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Design City Minneapolis : Avantgarde in der Prärie

  • -Aktualisiert am

In Minneapolis ist das Design zuhause: Hier das Weisman Art Museum Bild: wikicommons

Minneapolis verpasst sich ein neues Image als „Design City“. Die ehemalige Weizen- und Mühlenmetropole hat sich in den vergangenen Jahren einiges an moderner Architektur gegönnt. Und auch in Zukunft will man Schlagzeilen machen.

          Am besten, man vergisst New York, Chicago und Los Angeles für eine Weile - zumindest wenn es um Architektur und Dekor geht. Denn zurzeit ist Minneapolis die angesagte amerikanische Hauptstadt des Designs, in der sich alles um modernes, postmodernes und futuristisches Bauen und Gestalten dreht - „Design City“ mitten in der Prärie. Schlag auf Schlag wurden in den vergangenen Jahren tonangebende Bauwerke ins Zentrum der ehemaligen Weizen- und Mühlenmetropole gepflanzt: die merkwürdig schiefe und aus dem vorgegebenen Rahmen fallende Erweiterung des Walker Art Center, die gläserne Central Library mit ihrer gewagten, weit aus der Fassade herausragenden Dachkonstruktion und die streng strukturierte weiße Gebäudebox des Anbaus zum Institute of Arts.

          Vorläufiger Höhepunkt dieser Architektur-Orgie im Mittleren Westen Amerikas ist Jean Nouvels nachtblau schattiertes Guthrie Theater am und über dem Mississippi, im dem neben drei Theatersälen auch zwei Restaurants und elf Bars untergebracht sind. Das „Time Magazine“ hat das Theater bei seiner Eröffnung im vergangenen Jahr zur „Traumfabrik des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Das Gebäude ist nicht nur zur Zeit der Vorstellungen geöffnet, sondern lädt von früh um acht bis nachts um zwei Besucher ein, sich einer vielschichtigen architektonischen Inszenierung auszusetzen: Durch gewaltige Fensterfronten und raffiniert ausgerichtete Sichtachsen erlaubt der Architekt ein beständiges Wechselspiel zwischen dem Innenleben und der Umgebung des Bauwerks - raffinierte Theaterkulissen am laufenden Band. In diesem immer aufs Neue verblüffenden Gebäude lässt es sich wunderbar von Bar zu Bar ziehen, hier einen Imbiss und dort einen Drink nehmen. Der schönste Platz dafür ist eine in blaues Licht getauchte Theke, hinter der sich, durch die getönten Fenster verfremdet, ein surrealistischer Blick auf den Mississippi und die Stadt hinaus eröffnet.

          Der Bahnhof - ein Hotel

          Hinter diesem Vorbild wollen auch Hotellerie und Gastronomie nicht zurückstehen. Einen eher zaghaft konservativen Anfang machte The Depot, ein Hotel, das sich im ehemaligen Bahnhofsgebäude der Milwaukee Railroad einquartiert hat. Seit dem Ende der amerikanischen Eisenbahnära diente der Bau als Bürogebäude und wurde lange Zeit vernachlässigt. Inzwischen sind die prunkvollen Durchgänge und die mit Marmor und Eichenholzdecken ausgestatteten Wartehallen restauriert und Teil des Eingangsbereichs und der Gastronomie des Hotels. Der Clou des gesamten Komplexes aber ist die lichtdurchflutete Stahl-Glas-Konstruktion aus dem Jahr 1899, unter der früher die Züge einrollten und in der sich jetzt eine Eisbahn befindet. Sie ist das ganze Jahr lang in Betrieb und an Wochenenden bis ein Uhr morgens geöffnet - zweifelsfrei der coolste Treffpunkt in Minneapolis.

          Neue Architektur allerorten: Das Guthrie Theater ist noch kein Jahr alt

          Im Graves 601 Hotel hingegen blickt man nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Man meint, in eine postmoderne Science-Fiction-Welt einzutreten. Nicht nur die ungewöhnliche Raumaufteilung - Lounge und Nachtclub im Parterre, Rezeption und Restaurant im vierten Stock -, auch die klaren Linien, die kontrastreiche Farbgebung und ein verwirrendes Spiel mit Glas, Spiegeln und Licht variieren die üblichen Sichtweisen und Gehwege in einem Hotel. Die Dekoration des gesamten Interieurs haben zeitgenössische Künstler mit einer Fülle unterschiedlicher Materialien besorgt: hölzerne Reliefs im Erdgeschoss, raumteilende Glasmodule in der Lobby, eine Papierskulptur neben der Rezeption, Spiegelinstallationen im Restaurant, eine massive Keramikkomposition im Nachtclub.

          Im Stil des mexikanischen Muralismo

          Künstlerische Ambitionen auf noch höherem Niveau hat das Chambers Hotel, Schwesterbetrieb des berühmten New Yorker Hotels, das der Ableger auf seine Weise nun sogar zu übertreffen sucht. Besitzer Ralph Burnet hat dafür zweihundert Werke aus seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst zur Verfügung gestellt. In jedem der sechzig Zimmer hängt ein Originalkunstwerk. Gemälde, Zeichnungen und Fotos dekorieren die Flure, und im Innenhof gibt es einen kleinen Skulpturengarten. Die Treppenaufgänge sind mit farbenfrohen Wandgemälden im Stil des mexikanischen Muralismo versehen. Videokunst läuft auf Monitoren in den Fluren, in der Lobby und den Toiletten und wird außerdem auf eine Hauswand im Hof projiziert. Völlig der Kunst gewidmet ist ein Ausstellungssaal im Erdgeschoss, der weitere Werke aus der Sammlung des Besitzers vorstellt. Das Hotel, obwohl selbst ein beachtliches Kunstmuseum, will den namhaften Museen in Minneapolis keine Konkurrenz machen, sondern einen Vorgeschmack auf weitere Entdeckungen in diesen Häusern geben.

          Man darf gespannt sein, welche künstlerischen und architektonischen Ideen Mister Burnet in seinem nächsten Hotelprojekt verwirklicht: Seit vorigem Jahr beschäftigt er sich mit der Umwandlung des Foshay Tower, des einst höchsten Gebäudes zwischen Chicago und der Westküste, in ein Hotel mit dem Namen W Foshay. Nach seiner Renovierung dürfte der Art-déco-Turm die inzwischen über ihn hinausgewachsene Skyline der Stadt um ein weiteres augenfälliges Element bereichern. Auch in Zukunft also werden die avantgardistischen Ambitionen von „Design City“ Schlagzeilen machen.

          Minneapolis mit Design

          Chambers Hotel , 901 Hennepin Ave. South, Minneapolis 55403, Telefon: 001/612/767 6901,
          Internet www.chambersminneapolis.com.

          Graves 601 Hotel , 601 First Ave. North, Minneapolis 55403, Telefon: 001/612/677 1100,
          Internet www.graves601hotel.com.

          The Depot , 225 Third Ave. South, Minneapolis 55401,
          Telefon: 001/612/375 1700,
          Internet www.thedepotminneapolis.com.

          Guthrie Theater , 818 Second St. South, Minneapolis 55415, Telefon: 001/612/377 2224,
          Internet www.guthrietheater.org.

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