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Episoden aus der Isolation : Schneeversunken

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Nichts geht mehr: Wenn man irgendwo eingeschneit ist, ist draußen das Wetter und drinnen ein Mikrokosmos Bild: ddp

Draußen Schneemassen, drinnen ein Mikrokosmos - wie fühlt sich das an, wenn man eingeschneit ist? Fünf Geschichten aus Österreich, Italien, Estland, Norwegen und der Türkei.

          5 Min.

          Kühtai, Österreich

          Wir kamen im Sommer und gingen im Winter, denn das Kühtai ignorierte den Herbst. So war das damals, als wir auf einer kleinen Hütte oberhalb des auf zweitausend Meter Höhe liegenden Tiroler Ortes zehn Tage verbrachten. Die ersten paar Tage saßen wir auf der Holzterrasse, lasen in Büchern und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Und erst als die Sonne hinter dem Berg verschwand, zogen wir uns in die Stube zurück und feuerten den Kamin an. Doch dann, am fünften Tag, begann es plötzlich zu schneien, erst ein paar verirrte Flocken, die sich zu einer zarten Schneedecke zusammenschlossen und wuchsen, wuchsen, wuchsen. Zehn, fünfzehn, zwanzig Zentimeter - und es schneite weiter. Dabei hatten wir noch den Sommer im Kopf. Nach zwei Tagen dichten Schneefalls kam schließlich der Hüttenwirt und sagte: „Die Straße ins Kühtai ist wegen Lawinengefahr gesperrt. Es sind anderthalb Meter Schnee gefallen, und man darf das Dorf keinen Meter weit verlassen.“ Er sagte auch: „Wenn die Vorräte ausgehen, werden wir per Hubschrauber versorgt.“ Und er erzählte, dass das alles nicht ungewöhnlich sei und hier im Kühtai vor einigen Jahren so viel Schnee gefallen sei, dass der Räumdienst einen eingeschneiten Kleinwagen in den Graben geschoben hat. Wir schauten ihn ungläubig an, und er sagte nur: „Der Räumdienst hat das gar nicht gemerkt!“ Ein Glück, dass wir alles hatten, was man als Eingeschneiter braucht: Holz zum Heizen, Bücher zum Lesen, Weißbier zum Trinken. Und jeden Abend gingen wir mit Schneeschuhen eine Runde durch den lawinensicheren Wald vor der Hütte. Die Stimmung war plötzlich unglaublich entspannt und losgelöst von der Welt jenseits des Schnees. Es war eine wunderbare Zeit. Und als sie es dann endlich geschafft haben, die Straße zu räumen und lawinensicher zu machen, waren wir fast ein wenig traurig. (Andreas Lesti)

          Tonale, Italien

          Es war die erste Auszeit im Arbeitsleben - eine Woche Skiurlaub in Tonale in den italienischen Bergen, ein Luxus, den wir uns als Zivildienstleistende nur leisten konnten, weil die Eltern meines Freundes dort eine Ferienwohnung besaßen. Bei der Ankunft fanden wir noch: Ein bisschen mehr Weiß täte gut. Aber für die meisten Pisten war genügend Schnee zusammengekratzt worden, dazu schien die Sonne. Am Nachmittag zogen Wolken auf, und am Abend fielen die ersten Flocken. Unsere Stimmung stieg. Tatsächlich waren am nächsten Tag ganz Tonale und die italienischen Berge unter einer dicken Schneeschicht versunken. Ein halber Meter Neuschnee war über Nacht gefallen - der Auftakt des Schneeinfernos, das auch die Schließung des Skigebiets zur Folge hatte. Bis auf den Bambini-Seillift ging nichts mehr.

          Statt Schneepflügen räumten fortan Bulldozer die Dorfstraße und türmten gigantische Schneeberge auf. Zum Einkaufen ging man am besten in Skischuhen und mit Schneebrille. Am vierten Tag fiel der Strom aus, die Passstraße war schon längst geschlossen. In der Pizzeria aßen die Gäste bei Kerzenschein, nur die Diskothek hatte ein Notstromaggregat. Dort wurde mir dann auch noch die Lederjacke geklaut, und ich rannte im Hemd durch den Schneesturm zurück zur Ferienwohnung.

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