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FAZ.NET Spezial : Die Angst vor dem Meer

Sri Lanka im Januar: Touristin am Strand von Unawatuna in Galle Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

So groß die Dankbarkeit der überlebenden Flutopfer für die private Hilfe ist, so groß ist die Wut auf die Regierung. Mancherorts fungiert der Tourismus zwar als Motor und Pionier des Wiederaufbaus, doch Sri Lanka hat den Tsunami längst nicht bewältigt.

          9 Min.

          Das ist eine traurige Geschichte; eine Geschichte von verwüsteten Dörfern, zerstörten Hoffnungen, fassungslosen Opfern, desillusionierten Helfern, von Tod und Schmerz, Angst und Ohnmacht, Wut und Verzweiflung, eine Geschichte ohne Sühne und Trost. Für ein glückliches Ende ist es vorerst zu spät. Denn jetzt kommt der Monsun, und das Warten beginnt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Drei rostrote Waggons stehen in dem ausgelöschten Dorf Peraliya an der Südwestküste Sri Lankas auf einem toten Gleis. Es sind die Überreste der "Königin des Meeres", des Expresszuges von Colombo nach Matara, die stummen Zeugen des schlimmsten Eisenbahnunglücks in der Geschichte der Menschheit, das doch nur eine Fußnote in einer der schlimmsten Naturkatastrophen aller Zeiten ist. Am 26.Dezember 2004 um 9.26 Uhr erreichte der Tsunami Peraliya, türmte sich zu einer zehn Meter hohen Welle auf, verschlang den Strand, zerschlug die Häuser, warf den Zug aus den Gleisen, flutete die Abteile und riß weit mehr als tausend Menschen in den Tod.

          Mahnmal des Unfaßbaren

          Die Wucht der Zerstörung hat auch vier Monate nach der großen Flut nichts von ihrem Schrecken verloren. Die Waggons sehen so zerbeult und zerschunden aus, als seien sie eine Schlucht hinuntergestürzt, die Dächer aufgerissen, die Fenster geborsten, die Trittleisten abgeknickt, eine Todesfalle aus verbogenem Eisen. Boden und Wände sind mit Schlamm verkrustet, an einem Lüftungsschacht hängt noch der Fetzen eines Kleidungsstücks, an den Türen zeugen weiße Flaggen von der Trauer um die Toten. Es ist ein Ort des Schweigens, das vom Krächzen der Krähen in den Palmen noch verstärkt wird, ein Mahnmal des Unfaßbaren, das seine Besucher zum Verstummen bringt. Immer wieder umrunden sie die Waggons, zitternd, kopfschüttelnd, berühren das Metall, verharren fassungslos auf den neu verlegten Gleisen unmittelbar neben den zerstörten, bevor das Tuten einer herannahenden Lokomotive sie vertreibt.

          Sekunden später rumpelt der Zug heran, dessen Waggons genauso aussehen und der genauso überfüllt ist, wie es damals die "Königin des Meeres" war. Und in dem Moment, in dem er die Unglücksstelle passiert, versucht man, sich vorzustellen, was am zweiten Weihnachtsfeiertag geschah: wie jetzt eine haushohe Welle vom hundertfünfzig Meter entfernten Meer heranrast wie eine apokalyptische Faust, den Zug erfaßt, seine Passagiere tötet - und es gelingt nicht, denn der Schrecken der Wirklichkeit übersteigt jede Vorstellungskraft.

          Kein Tsunami-Trauma

          Der Tsunami hat in Sri Lanka sechsunddreißigtausend Todesopfer gefordert, vierhundertzwanzigtausend Menschen obdachlos gemacht, materielle Schäden in Höhe von einer Milliarde Dollar angerichtet und zwei Drittel der Fischereiflotte vernichtet. Sri Lanka rechnet allein in diesem Jahr mit fünfhundert Millionen Dollar an Spenden, kann dank eines Schuldenmoratoriums über weitere dreihundert Millionen Dollar verfügen und ist als Staat durch die große Flut weder menschlich noch ökonomisch in seinen Grundfesten erschüttert worden. Vor einem Tsunami-Trauma habe das Land sein geübter Umgang mit Katastrophen bewahrt, sagen die Sri Lanker, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit einem irrwitzigen Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen zu leben gelernt haben, mit der fragilen Balance zwischen Alltag und Ausnahmezustand, dem ständigen Arrangement mit dem Tod, der immer und überall zuschlagen kann in der Fratze des Attentats. Für die Überlebenden der Flut aber gilt das alles nicht.

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