab 99 Dollar, „Botschafter des guten Willens“ wird man ab 900 Dollar. Der teuerste Ausweis ist der reine Diplomatenpass: Er kostet 10 000 Dollar, wird jedoch auch kostenlos vergeben, an Bürger, die sich für das Land einsetzen. Mehr unter www.conchrepublic.com oder beim Generalsekretär Sir Peter Anderson unter Telefon 0 01/30 52 96 02 13.

Literatur „Quit Your Job and Move to Key West“ von Christopher Schultz und David L. Sloan von 2003 kann man in Deutschland nur antiquarisch kaufen, zum Beispiel unter www.zvab.de. Der Reiseführer „Lonely Planet Micronations“ von 2006 widmet sich ausschließlich den Schein- und Phantasiestaaten dieser Welt, fünf Seiten stellen auch die Conch Republic vor. Das Buch kostet 15,50 Euro und ist nur auf Englisch erhältlich.

Anreise LTU fliegt mehrmals wöchentlich von Düsseldorf und München nach Miami, Preis für eine Strecke ab 199 Euro (www.ltu.de oder Telefon 02 11/ 9 41 83 33). Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt für derzeit 690 Euro hin und zurück, ab Oktober beginnen Sonderangebote bei 256 Euro je Strecke (www.lufthansa.de oder unter Telefon 01 80/5 83 84 26). Bis Key West fährt man etwa vier Stunden die 290 Kilometer lange Inselkette hinunter.

Reisezeit Die Inseln haben ganzjährig tropisches Klima, auch im Winter werden es durchschnittlich 24 Grad. Im Hochsommer wird es sehr schwül.

Informationsmaterial über die Florida Keys bekommt man kostenlos bei der Agentur des Fremdenverkehrsamts Get It Across. Mehr unter Telefon 02 21/2 33 64 51 oder unter www.fla-keys.com. Einen Festivalkalender und Informationen über Key West findet man unter www.keywest.com. akro

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