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Brasilien : Am Ende des Goldwegs

Paratys Nächte sind lang Bild: AP

Nach dem Goldrausch geriet das brasilianische Städtchen Paraty in Vergessenheit und wurde beinahe vom Dschungel verschluckt. Der Ort steckt voller Geschichten.

          7 Min.

          Esvaldo marschiert in Schlappen über den Hang hinauf, Lorran hüpft barfuß hinterher. Die Steine sind rauh und griffig, aber ohne scharfe Kanten. Beharrlicher Nieselregen und aufbrausende Schauer haben sie über Jahrhunderte geschliffen, Moose und Flechten klammern sich daran fest. Es sind Kiesel, klein wie Kirschen, und Felsbrocken, groß wie Kürbisse - zusammengefügt zu einer Art kunstvollen Mosaiks, das in Wirklichkeit eine zwei Meter breite Straße ist. Im tiefen Grün des Urwalds schleicht sie den Berg hinauf.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Esvaldos Schritte sind schwungvoll und sicher, obwohl er kaum auf den holprigen Weg zu achten scheint. Während er voraneilt, beginnt er zu erzählen - von den afrikanischen Sklaven, die die Steine vor mehr als dreihundert Jahren auf alten Indianerpfaden verlegten. Von den Karawanen aus Maultieren und Ochsen, die tonnenweise Gold und Kaffee transportierten. Und von den Schmugglern und Wegelagerern, die hier einst ihr Unwesen trieben. Die Beute, erzählt Esvaldo, versteckten die Banditen meist unter den Wurzeln großer Bäume; viele wurden erwischt und hingerichtet, die geheimen Verstecke aber nie gefunden. Esvaldo bleibt stehen. Er bückt sich, hebt mehrere dunkelgrüne Glasscherben auf und reibt mit seinen kräftigen Fingern die lehmige Erde ab. „Die sind von einer Flasche aus dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert", sagt er. „Damals war das Glas viel dicker als heute."

          Er schaut die Scherben noch einen Moment lang an, dann legt er sie zurück auf den Urwaldboden und marschiert weiter. Esvaldo, der rastlose Parkplatzwächter. Sein Häuschen, weiß gestrichen, mit blauen Tür- und Fensterrahmen, steht unten an der Hauptstraße, dort, wo der „Caminho do Ouro", der Weg des Goldes, beginnt. Vor fünf Jahren wurden von hier aus die alten Steine freigelegt und damit ein vier Kilometer langer Abschnitt des Goldweges dem wuchernden Dschungel abgerungen. Auf der Suche nach neuen Attraktionen hatten sich die örtlichen Touristenführer an die vergessene Steinstraße erinnert, die einst die wichtigste Verbindung von der Küste ins Hinterland der portugiesischen Kolonie war.

          .. und Paratys Wege auch

          Schluss mit den Reichtümern

          Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden ungeheure Mengen an Gold und Edelsteinen von den Minen bei Ouro Preto und Diamantina im heutigen Bundesstaat Minas Gerais über den „Caminho do Ouro" bis an die Küste transportiert. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war es dann vor allem Kaffee aus den Hochtälern bei São Paulo, der am Ende des Wegs im Hafenstädtchen Paraty verschifft wurde. Der immense Reichtum Brasiliens machte halt in dem einstigen Indianerdorf, und Paraty, in einer windgeschützten Bucht, etwa zweihundert Kilometer südlich von Rio de Janeiro, wurde so für viele Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Häfen Brasiliens. Doch das Schicksal der Stadt hing an einem holprigen Steinweg.

          Heute kommen über den Goldweg keine Reichtümer mehr nach Paraty; nur noch Besucher - die den restaurierten Abschnitt des „Caminho do Ouro" nur gemeinsam mit einem offiziellen Führer gehen dürfen. Die dunkelgrünen Gipfel der Bergkette hinter Paraty verschwinden an diesem Vormittag im Einheitsweiß des Himmels, die Feuchtigkeit der nächtlichen Schauer überzieht die Pflanzen. Die alte Grundschule am Beginn des Goldweges ist geschlossen und verlassen, kein Touristenführer weit und breit. Zu nass, zu rutschig, zu gefährlich, sagt die Nachbarin. Heute gibt es keine Führung.

          Leere Parkplätze

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