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Bahamas : Das kurze Glück der Ameisen

  • -Aktualisiert am

Auch in diesem Paradies wird es bald eng: Die Bahamas-Insel Great Exuma Bild: Andreas Obst

Es gibt keine unerreichbaren Orte mehr auf der Welt, und erst recht keine Trauminseln: Jetzt ist auch die Bahamas-Insel Great Exuma ins Visir der Tourismusindustrie geraten. Ein Urlaub in der zweiten Reihe.

          7 Min.

          Mögen im Tourismus wie im wirklichen Leben die Ansichten über viele Dinge weit auseinandergehen, so braucht man doch über das Paradies nicht zu streiten. Als Vorstellung ist das Paradies in allen Prospekten und Köpfen, es ist übergeografisch, vielleicht sogar übermenschlich. Der Begriff steht für den unerschütterlichen Glauben an das Schöne in einer Welt, die längst bis in die letzten Winkel hinein erobert und erforscht scheint.

          Das Urbild vom Paradies indes trägt die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren in sich. Doch es gibt keine unerreichbaren Orte mehr auf der Welt, und erst recht keine Trauminseln. Ist man endlich angekommen, liegt die Enttäuschung meist schon im Sand und winkt mit einem bunten Drink, aus dem Obstscheiben und Papiersonnenschirme aufragen. Womöglich beginnt man sich dann zu fragen, warum man in ein Paradies reisen soll, wenn es doch nur aus der Künstlichkeit seiner touristischen Zurichtung besteht, die allein dazu dient, die Abwesenheit von dem, was eigentlich das Leben ausmacht, zu verbergen.

          Chiffre für das Paradies

          Als "stylish, unspoiled and accessible" bezeichnet sich das "Four Seasons Resort Great Exuma at Emerald Bay" auf der Bahamas-Insel Great Exuma. Die Broschüre zeigt eine junge Frau im weißen bodenlangen Kleid, barfuß an der Wasserlinie. Über ihrem Kopf wölben sich Palmenkronen. Die Inszenierung des Bilds dient als Chiffre für das Paradies. Es zeigt, daß die alten Klischees nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Man sieht das Foto und weiß: Dorthin möchte ich. Sofort.

          Bild: F.A.Z.

          Die Bahamas, so heißt es bisweilen unter touristischen Misanthropen, haben ihre Unschuld lange schon verloren. Kolumbus war es, der als erster Europäer auf San Salvador, eine der insgesamt siebenhundert Inseln, die sich in weitem Bogen von der Küste Floridas in den Atlantischen Ozean ziehen, seinen Fuß setzte. Schon zwanzig Jahre später segelte sein Landsmann Ponce de Leon herbei und versuchte, im Labyrinth der Inseln den sagenhaften Quell ewiger Jugend zu finden. Statt dessen entdeckte er den Golfstrom. Dennoch gerieten die Bahamas schnell in Vergessenheit in der Alten Welt.

          Amerikanischer Sonnensatellit

          Die Region wurde zum Spielplatz für Piraten, Schmuggler und andere Abenteurer. Englische Loyalisten ließen sich dort nieder, die nicht in den unabhängig gewordenen Vereinigten Staaten leben wollten. Eine Boomzeit erlebten die Inseln während der Blockade des Südens im amerikanischen Bürgerkrieg. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis der Tourismus über die Bahamas kam. Alter Adel und Neureiche aus Europa fanden sich ein, Amerikaner und Kanadier machten die Inseln zum Winterziel. Die Einheimischen dort erkannten schnell, daß sie trotz des Mangels an Bodenschätzen und fruchtbarem Land reich waren. Denn sie verfügten über Sehnsuchtsstoffe - Sonne, Sand, Meer. Was anderswo fehlt, gibt es auf den Bahamas im Überfluß. Das mag auch für andere Karibikinseln gelten, aber die Menschen auf den Bahamas verstanden es früher und besser als andere, aus ihrem Reichtum Kapital zu schlagen. Sie verkauften den Amerikanern ganze Inseln oder doch wenigstens die Erlaubnis, dort ihre Vorstellung von Tourismus zu verwirklichen. So wurden die Bahamas, seit 1973 unabhängig von der englischen Krone, zu einem amerikanischen Sonnensatelliten. Heute benötigen Bürger der Vereinigten Staaten nicht einmal einen Ausweis, um in den Inselstaat einzureisen.

          Stilbewußt, unverdorben und erreichbar: Nichts an diesem Werbeslogan ist wirklich falsch - es ist allenfalls eine Frage der Perspektive. Das Hotel der kanadischen Four Seasons-Kette wurde im Herbst 2003 eröffnet, es sieht immer noch aus, wie gerade erst errichtet. Man bewegt sich als Gast wie durch eine Ausstellung, sorgsam bedacht, nichts anzufassen. Die Villen am Strand leuchten hellblau, die Gebäude im Rücken der Anlage ockergelb. Dazwischen spannt sich ein arrangierter Landschaftsgarten mit Blumenrabatten, kleinen Bäumen, die nicht aussehen, als würden sie jemals wachsen dürfen, und akkurat kupiertem Rasen. Am Swimming-pool stehen schattenspendende Zelte, die Stoffbahnen blähen sich in der Brise, die ständig weht. Das ist die einzige Bewegung in der Anlage.

          Eine Art Las Vegas im Wasser

          In weitem Halbkreis führt der Strand um die Emerald-Bucht, die zum Schauplatz eines touristischen Erschließungsunternehmens geworden ist. Mit Great Exuma ist damit erstmals eines der sogenannten Family oder Out Islands erreicht: die zweite Reihe der Bahamas. Der Tourismus im großen amerikanischen Stil, das Rund-um-die-Uhr-Erlebnis aus Glücksspiel, Sport, Spaß und Sonnenbrand war zunächst auf New Providence Island und die Hauptstadt Nassau begrenzt sowie einige Inseln im Norden der Bahamas. Paradise Island, mit Nassau durch eine Betonbrücke verbunden, hat sich binnen weniger Jahrzehnte in eine Art Las Vegas im Wasser verwandelt, mit dem Atlantis Resort als Mittelpunkt. Die größte Ferienanlage der Welt mit derzeit zweitausendvierhundert Zimmern soll bis Ende des nächsten Jahres um die Hälfte vergrößert werden. Dann sollen dort mindestens achttausend Einheimische Arbeit finden, heißt es. Die Bahamas haben den höchsten Lebensstandard in der Karibik, doch Arbeitslosigkeit ist vor allem auf den Out Islands weit verbreitet. Wer keine Anstellung im Tourismus findet, hat kaum andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

          So erscheint das Bemühen des Staats verständlich, die Weltabgeschiedenheit dieser Inseln zu beenden. Es ist den Menschen dort schwer zu vermitteln, daß sie in jenem längst nicht mehr rousseauschen Naturfrieden verharren sollen, der heute doch allenfalls eine Konsequenz banaler Armut ist, während auf dem Teil der Bahamas, der für die Moderne erschlossen ist, die Einwohner von der amerikanischen Zivilisation profitieren.

          „Coming soon“: Marina mit eigenem Feriendorf

          Dennoch wirkt es wie eine eigenartige Ironie, daß gerade die Unverbrauchtheit der Insel heute als Hauptargument für die Erschließung Great Exumas dient. Dafür steht das Unternehmen Emerald Bay Resort mit finanzieller Ausstattung aus den Vereinigten Staaten und dem Staat als "Arbeitspartner", der, wie es aus dem Unternehmen heißt, das Ziel verfolge, "das erste große Luxusresort auf einem Out Island erfolgreich zu etablieren".

          Die Karte der neuen touristischen Welt an der Emerald-Bucht zeigt die Hotelanlage von Four Seasons als Mittelpunkt, aber eben nur als Teil des Ganzen, das derzeit vollständig von der kanadischen Gesellschaft verwaltet wird. Der westlicher Ausläufer der Bucht soll dereinst in einer Marina mit eigenen Feriendorf enden, an den Gebäuden wird bereits gebaut. Der Gast kann den Fortgang der Arbeiten vom Liegestuhl am Strand der Hotelanlage aus beobachten. Auf der Ostseite ist das Land hinter den sanft gewellten Dünen schon gerodet. "Coming Soon" heißt es dort auf einem Schild, das für die Ferienhäuser des zukünftigen Ocean Village wirbt. Und auch im Rücken der Bucht soll ein Urlaubsdorf entstehen. Seine Gebäude werden an dem neu angelegten Achtzehn-Loch-Golfplatz beginnen und hinüberführen auf die Südseite der Insel, die wegen der ausgedehnten Mangrovensümpfe und schlammigen Uferabschnitte bisher als unattraktiv gilt.

          Erstrebenswerter Status: offizieller Bewohner der Bahamas

          Wenn das Emerald Bay Resort fertiggestellt ist, wird es ein Riegel vor dem oberen Drittel von Great Exuma sein: Eine exterritoriale Welt, mit einer Infrastruktur, die das Resort unabhängig vom Rest der Insel macht, und eigenen Vorschriften, deren Einhaltung von resorteigenen Sicherheitskräften überwacht wird. Emerald Bay Resort ist nicht das einzige Großunternehmen auf Great Exuma. An der bislang unerschlossenen Rückseite der Insel führen Sandwege durch lichte Wälder und dichte Sümpfe zu den Abschnitten des "Richmond Hill Beach Reserve", von dessen Plänen allerdings bisher nur Schilder zeugen, die das Erschließungsgebiet ausweisen.

          Schon etwas weiter in seiner Entwicklung von Exuma ist das Unternehmen February Point, das sich im Zentrum der Insel Strand und Boden gesichert hat. Es wirbt für seine künftigen Immobilien mit dem Hinweis, daß der Erwerb einer Zweitwohnung oder eines Ferienhauses im Wert von mindestens einer halben Million Dollar den Käufer und seine Familie in den Stand versetze, offizieller Bewohner der Bahamas zu werden. Das ist ein erstrebenswerter Status, denn so kommen auch Fremde in den Genuß der Privilegien dieses Karibikparadieses, das von seinen Bürgern keine Steuern fordert und jeglicher Art von Finanzgeschäften mit demonstrativem Desinteresse ihren Lauf läßt.

          Bedingung: viel Geld mitbringen

          Tatsächlich verstehen es die Bahamas auf besonders elegante Weise, den Alltag in einen gleichsam paradiesischen Zustand zu überführen - Bedingung ist nur, daß man aus dem Ausland kommt und viel Geld mitbringt. So gesehen lassen sich auch die Ein- und Ausreisekarten verstehen, die der Fremde am Flughafen ausfüllen muß. Sie stellen detaillierte Fragen zur touristischen Befindlichkeit und den Erfahrungen auf den Inseln mit der Bevölkerung - im Service wie auf der Straße. Dieser Katalog gipfelt in der Anregung, die Bahamas Freunden und Verwandten doch bitte schön zu empfehlen.

          Ohne Zweifel ist es auf Great Exuma besonders einfach, gängige Vorstellungen vom Paradies als touristische Kulisse zu finden. Der Strand ist weiß, das Wasser blau, und die Sonne scheint zuverlässig jeden Tag von morgens bis abends. Doch es ist eine beliebige Urlaubswelt, die man auch anderswo finden könnte. Für Europäer gilt: Für nichts als Sonne und Strand muß man so weit nicht reisen.

          In den Souvenirgeschäften langweilen sich die Verkäufer

          Doch auch über das Leben außerhalb der Hotelanlage erfährt man auf Great Exuma das Wesentliche sehr schnell. Die Insel mißt einige Dutzend Kilometer in der Länge, man benötigt also einen Mietwagen. Bei der Übergabe sagt die Angestellte, daß man sich nicht verfahren könne, es gebe nur eine einzige Straße. Sie führt von einer Landspitze zur anderen, nur zwanzig Minuten ist es mit dem Auto nach George Town. Unterwegs sieht man einzelne Häuser, brachliegende Felder, struppiges Gebüsch, aus dem hin und wieder das rostende Wrack eines aufgegebenen Autos ragt. Die Inselhauptstadt besteht aus einer Handvoll von Holzgebäuden, die sich unterhalb der weißgetünchten St. Andrew's Church drängen. Die Kirche wurde 1802 errichtet, die Tür ist verschlossen. Die Steine auf dem Friedhof gleich nebenan sind verwittert oder zerbrochen, die Inschriften kaum noch zu entziffern. Über die Gräber stolzieren Hühner.

          In den Souvenirgeschäften im Zentrum langweilen sich die Verkäufer, in der Gemischtwarenhandlung riecht es nach feuchtem Keller. Das Angebot besteht im wesentlichen aus Ausrüstungen für Hochseeangler, stählernen Angelschnüren, Ankern, Blinkern und verschiedenen Ausführungen von Fisch-Filetier-Sets. Dann gibt es noch einen Supermarkt und ein Geschäft mit Stilmöbeln und Dekorationsmaterial. Die Straße zum anderen Inselende führt durch die gleiche Landschaft wie zuvor. Ein Friedhof für Schulbusse präsentiert sich als Attraktion kurz vor der Brücke, die Great Exuma mit Little Exuma verbindet. Auf der Schwesterinsel prangt ein Lastwagen am Straßenrand, mit der Aufschrift "Tropical.com". Ein ungepflasterter Weg führt zu einem Strand mit Ferienhäusern. Es sind aufwendig gestaltete Gebäude mit Säulengängen, verschnörkelten Steinbalustraden und Balkonen mit schmiedeeisernen Gittern. Sie wurden erst unlängst errichtet und sind noch nicht bezogen. Über den Fensterscheiben kleben Plastikfolien. Einige hundert Meter weiter hält eine weiße Gipsmadonna auf ihrem Podest die Hände wie ratlos ausgestreckt. Dem Meer hat sie den Rücken zugewandt.

          Der Fisch ist frisch, das Bier eiskalt

          In George Town hat an diesem Mittag nur das Two Turtles Restaurant geöffnet. Es gibt keine Speisekarte, die Bedienung empfiehlt Red Snapper mit Reis. Auch das Huhn mit Reis sei gut. Getränke holt man sich von der Bar, einem Holzpavillon vor dem Restaurant. An den Wänden sind Autokennzeichen aus aller Welt befestigt, ein Trikot der peruanischen Fußballnationalmannschaft mit Unterschriften der Spieler und ein rotes T-Shirt von der Luftwaffeneinheit aus Fort Bragg in North Carolina.

          Der Fisch ist frisch, das Bier eiskalt. Drei Einheimische stehen an der Bar und trinken wortlos. Die Bedienung hinter dem Tresen starrt auf den kleinen Fernsehschirm unter der Decke. Aus einer amerikanischen Arena wird ein Baseballspiel übertragen.

          Auf dem Zementboden vor der fleckigen Hauswand schleppen Ameisen ein Stück Huhn davon. Immer mehr von ihnen krabbeln herbei und reihen sich in die Trägerkolonne ein. Unmittelbar bevor die Prozession die Hausecke erreicht hat, stößt eine Taube herab und schnappt ihnen den Brocken weg.

          Anreise: Verbindungen aus Deutschland nach Miami bieten United Airlines (über Washington) ab 600 Euro und Lufthansa nonstop von Frankfurt ab 720 Euro. Von Miami geht es weiter mit American Eagle, Continental Connection und Bahamasair nach Great Exuma. Nonstop fliegt British Airways als einzige europäische Gesellschaft nach Nassau, fünfmal in der Woche von London Heathrow aus. Ab Frankfurt gebucht, kostet der Flug 790 Euro. Bahamasair fliegt von Nassau mehrmals täglich nach Great Exuma.

          Auf Great Exuma: Das Four Seasons Resort Great Exuma at Emerald Bay bietet insgesamt 183 Zimmer und Suiten, eine Nacht im Garden View Room für zwei kostet inklusive Frühstück ab 545 Dollar. Ein Mietwagen, über das Hotel gebucht, wird mit 90 Dollar für einen Tag berechnet. Das Hotel vermittelt auch organisierte Ausflüge zu Wasser und zu Land. Informationen im Internet: www.fourseasons.com.

          Informationen: Bahamas Tourist Office, c/o Herzog HC Marketing, Friesstraße 3, 60388 Frankfurt, Telefon: 069/9708340, im Internet: www.bahamas.de.

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