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„Cloud Gate“ : Von Außerirdischen zurückgelassen

Kunst, die Spaß macht: „Cloud Gate” Bild:

Keine Sehenswürdigkeit Chicagos, so heißt es, wird häufiger fotografiert als das „Cloud Gate“. Die Plastik des indisch-englischen Bildhauers Anish Kapoor zieht die Besucher in Bann und hält ihnen einen Zerrspiegel vor.

          Mit Zahnschmerzen war der Bürgermeister von Chicago, Richard M. Daley, in die Praxis seines Arztes in einer der oberen Etagen eines der Hochhäuser entlang der South Michigan Avenue gekommen - und was er vom Fenster aus sah, so geht die Legende, habe nicht eben dazu beigetragen, dass es ihm besserging. Im Gegenteil. Er schaute auf ein verdrecktes Gelände mit tiefgelegten Bahngleisen und aufragenden Abstellplätzen für Autos - direkt gegenüber dem Chicago Cultural Center und unmittelbar neben dem Art Institute of Chicago, einem der großen Kunstmuseen der Welt. Es war ein Anblick, der selbst bei Gesunden Zahnschmerzen verursachen konnte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Dort muss ein Park hin und kein Parkplatz“, soll deshalb der Bürgermeister gesagt oder doch zumindest gedacht haben. Kurzerhand wurde das gesamte Areal mit Betonplatten überdacht und darauf mit Styropor eine Hügellandschaft geformt, das Ganze mit Erde bestreut, mit Blumen bepflanzt, von Promenaden durchzogen, mit Wasserbecken aufgelockert und um einen verschachtelten Konzertpavillon nach Entwürfen von Frank Gehry ergänzt - fertig war der Millennium Park, eine Oase in der Innenstadt Chicagos, mehr noch: eine kleine Wunderwelt. Das Herzstück der Anlage, die riesige Plastik „Cloud Gate“ des indisch-englischen Bildhauers Anish Kapoor, wurde auch gleich noch zum neuen Wahrzeichen der Stadt.

          Budenzauber oder große Kunst

          Keine Sehenswürdigkeit Chicagos, so heißt es, werde häufiger fotografiert als diese Blase aus Edelstahl, nahtlos und kratzerfrei und stets auf Hochglanz poliert seit ihrer Enthüllung im Mai 2006 - zwei Jahre nach der Eröffnung des Parks. Aber fotografieren die Besucher, die sich hier Tag für Tag in Scharen versammeln, wirklich das Kunstwerk, oder fotografieren sie nicht vielmehr sich selbst? Denn je näher man heranrückt, desto mehr scheint sich das „Wolkentor“ vor dem Betrachter zurückzuziehen.

          Die Bürger Chicagos nennen die Plastik von Anish Kapoor ganz prosaisch „Bean”

          Wie eine Simulation wirkt alles, was sich im Widerschein des glänzenden Metalls zeigt, immer leicht verzerrt, der Krümmungen wegen, und mit jedem Schritt, den man tut, auf seltsame Weise in Bewegung, als pulsiere die Welt, als rolle sie davon wie Lichtreflexe in Quecksilber, rutsche zur Seite, kippe weg. Geht man endlich durch das Tor hindurch, förmlich angezogen und aufgesaugt von den verführerischen Rundungen, explodieren die Bilder in Hunderte wirrer Fetzen wie in einem Kaleidoskop. Da wird es mitunter sogar schwierig, das eigene Spiegelbild zu finden. Wo bin ich, fragt man sich, sucht die Rundungen ab und befürchtet, jeden Moment den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es ist ein Effekt, an dem niemand sich sattsehen kann. Jahrmarktbudenzauber, kritisieren manche. Nein, große Kunst, möchte man entgegenhalten: Kunst, an der man mehr als ein Weilchen Spaß haben kann - trotz vieler düsterer Anspielungen.

          Wie Stanley Kubricks schwarzer Monolith

          Das „Cloud Gate“, das von den Bürgern der Stadt ganz prosaisch „Bean“ genannt wird, Bohne, führt von der Innenstadt zum See, dem Lake Michigan. Es führt aber auch von der Realität in die Imagination, von der Aktion zur Reaktion, von der narzisstischen Selbstbespiegelung zur kritischen Selbsterforschung. Wer vor dem Werk steht, ist zugleich mittendrin - und wird selbst Objekt der Betrachtung.

          Dabei wirkt der Bühnenhintergrund, die Skyline von Downtown mit ihren Hochhäusern aus gut hundert Jahren, in diesem Spiegel plastischer, wirklicher, wahrhaftiger, als wenn man sich herumdreht und nur einer himmelhohen grauen Wand gegenübersteht. Vielleicht ist es auch ebendieser Effekt, der die Menschen anzieht - denn irgendwann glaubt man sich nicht mehr vor einem Spiegel, sondern vor einem Guckkasten, in den man hineinschaut - einem geheimnisvollen Bildträger, den Wesen eines fernen Sterns auf der Erde zurückgelassen haben könnten und den die Erdlinge nun betasten wie die Affenhorde den schwarzen Monolithen in Stanley Kubricks Science-Fiction-Film „2001 - Odyssee im Weltraum“.

          125 Tonnen Leichtigkeit

          Schwebezustände sind ein wiederkehrendes Moment im Werk des dreiundfünfzig Jahre alten Anish Kapoor, Biennale-Teilnehmer 1990 und Turner-Prize-Träger im Jahr darauf. Zuletzt holte er mit einem riesigen konkav gewölbten Spiegel den Himmel in die Schluchten von New York herunter und ließ in der Reflexion zugleich das Rockefeller Center kopfüber davonfliegen. Und vor gut zehn Jahren hängte er für die Installation „Cloud“ einen weißen Quader so an die Decke einer Ausstellungshalle in Mailand, dass man denken musste, in diesem Raum sei die Schwerkraft aufgehoben.

          Auch das „Cloud Gate“ strahlt trotz seiner überwältigenden Dimensionen mit einer Breite von zweiundzwanzig und einer Höhe von elf Metern und trotz des bedrückenden Gewichts von hundertfünfundzwanzig Tonnen erstaunliche Leichtigkeit aus; und man würde sich nicht wundern, wenn es gleich einer Seifenblase im nächsten Moment abheben würde - um dann irgendwo am weiten Himmel zu zerplatzen.

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