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Azoren : Die Walverwandtschaften

  • -Aktualisiert am

Walprogramm: Auf den Booten sitzen die Touristen mit Kameras im Anschlag, an Land halten die alten Walfänger Ausschau nach Fontänen. Wenn sie eine entdecken, telefonieren sie es den Kollegen auf dem Meer durch Bild: Agentur Bilderberg

Seit 1984 ist es auf den Azoren verboten, Wale zu fangen. Die Tiere prägen das Leben dort aber noch immer: Ein Besuch bei den einstigen Walfängern, den Touristenführern von heute.

          5 Min.

          Antonio Avila kneift die Augen zusammen und schaut aufs Meer. Genauer gesagt, auf die Wellen. Was Schaumkronen sind. Und was die Fontäne eines Wals sein könnte. Wenn es ein Wal ist, muss alles schnell gehen. Dann benachrichtigt Avila die anderen Männer, und die fahren los, dem Wal hinterher.

          Antonio Avila ist von Beruf Walfänger. Sein Gesicht ist braun gebrannt und zerfurcht, seine Sprache sparsam, wie sein Leben. 65 ist er jetzt, nebenbei betreibt er ein kleines Restaurant auf den Azoren. Der Walfang hat für die Jäger nicht viel abgeworfen, schon gar keine Rente. Neben ihm sitzt seine Enkelin und malt, Avila schaut aufs Meer und erzählt. Geschichten von Kämpfen. Mann gegen Wal. Kanu gegen Meeressäuger. Tausend Kilo Holz gegen fünfzehn Tonnen Wal. Von Gliedmaßen, die zerfetzten, wenn ein Wal, die Harpune im Leib, abtauchte und die Jäger am Seil hängen blieben. Von Booten, die in der Mitte wie Streichhölzer auseinanderbrachen, wenn ein Wal aus dem Wasser sprang und darauf fiel. Drei Mal hat Avila das gesehen.

          10.000 Liter Öl von einem großen Wal

          Avila schnalzt mit der Zunge. So machen die Wale, sagt er, wie Kastagnetten. Und fünf Minuten bevor sie abtauchen, hören sie damit auf, das hat er herausgefunden an den langen Tagen auf dem Meer. Dann ist es Zeit zuzuschlagen. Beziehungsweise war. Seit 1984 ist es auf den Azoren verboten, Wale zu fangen. Walfänger Antonio hält jetzt nach ihnen Ausschau, um sie Touristen zu zeigen.

          Pico, eine von neun Azoreninseln, 15.000 Einwohner, 30.000 Kühe. Alles hier ist schwarz. Die kleinen Häuser, die Mauern zwischen den Weinreben sind aus dem Basalt gebaut, den der Vulkan Pico gespuckt hat. Spitz wie ein Dreieck überragt er die Insel. Ansonsten dreht sich auf Pico seit jeher alles um den Wal. „Whalecome“, wünscht ein Hotel am Hafen. Es gibt zwei Walmuseen, unzählige Waltouren und T-Shirts mit Walen darauf, die allerdings blau und rund und niedlich sind. Und nicht schwarz und groß und schwer wie die Pottwale, die im Sommer an den Azoren vorbeiziehen und Tausende Meter tief nach Tintenfischen tauchen. Hier bekommen die Wale auch ihre Jungen und ziehen sie auf.

          15.000 Einwohner, 30.000 Kühe: Pico ist eine von neun Azoreninseln
          15.000 Einwohner, 30.000 Kühe: Pico ist eine von neun Azoreninseln : Bild: Andreas Lesti

          Avila erinnert sich noch gut an seinen ersten Wal. 19 war er damals, sein Chef sagte: Du bist zu jung. Da sagte Avila, dann jage er eben für eine andere Firma. Aus Amerika die meisten, die Amerikaner hatten den Walfang auf die Azoren gebracht. Und Hightech-Harpunen dazu, die man abschießen kann wie Kanonen. Doch die Männer wollten die Wale lieber mit der Hand fangen. Wie Männer eben. Die Amerikaner nennen den Pottwal übrigens „Sperm Whale“, wegen der Flüssigkeit in seinem Kopf, von der man annimmt, dass sie der Wal zum Absinken benötigt. Und die auch das Wertvollste am Wal war, daraus wurde das Öl zum Heizen gewonnen. 10.000 Liter Öl konnte ein großer Wal abwerfen.

          Das Meer voller Blut

          Männer gegen Sperma-Wale also. Doch Heroisches wird man auf Pico nicht hören. Ein Schriftsteller wollte mal über die Walfänger von Pico schreiben, doch die sagten nur: Wir sind keine Helden, wir pissen uns an vor Angst. Auch die Geschichten, die Antonio Avila erzählt, handeln von Blut, Naturgewalten und Not. Männer wie er hatten zwei Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Die Wale zu jagen oder sie in der Walfabrik auszuweiden. Das große Geld machten die Walfangfirmen, für die die Männer ihr Leben aufs Spiel setzten. Ein Familienvater wollte nur weg, nach Kanada. Die Koffer hatte er schon gepackt. Einmal musste er noch hinaus zum Jagen. Dabei starb er.

          Selbst die Jüngeren auf Pico erinnern sich noch gut, wie das war, wenn die Männer mit ihren kleinen Kanus hinausfuhren. Die Frauen beteten den ganzen Tag, irgendwann kamen die Männer zurück, ein Schiff schleppte den Pottwal an Land. Die Männer schnitten dem Wal die Schwanzflosse ab und zerteilten damit den Wal. Die Kinder saßen am Strand und schuppten die Haut ab. Danach war das Meer voller Blut. Avila kneift die Augen zusammen.

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