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Dominikanische Republik : Mit Hüftschwung im Friseursalon

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Aufspielen für den großen Diktator

Kinito Méndez, der Mann des Merengue, wie er sich nennt. Der Mann jener Musik, zu der anfangs nur die Armen tanzten. Die weiße Elite im Santo Domingo des neunzehnten Jahrhunderts geißelte sie als bäuerlich und rückständig, und als die städtische Oberschicht sich ihr um 1930 herum gerade erst zögernd zu öffnen begann, putschte sich Trujillo an die Macht. Er erwies sich als brutaler Diktator, er liebte sich selbst und die Musik. Sein Ziel bestand darin, die verschiedenen Ethnien und Regionen zu einer Nation zu einen, die sich als spanischstämmig verstand. Als Mittel dazu kam ihm der Merengue gerade recht. Er wies große Orchester an, ihn zu spielen, statt Akkordeons erklangen nun Bläser. Der Merengue war jazziger, urbaner und europäischer geworden, Trujillo ließ sich schmeichelnde Lieder schreiben und reiste mit Big Bands durchs Land.

Trujillo starb, Merengue blieb und ist der liebste Rhythmus der Dominikaner. Das war er zumindest bis vor kurzem. Im August nun war er auf dem alljährlichen Merengue-Festival in Santo Domingo nur noch ein Genre unter vielen. Wer natürlich darüber empört war, waren die Merengueros, und erst ihr Aufschrei sorgte dafür, dass Musiker wie Kinito Méndez, der Mann aus der Jukebox, schlussendlich doch noch eine Einladung erhielten. Ansonsten hielt sich der Protest in Grenzen, die Neuausrichtung kam auch nicht ganz überraschend. Seit Beginn des Sommers schon diskutieren die Zeitungen und Fernsehshows des Landes die Krise des Merengue. Ihm fehlten neue Hits, klagt man da, und ihm fehlten neue Themen.

Mädchen mit tiefen Ausschnitten, Jungen mit Muscle Shirts

Das heißt aber nicht, dass man ihm entkommen könnte. Merengue läuft im Radio und im Gemischtwarenladen, in der Diskothek und im Car Wash - wobei es sich tatsächlich um das handelt, wonach es klingt: Autowaschanlagen, allerdings mit Tanzfläche. Im D’Lujo Car Wash in Bávaro etwa, im Osten des Landes, warten ein paar Autos und Motorräder in der Nachmittagshitze auf Wasser. Daneben ein gigantisches Dach aus Palmblättern mit einer Leinwand, auf der eine halbnackte Frau mit ihrem Hintern in die Kamera wippt. Gut hundert Leute sind da, von denen einige am Rand sitzen, vor sich eine gemeinsame Flasche Presidente-Bier. Tanzen ist Pärchensache, auch dort, wo Männer in der Überzahl sind. Ein paar Mädchen mit tiefen Ausschnitten und Jungs im Muscle Shirt drehen sich Hüfte an Hüfte auf dem Parkett, Berührungsängste haben sie nicht. Etwas abseits an der Bar fordern die etwas älteren Gentlemen die etwas älteren Damen auf. Tanzen kann in diesem Land jeder. Zumindest erzählt man uns, dass hier jedes Neugeborene zuerst einmal geschüttelt werde, um ihm den Rhythmus einzuverleiben.

“Salsa, coño“, schreit DJ Hansel vom Mischpult aus in die Menge, „salsa, salsa, coño.“ Das Salsa-Set. Sieben Tage die Woche legt er hier auf, von vier Uhr nachmittags bis drei Uhr morgens: Merengue, Bachata, Salsa, Dembow, House. Bis zu achthundert Leute seien manchmal hier, erzählt er, nicht ohne Stolz. Um zu tanzen und nach Mädchen zu schauen. Und all das im Freien. In der Tür seiner kleinen Kabine tauchen ständig kurzberockte Mädchen auf, und alle wollen sie dasselbe von ihm: dass er „Soberbio“ spielt, jenes traurige Lied von Romeo Santos: Liebesleid und ein geläuterter Mann. Bachata eben.

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