https://www.faz.net/-gxh-vxa3

Billigflieger : Wir sind das Easy-Jet-Set

  • -Aktualisiert am

Mit dem Billigflieger in wenigen Tagen durch Europa Bild: AFP

Fünf Städte in fünf Tagen: Im Internet kann man jetzt Angebote von Billig-Airlines kombinieren - soweit die Theorie. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Ein sehr günstiger Selbstversuch von Fabian von Poser.

          4 Min.

          Die Reise beginnt mit einer 54 Euro teuren Taxifahrt. Das Taxi musste ich nehmen, weil am Münchner Ostbahnhof mal wieder die S-Bahn streikte, die Bläser musizierten im Bahnhofuntergeschoss zum 35. Geburtstag eben dieser, und die Schlange erwartete mich, als ich nach meiner Odyssee durch die Münchner Vororte endlich in den Flieger steigen wollte. Es dauerte eine volle Stunde, bis alle Passagiere eingecheckt waren. Die bloße Tatsache, dass man von seiner Haustür vier Stunden braucht, um an Bord zu gelangen, und am Flughafen bereits die ersten 50 Euro los ist, sagt eigentlich schon alles über die Billigflieger. Doch fangen wir von vorne an.

          Es sollte ein Selbstversuch werden: fünf europäische Städte in fünf Tagen, verbunden nur mit sogenannten Low-Cost-Airlines. Was vor kurzem noch in eine aberwitzige Suche im World Wide Web ausartete, ist dank cleveren Suchmaschinen wie Swoodoo.de und Kayak.com neuerdings spielend möglich. Sie erlauben es, Flüge verschiedener Anbieter auf einer einzigen Website zu suchen und zu kombinieren. Möglichst unterschiedliche Orte sollten es sein, und so spuckte die Suchmaschine eine Flugkombination von München über Edinburgh, Belfast, Kattowitz und Rom zurück nach München aus. Der sehenswerte Preis: 328 Euro inklusive Steuern und Gebühren. Dafür muss man als Fluggast allerdings auch so manches in Kauf nehmen.

          Ganz schnell auf den Fensterplatz

          „Grüß Gott“, sagte die Stimme am Münchner Flughafen an jenem Sonntagnachmittag. „Leider ist Ihr Easyjet-Flug EZY 6912 nach Edinburgh heute eine Stunde verspätet.“ Breite Gesichter unter den Passagieren, dann aber doch Verständnis. Zwei Tage zuvor war ein mit Sprengstoff beladener Wagen in das Terminal des benachbarten Glasgower Flughafens gerast. Die Sicherheitsvorkehrungen seien verschärft worden, hieß es. Es war nicht das erste Mal, dass ich in einen Flieger von Easyjet einstieg. Irgendwann hatte mich einer der orangen Jets schon mal nach London getragen, deswegen kannte ich das Prozedere: Zwar gibt es beim Einchecken Bordkarten, aber keine Sitzplatznumerierung. Die Passagiere werden nach Klassen aufgerufen (A, B und alle anderen) und dann im Flieger aufeinander losgelassen. Erste Priorität eines erfahrenen Billigreisenden ist es, eine Sitzreihe möglichst weit vorne zu ergattern.

          Dann gilt es, ganz schnell den Fensterplatz zu erobern und schließlich die Nachbarsitze durch Ablegen möglichst schweren Gepäcks so lange zu blockieren, bis niemand mehr zusteigt. Das Ergebnis meiner Bemühungen um einen vernünftigen Platz: letzte Reihe Mittelsitz. Viel zu sehen bekommt man als Airline-Tester nicht. Eine kurze Nacht im Hotel, ein hastiges Frühstück, ein Besuch im Whisky-Laden, dann schnell zum nächsten Flug. Und der ist mal wieder rappelvoll. Obwohl der Sprung von Edinburgh über den Kanal nach Belfast gerade mal dreißig Minuten dauert, herrscht am Schalter maßloses Gedränge: Frauen mit Kleinkindern krabbeln durcheinander, ein Mann, der vorgibt, er hätte ein Knieleiden und müsse daher dringend am Notausgang sitzen, eine Dame, die Flugangst moniert: Natürlich hilft dagegen nur der Fensterplatz in der ersten Reihe.

          Drei Dinge muss man wissen

          Billig-Airlines verändern den Charakter der Passagiere. Ganz normale Menschen werden zu keifenden Bestien, wildfremde Passagiere giften sich an, als ob sie seit 30 Jahren verheiratet wären. Das Ergebnis meiner Sitzplatzbemühungen auf dem zweiten Billigflug: vorletzte Reihe, Gangplatz. Da ist noch Potential nach oben - oder vielleicht besser nach vorne. Drei Dinge sollte man als erfahrener Billigflieger wissen. Erstens: Bewahre stets die Ruhe und ärgere dich nicht über andere Passagiere. Zweitens: Verpasse nie deinen Flug, denn kostenloses Umbuchen gibt es nicht. Und drittens: Habe immer ausreichend Geld dabei, um die Kleinigkeiten unterwegs zu bezahlen. Hat man es nämlich nicht, dann kann es zum Beispiel sein, dass man am internationalen Flughafen von Belfast hängenbleibt. Neun nordirische Pfund (umgerechnet etwa zwölf Euro) kostet die 35-minütige Busfahrt in die Innenstadt. Einfach, versteht sich.

          Weitere Themen

          Wie Flugzeuge fit bleiben

          Geparkte Jets : Wie Flugzeuge fit bleiben

          Vom Herumstehen werden auch Flugzeuge nicht besser. Lufthansa muss erheblichen Aufwand treiben, um die teuren Jets betriebsbereit zu halten. Aber längst nicht alle werden nach Corona noch gebraucht.

          Topmeldungen

          Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

          In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.
          Die Corona-Warn-App mit der Seite zur Risiko-Ermittlung ist im Display eines Smartphone zu sehen.

          Pandemie : Corona-Warn-App kommt in fünf weiteren Sprachen

          Bisher gibt es die Corona-App in Deutsch, Englisch und Türkisch. Bald soll sie auch in Arabisch, Polnisch, Bulgarisch, Rumänisch und Russisch erhältlich sein. Mehr als 16 Millionen Menschen in Deutschland nutzen die App.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.