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Aserbaidschan : Feuer und Phlegma

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Friedliches Zusammenleben zahlloser Minderheiten: Aserbaidschan als tolerante Nation Bild: ASSOCIATED PRESS

Zu Besuch im Land des Feuers und des schwarzen Golds: In Aserbaidschan erlebt man Wechselbäder aus orientalischer Trägheit und kaukasischer Heißblütigkeit, alter Pracht und neureichem Protz, flimmerndem Öldunst und kühler Bergluft.

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          Öl, Öl, Öl. Ob als Lache, Dunst oder als Zeichen - es ist allgegenwärtig. Schon auf dem ersten Spaziergang entlang der Hafenpromenade von Baku weht beständig ein Hauch von Schiffsdiesel vom Meer heran, obwohl die Silhouetten der Tanker weit draußen im Sonnenglast verschwimmen. Auch die rot-weiß gestreiften Schlote der Raffinerien sind zu weit entfernt, um als Geruchsquelle in Betracht zu kommen, und der große Förderturm an der Mole ist bloß Kulisse, ein Aussichtspunkt. Sind es die Abgase der dunkel glänzenden Geländewagen? Oder die Ausdünstungen der schimmernden Polyesteranzüge, die hier mit Würde getragen werden?

          Nein, es ist das Wasser selbst, das den Ölgeruch absondert. Nicht weil der Umgang mit dem schwarzen Gold so lax wäre, sondern weil Ölverschmutzung hier immer schon Teil der Natur war. So dicht liegen die Schätze unter der Erdoberfläche, dass oft schon ein Spatenstich genügt, um sie zutage zu fördern. Aus dem „Brennenden Berg“ Yanardag lodern sogar große Flammen. Das über der Ölblase sitzende Gas hat sich hier selbst entzündet. Fauchend hält das Feuer Wind und Regen stand - seit Jahrzehnten.

          Der Wald der Bohrtürme

          Es ist kein Wunder, dass das „Land des Feuers“, wie Aserbaidschan übersetzt heißt, in vormoderner Zeit zum Zentrum der zoroastrischen Religion wurde, jenes Glaubens, der das Feuer als Symbol der Reinheit verehrt. Die um die ewigen Flammen herum erbauten Feuertempel wurden zum Wallfahrtsort für Pilger und Asketen aus ganz Persien und Indien. Hundert Jahre Ölförderung haben die meisten der ewigen Flammen mittlerweile verlöschen lassen. Auch im berühmten Feuertempel Ateschgah kommt das Gas heutzutage aus der Leitung. Wenn eine Besuchergruppe naht, dreht Tempelwächterin Afa Qasimora den Hahn auf und wirft schnell ein paar Streichhölzer in den Feueraltar des Heiligtums.

          Bild: F.A.Z.

          Sind die Schaulustigen dann wieder weg, umkreist die Tourismusstudentin die Flammen in ihrem viereckigen Schrein viermal, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Wie oft sie das macht? Eigentlich jeden Tag, gesteht sie etwas verschämt. Denn sosehr sie die Ruhe des Tempels mit seinen uralten Sanskrit-Inschriften liebt - im Grunde ihres Herzens träumt die junge Frau mit den kräftigen Kajallinien um die Augen und dem türkisfarbenen Lidschatten von Reisen in die weite Welt. Dass die Flammen sie erhören, glaubt sie fest. Schließlich bedeutet ihr Vorname Afa nichts anderes als „Feuer“.

          Wenige Kilometer entfernt erstreckt sich der Wald der Bohrtürme. Die Ölfelder sehen noch immer so aus wie zu Zeiten des ersten Ölbooms um 1870. Die schwarz verschmierten Gestänge der gedrungenen Türme und die schwerfällig nickenden Pumpen muten an wie Saurier aus den frühen Tagen des Ölzeitalters. Pfützen sammeln sich um jedes der altertümlichen Geräte, schwungvoll unterteilt in rostrotes Wasser und pechschwarz glänzendes Öl. Lange wird es diese urwüchsige Industrielandschaft nicht mehr geben. Das Öl wird heute draußen auf dem Meer gefördert, das Land soll rekultiviert werden. Das einzige Öl wird dann von den geplanten Olivenplantagen kommen.

          Der Stolz auf ein kulturelle Erbe

          Auch die Familie des Künstlers Mir Teymur besaß einst ihren Anteil an den Ölfeldern, bevor seine Großeltern 1937 von Stalins Häschern enteignet und deportiert wurden. Mir Teymur indes harrte aus in Baku, auch im Namen seiner Familie, die nach seinen Angaben seit dem zwölften Jahrhundert in der Altstadt, der Ichari Schahar, residiert. Damit würde seine Familiengeschichte zurückreichen bis in jene goldene Ära, in der die Schahs des Königreichs Schirvan Baku als Residenz erkoren und den prächtigen Khans-Palast bauten, der die Altstadt noch heute dominiert. Die Bewohner der Ichari Schahar sind immens stolz auf ihre Nähe zum kulturellen Erbe des Landes. Wer innerhalb der alten, zinnenbewehrten Festungsmauern wohnt, bezeichnet sich auch heute noch kokett als „Leibeigener“ und kostet den späten Abglanz des längst vergangenen Zeitalters nach Kräften aus.

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