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Brasilien : Die Wunder der Chapada Diamantina

  • -Aktualisiert am

Man glaubt die Stille sehen zu können: Die Serra do Sincorá Bild: Daniel Veith

Heute sagen sich der Chapada Diamantina Jaguar und Wildschwein gute Nacht. Früher aber, als Diamanten in den Flüssen lagen wie Kiesel, sorgten Glücksritter in dieser weiten Hochfläche im Herzen des brasilianischen Bundesstaats Bahia für einen bizarren Boom.

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          Noch einen Schritt weiter, und man stürzt vierhundert Meter in die Tiefe. Doch ans Zurückweichen denkt niemand, zu groß ist die Neugier. Um den Wasserfall erspähen zu können, muss man sich auf die glühenden Felsen legen und wie ein Leguan an die Abbruchkante heranrobben. Und dann sieht man zwischen Orchideen und Dornbüschen endlich den Gebirgsbach aus einer Spalte in die urzeitliche Schlucht hinabschießen. Aufwinde aus dem Tal sorgen dafür, dass der Strahl gar nicht erst unten ankommt, sondern sich bei seinem Fall in die Tiefe in zarte Nebelschwaden zerstäubt. Manchmal schleudert die Luftströmung die winzigen Tröpfchen so kräftig in die Höhe, dass die Linse des Fotoapparats, den man mit zitternder Hand über den Felsvorsprung hält, vom Sprühregen benetzt wird. Es ist kein Wunder, dass diese höchste Kaskade Brasiliens in der bilderreichen Sprache der Tropen Cachoeira da Fumaça heißt: der Wasserfall des Rauchs.

          Die Cachoeira da Fumaça ist das spektakulärste Postkartenmotiv in der Chapada Diamantina, einer weiten, von mehreren Gebirgsriegeln durchschnittenen Hochfläche im Herzen des brasilianischen Bundesstaats Bahia. Die Höhenzüge schneiden das Becken des Rio São Francisco, des größten Flusses der Region, von der mit Kokospalmen übersäten Atlantikküste ab. Ein Teilstück im Osten der Chapada wurde 1985 zum Nationalpark erklärt. Es umfasst mehr als die Hälfte der von tiefen Canyons zerfurchten Tafelberglandschaft der Serra do Sincorá, einer der geheimnisvollsten und unberührtesten Landschaften Brasiliens.

          Alte Zeiten von Pracht und Glanz

          Wenn man vom vierhundert Kilometer entfernten Salvador da Bahia ins trockene Hinterland des Sertão fährt, tauchen nach vielen Stunden in der ausgezehrten, von der Tropenglut verbrannten Einöde plötzlich verwunschene Bergmassive auf, die keineswegs trocken und karg, sondern von einem dichten, kraftstrotzenden Grün überspannt sind. Denn an den hohen Felswänden bleiben die aus dem feuchten Süden heraufziehenden Wolken hängen und schütten ihren Regen ab. Am Ostrand der Serra do Sincorá dämmert das Städtchen Lençóis vor sich hin. Liebevoll restaurierte Kolonialhäuser mit farbenfrohen Fassaden, schmiedeeisernen Balkongeländern und ockerfarbenen Ziegeldächern geben einen wehmütigen Hinweis auf lange vergangene Zeiten von Pracht und Glanz.

          Als in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Diamanten in der Chapada gefunden wurden, die der Gegend ihren schillernden Beinamen Diamantina einbrachten, entstand die Stadt aus dem Nichts. Der Traum vom schnellen Reichtum lockte Glücksritter aus ganz Brasilien und sogar aus Übersee an. Zwischen 1850 und 1870 erlebte Lençóis eine kurze, gewaltige Blüte. Die Stadt schwoll auf dreißigtausend Einwohner an, sogar ein französisches Konsulat wurde eingerichtet. Doch die verheißungsvolle Erde war rasch erschöpft, und die Karawane der Glückssucher zog weiter, nichts als Stille und Armut hinterlassend.

          Coca-Cola-Teich

          Seinen einstigen Reichtum versucht Lençóis jetzt mehr schlecht als recht mit den Touristen zurückzuholen. Der Ort bietet die meisten und mit Abstand besten Unterkunfts- und Verpflegungsmöglichkeiten der gesamten Region, liegt aber ein wenig ungünstig an der Grenze des Naturschutzgebiets. Deswegen ist es für unerschrockene Naturliebhaber vorteilhafter, lieber auf den Komfort zu verzichten und in den bescheidenen Pousadas in unmittelbarer Nähe des Parks zu übernachten.

          Von Lençóis geht es zunächst in Richtung Süden. Nach achtzig Kilometern durch hügelige, ausgedorrte Grassteppen gelangt man in den Marimbus, eine sumpfige, dem südbrasilianischen Pantanal ähnelnde Marschlandschaft, die von verschiedenen Flüssen geformt wurde und deren Wasser sich im Schatten der Tafelberge zu idyllischen Teichen aufstaut. Bei ausreichendem Wasserstand kann man im Kanu durch die Kanäle voller Schilfgras und Farne paddeln, vorbei an Wasserhyazinthen und Wasserlilien mit ihren enormen, kreisrunden Blättern, deren sternförmige Blüten sich allerdings nur nachts öffnen. Auf den Ipê-Bäumen streiten sich vorlaute Papageien um den besten Ast, manchmal schwirrt ein Kolibri durch die Luft. In herrlichen Naturschwimmbecken kann man baden, eine willkommene Erfrischung in der Mittagshitze. Die ungewöhnliche Rotfärbung des Wassers muss niemanden beunruhigen: Sie beruht auf dem außergewöhnlich hohen, natürlichen Eisengehalt der Quellen in der Umgebung. Stellenweise ist die Brühe so dunkel, dass man sich wie in einem Coca-Cola-Teich fühlt.

          Zurück blieben nur Ruinen

          Wer sich nicht davor scheut, in Gesellschaft von Klapperschlangen und Vogelspinnen ohne schützendes Zeltdach unter dem Kreuz des Südens zu schlafen, kann sich im nur wenige Kilometer entfernten Diamantengräberstädtchen Andaraí einer Wandergruppe anschließen, die die Serra do Sincorá durchkreuzt. Siebenundsechzig schweißtreibende Kilometer führen durch die Weltabgeschiedenheit des Tals von Paty von der einen Flanke des Gebirgszugs zur anderen. Nach drei oder vier Tagen gelangt man ins Tal von Capão, von wo aus man zur Cachoeira da Fumaça weitermarschieren kann. Eine andere, nur wenige Stunden dauernde Trekkingroute, die sich auch auf dem Rücken von Pferden bewältigen lässt, schlängelt sich auf einem alten Garimpeiro-Pfad nach Igatu.

          Die auf einem schroffen, rostbraun leuchtenden Felsplateau thronende Ortschaft wurde zunächst als Zwischenstation von Edelsteinsuchern und Händlern erbaut, die von Andaraí gen Süden zogen. Der unterhalb des einsamen Nestes träge dahinplätschernde Riacho das Piabas erwies sich dann aber als einer der diamantenreichsten Flüsse der ganzen Chapada. Aber auch diese sagenhafte Schatztruhe der Natur war eines Tages erschöpft, und Igatu wurde fast völlig aufgegeben.

          Leblos wie der Friedhof

          Rabiate Garimpeiros zerstörten ganze Straßenzüge auf der verzweifelten Jagd nach den allerletzten Diamanten. Zurück blieben nur Ruinen. Am Rand der Geisterstadt erbaute man ein neues Dorf, das sich in den vergangenen Jahren dem Ökotourismus verschrieben hat. Hippies schwelgen hier in der elysischen Ruhe am kaffeebraunen Busen der Natur. Hinter den letzten Häuschen sagen sich Jaguar und Wasserschwein gute Nacht.

          Die meisten der wenigen Besucher durchqueren die Serra do Sincorá aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto und legen dabei den obligaten Zwischenstopp in Mucugê ein. Hier soll der Legende nach im Jahre 1844 der Diamantenboom seinen Anfang genommen haben, als einem Schützling des örtlichen Coronel beim Händewaschen im Fluss zufällig ein preziöser Klumpen zwischen die Finger rann. Heute sind die Straßen menschenleer, die Rundbogenfenster der Häuser nahezu alle mit wurmstichigen Holzläden verrammelt. Der Putz bröckelt, ein paar von der mörderischen Hitze ausgemergelte Köter lungern auf den Plätzen herum. Ein uralter VW-Käfer mit zwei grauhaarigen Männern tuckert durch den Ort - das erste Auto des Tages. Mucugê ist so leblos wie der Friedhof, der draußen an einem grünen Berghang klebt.

          Die Lockungen der Unterwelt

          Auf einer haarsträubenden, staubig-roten Sandpiste schaukelt man jetzt westlich der Tafelbergkette vorbei ins Tal von Capão, das man auch auf der Wanderung von Andaraí aus erreicht hätte. Wer Lust auf Esoterik hat, kann hier einer der drei alternativen Kommunen einen kakerlakennahen Schlafplatz abschnorren. Die Weltverbesserer schwören auf Naturmedizin und betreiben ökologischen Ackerbau.

          Im nördlichen Parkabschnitt warten die Lockungen der Unterwelt. Die abenteuerlichste der zahlreichen Höhlen ist die Gruta da Torrinha. Eine dreistündige Tour führt hier in den Kosmos der ewigen Nacht. Man muss sich durch enge Schächte winden und unter weniger als einen halben Meter hohen Decken durchkrabbeln, um die immer phantastischeren Säle des weitverzweigten Grottensystems zu erreichen, dessen Gesteinsformationen zu den mannigfaltigsten der Erde gehören.

          Absoluten Finsternis im Bauch der Erde

          Kalzitkristalle in allen Formen und Größen hängen von der Decke oder sprießen aus den Wänden, jedem Gesetz der Schwerkraft trotzend - manchmal hauchdünn und tausendfach verästelt, sich verschränkend, verknotend, als spitze Nadeln oder Korkenzieher, bisweilen feist und prall, als funkelnde Kolben oder geschuppte Tannenzapfen. Durchsichtige Stalaktiten wechseln sich ab mit filigranen Staubfäden und korallenartigen Eisenblüten. Die eine Tropfsteinsäule erinnert an eine Hand wie von Rodin, die andere ähnelt einem Gespenst. Hier stehen zwei Tafelberge, dort hängt eine Entenflosse herab. Und hinter quellenden Vorhängen, steinernen Algen und Makkaroniwäldern aus Sinterkalk prangen wasserklare Blumen und Gipsfiguren.

          Als sensationellste Formation behält man gewiss die zweitgrößte Aragonit-Blüte der Welt im Gedächtnis: Aus einem verknorpelten Stengel wächst eine perfekt gerundete Kugel heraus, die wie ein spätmittelalterlicher Morgenstern mit spitzen Stacheln besetzt ist. Wenn man seinem brasilianischen Virgilius besonders sympathisch ist, zeigt dieser einem für ein kleines Trinkgeld noch den eigentlich für die Öffentlichkeit gesperrten Diamantensaal, einen das scheue Geflacker der Gaslaterne milliardenfach reflektierenden Zauberschrein. Man darf keine Fotos machen, nicht sprechen und kann sich auch nur ganz kurz darin aufhalten, um die hochempfindlichen Kristalle nicht zu schädigen. Unvergesslich bleibt jener Moment, wenn das Licht gelöscht wird und man mitten in der absoluten Finsternis im Bauch der Erde sitzt.

          Wie ein Tuch aus Tüll

          Wieder in der Sonnenbrunst biegt man auf die Bundesstraße Richtung Salvador ab und durchquert die Serra do Sincorá ein zweites Mal. Zum Abschied und als Krönung darf ein besonderer Programmpunkt nicht fehlen: der Morro do Pai Inácio, das Wahrzeichen der Chapada Diamantina. „Papa Ignaz“, der Namensgeber des Berges, soll ein Sklave gewesen sein, der mit der Geliebten seines Herrn geflohen war und auf diesem luftigen Horst Schutz vor den Verfolgern suchte. Heute ist die Besteigung des 1200 Meter hohen, zerklüfteten Steinzylinders kein halsbrecherisches Abenteuer mehr. Mit dem Auto kommt man sehr nahe an den krustigen Schaft heran, vom Parkplatz ist es über einen alten Garimpeiro-Steig nur noch eine Viertelstunde bis zum Gipfel.

          Von der mit Bromelien, Kakteen und exotischem Buschwerk überwucherten Plattform bietet sich ein atemraubendes Panorama: Aus der Ebene steigen zuerst in leichtem Schwung grün gefleckte Hügel auf, manchmal mit ein paar Steinbrocken gespickt, aus denen plötzlich gewaltige graue Felswände senkrecht emporschießen, um nach einem tollkühnen Aufstieg ebenso unvermittelt abzuplatten und in brettflache Hochterrassen überzugehen, von denen die brodelnde Vegetation wie ein Tuch aus Tüll herunterquillt.

          Den ganzen Abend könnte man hier oben bleiben und diese sonderbare Landschaft bestaunen. Allmählich streichelt die Sonne den Horizont und lässt die Bergmassive der „Três Irmãos“, der drei Brüder, die wie gigantische Schiffsbuge in das grüne Meer hineinstoßen, in überirdischem Goldglanz erstrahlen. Dann sinkt der Schleier der Nacht über die Landschaft. Langsam verbleichen die Farben, und die bizarre Silhouette der Tafelberge zeichnet sich nur noch schemenhaft vor dem immer blasser werdenden Himmel ab, bis sie vollends vom schwarzen Mantel der mondlosen Tropennacht umhüllt wird.

          In den Bergen der Diamanten

          Chapada Diamantina: Die Höhepunkte des Nationalparks lassen sich in drei bis vier Tagen gut besichtigen. Man erreicht die Orte rund um den Park mit Bussen. Da aber eine Infrastruktur innerhalb der Serra do Sincorá praktisch nicht existiert, sollte man trotz der schwierigen Straßenverhältnisse ein Auto mieten. In Salvador da Bahia zahlt man zum Beispiel bei Transnet Rent a Car (Telefon: 0055/71/33440754) für einen Kleinwagen ab zweihundert Euro pro Woche inklusive Versicherungen. Das Benzin ist in Brasilien nur geringfügig billiger als in Westeuropa, daher lohnt sich ein Fahrzeug mit Alkoholmotor. Alle Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten kann man nach Wunsch auch mit örtlichen Führern unternehmen. Preise sind in der Regel Verhandlungssache. Die Exkursion durch die Torrinha-Höhle etwa kostet umgerechnet zehn Euro. Außer in Lençóis sollte man sich bei Kost und Logis keine allzu großen Illusionen machen.

          Auskunft: Informação Turística, Lençóis, Telefon: 0055/75/3341425; Ibama (Nationalparkverwaltung), Rua Rui Barbosa, 7, Palmeiras, Brasilien, Tel.: 0055/75/3322229; allgemeine Informationen über Brasilien im Internet unter www.braziltour.com.

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