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Brasilien : Die Wunder der Chapada Diamantina

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Auf einer haarsträubenden, staubig-roten Sandpiste schaukelt man jetzt westlich der Tafelbergkette vorbei ins Tal von Capão, das man auch auf der Wanderung von Andaraí aus erreicht hätte. Wer Lust auf Esoterik hat, kann hier einer der drei alternativen Kommunen einen kakerlakennahen Schlafplatz abschnorren. Die Weltverbesserer schwören auf Naturmedizin und betreiben ökologischen Ackerbau.

Im nördlichen Parkabschnitt warten die Lockungen der Unterwelt. Die abenteuerlichste der zahlreichen Höhlen ist die Gruta da Torrinha. Eine dreistündige Tour führt hier in den Kosmos der ewigen Nacht. Man muss sich durch enge Schächte winden und unter weniger als einen halben Meter hohen Decken durchkrabbeln, um die immer phantastischeren Säle des weitverzweigten Grottensystems zu erreichen, dessen Gesteinsformationen zu den mannigfaltigsten der Erde gehören.

Absoluten Finsternis im Bauch der Erde

Kalzitkristalle in allen Formen und Größen hängen von der Decke oder sprießen aus den Wänden, jedem Gesetz der Schwerkraft trotzend - manchmal hauchdünn und tausendfach verästelt, sich verschränkend, verknotend, als spitze Nadeln oder Korkenzieher, bisweilen feist und prall, als funkelnde Kolben oder geschuppte Tannenzapfen. Durchsichtige Stalaktiten wechseln sich ab mit filigranen Staubfäden und korallenartigen Eisenblüten. Die eine Tropfsteinsäule erinnert an eine Hand wie von Rodin, die andere ähnelt einem Gespenst. Hier stehen zwei Tafelberge, dort hängt eine Entenflosse herab. Und hinter quellenden Vorhängen, steinernen Algen und Makkaroniwäldern aus Sinterkalk prangen wasserklare Blumen und Gipsfiguren.

Als sensationellste Formation behält man gewiss die zweitgrößte Aragonit-Blüte der Welt im Gedächtnis: Aus einem verknorpelten Stengel wächst eine perfekt gerundete Kugel heraus, die wie ein spätmittelalterlicher Morgenstern mit spitzen Stacheln besetzt ist. Wenn man seinem brasilianischen Virgilius besonders sympathisch ist, zeigt dieser einem für ein kleines Trinkgeld noch den eigentlich für die Öffentlichkeit gesperrten Diamantensaal, einen das scheue Geflacker der Gaslaterne milliardenfach reflektierenden Zauberschrein. Man darf keine Fotos machen, nicht sprechen und kann sich auch nur ganz kurz darin aufhalten, um die hochempfindlichen Kristalle nicht zu schädigen. Unvergesslich bleibt jener Moment, wenn das Licht gelöscht wird und man mitten in der absoluten Finsternis im Bauch der Erde sitzt.

Wie ein Tuch aus Tüll

Wieder in der Sonnenbrunst biegt man auf die Bundesstraße Richtung Salvador ab und durchquert die Serra do Sincorá ein zweites Mal. Zum Abschied und als Krönung darf ein besonderer Programmpunkt nicht fehlen: der Morro do Pai Inácio, das Wahrzeichen der Chapada Diamantina. „Papa Ignaz“, der Namensgeber des Berges, soll ein Sklave gewesen sein, der mit der Geliebten seines Herrn geflohen war und auf diesem luftigen Horst Schutz vor den Verfolgern suchte. Heute ist die Besteigung des 1200 Meter hohen, zerklüfteten Steinzylinders kein halsbrecherisches Abenteuer mehr. Mit dem Auto kommt man sehr nahe an den krustigen Schaft heran, vom Parkplatz ist es über einen alten Garimpeiro-Steig nur noch eine Viertelstunde bis zum Gipfel.

Von der mit Bromelien, Kakteen und exotischem Buschwerk überwucherten Plattform bietet sich ein atemraubendes Panorama: Aus der Ebene steigen zuerst in leichtem Schwung grün gefleckte Hügel auf, manchmal mit ein paar Steinbrocken gespickt, aus denen plötzlich gewaltige graue Felswände senkrecht emporschießen, um nach einem tollkühnen Aufstieg ebenso unvermittelt abzuplatten und in brettflache Hochterrassen überzugehen, von denen die brodelnde Vegetation wie ein Tuch aus Tüll herunterquillt.

Den ganzen Abend könnte man hier oben bleiben und diese sonderbare Landschaft bestaunen. Allmählich streichelt die Sonne den Horizont und lässt die Bergmassive der „Três Irmãos“, der drei Brüder, die wie gigantische Schiffsbuge in das grüne Meer hineinstoßen, in überirdischem Goldglanz erstrahlen. Dann sinkt der Schleier der Nacht über die Landschaft. Langsam verbleichen die Farben, und die bizarre Silhouette der Tafelberge zeichnet sich nur noch schemenhaft vor dem immer blasser werdenden Himmel ab, bis sie vollends vom schwarzen Mantel der mondlosen Tropennacht umhüllt wird.

In den Bergen der Diamanten

Chapada Diamantina: Die Höhepunkte des Nationalparks lassen sich in drei bis vier Tagen gut besichtigen. Man erreicht die Orte rund um den Park mit Bussen. Da aber eine Infrastruktur innerhalb der Serra do Sincorá praktisch nicht existiert, sollte man trotz der schwierigen Straßenverhältnisse ein Auto mieten. In Salvador da Bahia zahlt man zum Beispiel bei Transnet Rent a Car (Telefon: 0055/71/33440754) für einen Kleinwagen ab zweihundert Euro pro Woche inklusive Versicherungen. Das Benzin ist in Brasilien nur geringfügig billiger als in Westeuropa, daher lohnt sich ein Fahrzeug mit Alkoholmotor. Alle Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten kann man nach Wunsch auch mit örtlichen Führern unternehmen. Preise sind in der Regel Verhandlungssache. Die Exkursion durch die Torrinha-Höhle etwa kostet umgerechnet zehn Euro. Außer in Lençóis sollte man sich bei Kost und Logis keine allzu großen Illusionen machen.

Auskunft: Informação Turística, Lençóis, Telefon: 0055/75/3341425; Ibama (Nationalparkverwaltung), Rua Rui Barbosa, 7, Palmeiras, Brasilien, Tel.: 0055/75/3322229; allgemeine Informationen über Brasilien im Internet unter www.braziltour.com.

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