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Ecuador : Der alte Mann und das Öl

  • -Aktualisiert am

Dschungelkönig: Häuptling Atanasi in voller Montur Bild: Lilo Solcher

Unter dem Dschungel Ecuadors liegt schwarzes Gold in großen Mengen. Doch die Indianer wehren sich gegen die Förderung. Ein Besuch bei den Cofan im Yasuni-Regenwald.

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          Zuverlässig hat die Buschtrommel funktioniert. In dem kleinen Dorf der Cofan am Aguarico mitten im Yasuni-Regenwald wissen alle, dass Besuch zu erwarten ist, Touristen aus Deutschland. Sie kommen regelmäßig nach Pacuya, seit die "Jungle Discovery" den Fluss befährt. Doch an diesem Tag zeigt das Dörfchen mit den Holzhütten den Gästen die kalte Schulter. Eine Handvoll Kinder drängt sich kichernd in einer Ecke zusammen, aus dem Haupthaus dringt Stimmengewirr, eine Frau äugt scheu aus einem der Fenster. Franziska aus der Schweiz, die einen Anteil am Flussschiff hält und die Touristen durch den Regenwald führt, bleibt dennoch beharrlich. Schließlich kostet jeder dieser Besuche in Pacuya "Eintrittsgebühr", und dafür sollen die Touristen auch etwas zu sehen und vor allem Informationen bekommen. Ohne diese Gelder könnten die Cofan, einer der sechs indigenen Stämme der Gegend, kaum im Regenwald überleben. Zweitausend A'i, Menschen, wie sich die Cofan auch nennen, sind von den einst fünfzigtausend noch übriggeblieben. Die meisten leben tief im Regenwald wie am Aguarico, wo sie ihre tausendjährige Kultur, ihre Tradition und Sprache pflegen. Doch die Neuzeit ist auch bei ihnen angekommen - mit Jeans und T-Shirts, aber auch mit Sonnenkollektoren und einem Wassertank von der Europäischen Union.

          Ein bildhübsches Mädchen kommt schließlich aus dem Haupthaus. Ireda heißt die Dreizehnjährige in kurzen Hosen und modischer Bluse. Die Männer seien alle bei einem Fest in einem der anderen Cofan-Dörfer, sagt sie. Nur der alte Atanasi sei noch da, der Dorfälteste, und er sei auf die Fremden nicht vorbereitet. Ireda lächelt entschuldigend. Sie kennt sich aus mit den Vorstellungen der weißen Gäste, besucht sie doch die Schule in Dureno und betreut zusammen mit einer spanischen Biologin ein Projekt zur Beobachtung der seltenen südamerikanischen Harpye-Greifvögel. Am liebsten würde sie Lehrerin werden, sagt Ireda, und wieder lächelt sie, rätselhaft wie Mona Lisa.

          Symbolfigur des Widerstands

          Dann tut sich doch etwas im Haus hinter ihr. Ein zerbrechlich wirkender Greis klettert erstaunlich agil die Hühnertreppe herunter und schwenkt eine Bananenstaude. Seltsame weiße Plastikröhrchen schmücken seine Ohren und seine Nase. Es sind Lutscherstiele. Der Alte grinst zahnlos und bietet die Bananen als Gastgeschenk an. Keiner im Dorf weiß, wie alt Atanasi ist, achtzig, fünfundachtzig, neunzig, Zahlenspielerei. Wichtig ist, was der alte Mann zu sagen hat. Der frühere Schamane ist in Pacuya die letzte Instanz und eine Symbolfigur im Widerstand gegen die Ölgesellschaften, die Ecuador immer systematischer ausbeuten. Sie kamen mit Bulldozern und Hubschraubern, rammten Straßen in den Regenwald und fällten jahrhundertealte Bäume. Für eine Handvoll Dollar oder ein paar Fußbälle hatten findige Ölmanager alkoholisierten Stammesältesten die Besitzrechte am Boden abgekauft. Doch als 1993 die ersten Ölgesellschaften in dieser Gegend auftauchten, kidnappten die Cofan die Arbeiter - und die Ölgesellschaft Petro Amazonas zog sich aus dem Gebiet zurück. Inzwischen sind die Firmen wieder auf dem Weg hierher. Vor kurzem haben junge Männer eine Brücke zerstört, die zum Fluss führt. Sie wollen die schweren Fahrzeuge daran hindern, tiefer in den Regenwald vorzudringen.

          Seit sie denken können, leben die Cofan und andere indigene Stämme im Einklang mit der Natur. Der Dschungel mit seiner immensen biologischen Vielfalt ist ihnen Nahrungslieferant und Hausapotheke zugleich. Gegen fast alle Krankheiten ist hier ein Kraut gewachsen, auch gegen eingebildete. Triebe einer Palme helfen bei Ohrenweh, Blätter einer anderen bei Kopfschmerz, der Sud einer Pflanze wirkt gegen Durchfall, mit dem "Waldknoblauch" werden Tumore bekämpft. Die Eisenholzpalme mit ihren penisartigen Wurzeln ist das Viagra des Regenwaldes, es gibt Blätter, die sich als Liebeszauber verwenden lassen, und Gewächse, die Schwangerschaften verhindern. Ireda kennt sie alle, das hat sie von ihrer Großmutter gelernt.

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