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Australien : Der Backpackers Carmarket von Sydney

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Roter Staub in jeder Ritze: Sydneys wunderlichster Automarkt Bild: AP

In einem verwahrlosten Parkhaus fristen Rucksacktouristen ein trostloses Dasein. Während über ihnen das Leben tobt, werden sie von „Kylie“, „Bastard“ und „Endeavor“ gefangen gehalten, die sie an der Weiterreise hindern. Ein Bericht vom etwas anderen Automarkt.

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          In einer Seitenstraße von Sydneys Rotlichtbezirk Kings Cross verbirgt sich im Kellergeschoss eines verwahrlosten Parkhauses ein wunderlicher Automarkt. Der Backpackers Carmarket ist für die einen die Hölle, ein Ort der Angst und des Frustes. Für die anderen ist er ein Platz für gute Geschäfte mit der Not der Weiterreisenden. Und Außenstehenden bietet er einen tiefen Einblick in den Mikrokosmos moderner Rucksackreisender.

          Australien hofiert wie kaum ein anderes Land diese Gruppe von Reisenden. Der Backpacker, auch Traveller genannt, trifft im fünften Kontinent auf eine eigens für ihn geschaffene Tourismusstruktur von Billigherbergen bis zu günstigen Bars. Das australische „Work and Travel“-Visum ermöglicht ihm sogar reisebegleitend die Auffrischung seiner finanziellen Ressourcen. Es ist daher kaum überraschend, dass die Backpacker selten kürzer als sechs Monate in Australien unterwegs sind. Und nur ein paar Gehwegminuten von der Bahnstation Kings Cross entfernt befindet sich der erste Anlaufpunkt für die ständig wachsende Zahl derjenigen, die Australien mit dem eigenen Fahrzeug bereisen wollen.

          Roter Staub in jeder Ritze

          Wer das schmuddelige Kassenhäuschen im Erdgeschoss des Parkhauses an der Ward Avenue passiert und mit dem kleinen Aufzug zwei Ebenen in die Tiefe fährt, dem bietet sich ein bizarres Bild: In der düsteren Parkebene warten im Licht einiger spärlicher Neonleuchten Dutzende Autos bald abreisender Traveller auf ihre Käufer. Ordentlich reihen sich links der Parkgasse die gewöhnlichen Pkw aneinander, meist Kombis vom Typ Ford Falcon, der wegen seiner wüstentauglichen Robustheit und der großzügigen Liegefläche im Fond geschätzt wird. Zur Rechten präsentieren sich massige Geländewagen und kleinere Wohnmobile, sogenannte Campervans. Die Wagen haben von ihren langen Reisen Narben davongetragen, die Flanken sind zerkratzt, Motorhauben zerbeult, Windschutzscheiben haben Risse, und roter Staub sitzt tief in allen Ritzen und Fugen. Neben den Gefährten locken allerlei Dreingaben: Campingstühle und Klapptische chinesischer Herkunft, blaue Gaskocher, buntes Plastikgeschirr, Luftmatratzen, Grillutensilien und so manches Surfbrett. Inmitten des wunderlichen Warenangebots sitzen die jungen Verkäufer aus aller Welt und schlagen die Zeit tot.

          Während man geruhsam die Reihen abschreitet, bleibt der Blick an einem wie ein Zebra bemalten Urlaubsgefährt hängen. Zwei Autos weiter verspricht ein umgebauter Leichenwagen makabres Campingvergnügen. Man spürt die neugierigen Blicke der jungen Backpacker im Rücken, wird taxiert. Zur frühen Stunde ist es noch ruhig auf dem Flohmarkt der Automobile. Ein Traveller in Shorts und Badeschlappen ergreift endlich die Initiative und weist freundlich auf das weiße Gefährt hinter ihm: „Are you looking for a car?“ Sein süddeutscher Akzent ist nicht zu überhören. Während man verneinend lächelt, überkommt einem sogleich das Mitleid: Wie muss es sein, hier unten im finsteren Parkhausverließ zu hocken, während an der Oberfläche das sonnendurchflutete Sydney wartet?

          Die Stunde der Schnäppchenjäger

          In der Nebensaison ist die Verzweiflung der jungen Verkäufer besonders groß. Am Vortag hatte lediglich eine Handvoll potentieller Käufer den Weg in die Tiefen des Parkhauses gefunden. In der australischen Hauptreisezeit im Dezember und Januar kann man seinen Wagen mit sattem Gewinn verkaufen, jetzt aber bleibt man fast auf seiner Kiste sitzen. Die Tage in der Unterwelt ziehen sich dann hin wie die Bahnfahrt von Sydney nach Perth. So wird jeder mögliche Interessent angelächelt, das Automobil nachgeputzt, der Verkaufspreis immer wieder nach unten korrigiert. Schnell bemerkt man, dass die Verkaufstaktiken der reisenden Verkäufer nationalen Klischees folgen: Während die britischen Traveller auf ihr loses Verkaufsmundwerk und den Vorteil der englischen Muttersprache vertrauen, fällt die akribische Ausstellung des Warenangebots bei den deutschen Globetrottern auf. Zwei unrasierte israelische Backpacker führen gestenreich Verkaufsverhandlungen über einen staubigen Geländewagen. Ein französisches Pärchen, das sich und seinen gelben Campervan hinter einem Betonpfeiler zu verstecken scheint, fühlt sich in der Rolle des fliegenden Autohändlers noch sichtlich unwohl; schüchtern nicken sie den vorbeischlendernden Interssenten zu.

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