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Brenner : Das Dorf an der Passhöhe

Seit die Grenzposten 1989 abgeschafft worden sind, rauscht der Verkehr ganz ohne Halt vorüber Bild: Müller, Andreas

Brenner, früher Sehnsuchtsort auf dem Weg nach Italien, wehrt sich heute gegen die Bedeutungslosigkeit. Der Verkehr rauscht einfach vorüber.

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          Nein, dieses nach Schweineschnitzel duftende Museum kann den Mythos nicht erhalten, man wird den Eindruck nicht los, es versetze ihm eher den Todesstoß. 18 großformatige Fotos alter Gebäude hängen an der grauen Wand, dazu Kopien vergilbter Schriftstücke, Land- und Postkarten in Vitrinen und ein hellblauer VW-Käfer in Miniatur. Aus Küche und Gaststube wabern Wolken herauf, hier in den ersten Stock der neuen Autobahnraststätte „Rosenberger am Brenner“, die Durchreisenden aber bleiben unten. Niemand scheint sich für die Geschichte der Ortschaft Brenner zu interessieren, die nur ein paar hundert Meter weiter im Sterben liegt, hinter der Autobahn und hinter einem guten Dutzend Bahngleisen.

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für viele Jahrhunderte war Brenner, auf 1372 Metern über dem Meeresspiegel gelegen, viel mehr als nur ein Zwischenstopp mit Schnitzel. Schon in der Bronzezeit wanderten Händler, Boten und Abenteurer über den niedrigsten aller Alpenpässe, die Römer pflasterten die erste Straße, und im Mittelalter zogen nicht weniger als 66 deutsche Könige und Kaiser vorüber. Unzählige Maler und Schriftsteller machten hier auf ihrem Weg ins Sehnsuchtsland Italien halt: „Und nun erwarte ich, dass der Morgen diese Felsenkluft erhelle, in der ich auf der Grenzscheide des Suedens und Nordens eingeklemmt bin“, schrieb Goethe in sein Reisetagebuch.

          Auch für die deutschen Wirtschaftswundertouristen in ihren Käfern war die Alpenüberquerung noch ein erhabenes Erlebnis. Am Brenner war man über den Berg, Brenner war das erste Dorf Italiens, hier gab es den ersten Espresso und den ersten Schluck Chianti, aus dickbäuchigen Flaschen mit Bastmänteln. Heute wirkt Brenner eher wie das letzte Dorf.

          Früher war alles anders

          Eingeklemmt zwischen Autobahn, Gleisen und steilen Berghängen kauert Brenner entlang zweier Einbahnstraßen, die eine führt Richtung Italien, die andere Richtung Österreich, keine Straße führt wirklich in den Ort. Es gibt zwei Kirchen und einen Friedhof, einen martialischen Bahnhof, leerstehende Kasernenblöcke, viel zu große, mehrstöckige Wohnquader, von vielen blättert der Putz, bei einigen sind Türen und Fenster zugemauert. Dazwischen warten mehrere Cafés und Pizzerien, und sie scheinen schon lange zu warten, den Charme der achtziger Jahre haben sie sich jedenfalls bewahrt. Leder- und Lebensmittelgeschäfte, Ramsch- und Spirituosenläden bieten vor allem eines, nämlich Prozente. „20, 30, 50 Prozent!“, am Grenzort und Marktplatz Brenner herrscht Ausverkauf, die fetten Jahre sind lange vorbei.

          „Weißt du“, sagt Hans-Jörg Orgler, „früher wollten alle nach dem Süden runter. Da sind viele zu uns gekommen.“ Orgler spricht bedächtig, fast schüchtern, mit einem starken Südtiroler Akzent, sein Haar ist schlohweiß, sein Alter will er nicht verraten, nur das der Gaststube, in der er steht, die stammt aus dem 14. Jahrhundert. Der Tiroler Landesfürst hatte damals den Auftrag gegeben, am Brenner rund um die Uhr eine warme Stube einzurichten, und bald schon war der „Gasthof zum Wolf“ eine beliebte Einkehr. Generation für Generation bewirteten die Orglers die Durchreisenden, stolz wie ein Spitzbub bläst der alte Orgler seine dicken Backen auf, wenn er davon erzählt.

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