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Argentinien : Die Saurier rauslassen

  • -Aktualisiert am

Das „Proyecto Dino” in der Provinz Nequén Bild: Beate Kittl

In Nordpatagonien wimmelte es früher von Dinosauriern. Und heute von Touristen, die nach ihren Überresten suchen. Mit Hammer, Zahnarzthaken und Pinsel werden die Millionen von Jahren alten Steinsärge bearbeitet, bis Schätze zu Tage treten.

          Rostrot glühen die Tafelberge in der Morgensonne, der heftige Wind erinnert daran, dass die Antarktis nicht allzu fern ist. Zwischen Dornenbüschen und erodierten Klüften schlendert ein halbes Dutzend Touristen, die Augen fest auf den Boden geheftet. Ihr Führer, der Paläontologe Juan Porfiri, hebt einen weißlich-grauen Klumpen auf: „Heftige Regengüsse waschen die Knochen diese Flusstäler hinunter“, sagt der 32 Jahre alte Porfiri, der einen Dreitagebart trägt und auf die Schulter einen grimmigen Saurierschädel tätowiert hat. Porfiri leckt an dem „Stein“, ein alter Paläontologentrick: Wenn der Fund an der Zunge klebt, ist es ein Knochen, winzige Kapillaren sorgen für Haftung.

          In der flachen, felsigen Steppe der nordpatagonischen Provinz Neuquén kann man die Urzeitknochen mit bloßem Auge entdecken. Von hier stammen Dutzende Funde, die die Urgeschichte revolutioniert haben. Einer der spektakulärsten war das Skelett des „Futalognkosaurus dukei“, eines 35 Meter langen Pflanzenfressers, der zu den größten Saurierarten aller Zeiten zählte und dessen Knochen fast vollständig erhalten sind.

          Den „eigenen“ Dino aufspüren

          Sein versteinertes Grab am Ufer des tiefblauen Barreales-Stausees ist heute eine der wenigen Dinosauriergrabungen weltweit, die ganzjährig für Touristen offenstehen. Das Centro Paleontológico Lago Barreales – kurz „Proyecto Dino“ genannt – liegt im Niemandsland, eineinhalb Stunden von der Hauptstadt Neuquén entfernt. Besucher haben hier nicht nur die einmalige Gelegenheit, auf Exkursionen ihren „eigenen“ Dinosaurier aufzuspüren, sondern dürfen sich selbst als Hobbypaläontologe versuchen: unter Anleitung der Experten vorsichtig Fossilien aus dem Fels klopfen, im Labor präparieren und Replikate in Harz gießen.

          Das improvisierte Camp aus Metallcontainern und Trailern liegt in einer sandigen Senke am Seeufer, eine klapprige Wellblechhalle dient als Museum. Davor fletscht eine lebensgroße, etwas angerostete Nachbildung eines fleischfressenden Dinosauriers grimmig die weiß bepinselten Zähne. Hier wohnen neben Juan Porfiri mit Frau und Kind auch einige freiwillige Tourguides. Besucher können ein paar Nächte in einfachen Wohnwagen mit fließend Wasser übernachten, im Gemeinschaftsraum mit prächtiger Aussicht über den See essen und abends zum Grillsteak argentinischen Volksliedern lauschen.

          Mit Zahnarzthaken und Pinsel

          In der Morgenkühle gehen sie mit den Paläontologen zur Arbeit. Derzeit hacken und schaben Juan Porfiri und einige Helfer mitten in der Wüste an einem Fleischfresser, den sie „Latinosaurus“ getauft haben: Mit Spitzhacke, Hammer und Meißel legen sie die Felsbrocken frei, in denen die Knochen stecken, dann befreien sie die Fossilien mit Zahnarzthaken und Pinsel zärtlich von ihrem neunzig Millionen Jahre alten Steinsarg. „Die Werkzeuge verändern ihr Gewicht im Lauf des Tages“, witzelt ein Helfer. Der Humor hält sie bei Laune, während sie dem patagonischen Klima trotzen: Mal herrschen 38 Grad trockener Hitze, die jeden Schweißtropfen umgehend verdampfen, mal bläst der Wind so kräftig, dass die Sandkörner in den Augen stechen.

          Die Fossilien werden samt der Felsbrocken in Gipsverbände verpackt, ins Labor im Museum gebracht und mit noch feineren Instrumenten herausgeschliffen. Auch hier dürfen die Besucher selbst Hand anlegen. Der Guide Pablo San Martín sitzt an einem Holztisch, blickt durch eine Leselupe und meißelt vorsichtig an einem faustgroßen Rückenwirbel. Der Wind rüttelt am Blechdach, es ist brütend heiß. „Wenn man von oben nach unten hämmert, löst sich der Stein leicht vom Knochen“, erklärt der 19 Jahre alte Freiwillige.

          Echte Ausgrabungen statt leblose Museumsexponate

          Die Familie Aguilar aus Temuco in Chile schaut ihm neugierig über die Schulter. Die meisten der rund tausend Besucher pro Jahr sind Tagestouristen aus der Region, die das hautnahe Erlebnis einer echten Ausgrabung den leblosen Exponaten eines Museums vorziehen. Eine eineinhalbstündige Führung weiht sie in die Geheimnisse der Paläontologie ein. Sie beginnt etwas makaber mit einem toten Rind – an seinen bleichen Knochen hängt noch das zerfetzte, braune Fell –, an dem der Prozess der Fossilisation erklärt wird.

          In der Grube, wo der „Futo“ ausgegraben wurde, harren noch immer gewaltige Knochen ihrer Bergung. „Hier könnten jederzeit neue Knochen auftauchen“, sagt San Martín. Er drückt den Kindern Hammer und Meißel in die Hand, vorsichtig klopfen sie am Sedimentgestein. „Ich möchte auch Paläontologe werden“, sagt Bastian Aguilar, gerade neun Jahr alt. „Ich mag vor allem die Pflanzenfresser, denn das waren die Größten.“

          Originalfunde bleiben in Argentinien

          Der hintere Teil des Museums ist Lager, Gerümpelkammer und Labor in einem, hier wird mit Chemikalien hantiert. Mit einem Medizinermundschutz schützt sich Pablo San Martín vor dem beißenden Peroxidgeruch, während er eine Masse aus Harz und Talkum in den Silikonabdruck eines Knochens gießt. Die Abgüsse der Fundstücke werden an Museen in aller Welt verkauft, ein wichtiges Einkommen für das einfache Museum. Auch die Besucher dürfen sich von „ihren“ selbst gefundenen Knochen ein Replikat anfertigen und mit nach Hause nehmen. Die Originale bleiben aber hier – es ist verboten, Fossilien aus der Provinz zu entfernen.

          Wer weniger im Staub kauern und dafür mehr zähnefletschende Dinosaurierskelette bestaunen will, kann seinen Besuch mit Ausflügen zu anderen urzeitlichen Sensationen in der Region kombinieren. Plaza Huincul, nur 100 Kilometer entfernt, prunkt mit dem größten Dinosaurier, der je entdeckt wurde: Der Argentinosaurus huinculensis war rund 38 Meter lang und wog 100 Tonnen. Das nahegelegene Villa El Chocón darf sich unter anderem des größten Fleischfressers rühmen. Zudem wurden hier Dinosaurierfußspuren gefunden, die von den Wanderungen der Giganten durch das einst fruchtbare Flusstal erzählen. Profaner nutzten die Einheimischen früher die Vertiefungen: Sie grillten sonntags darin ihre Steaks.

          Der Weg zu den Sauriern

          Anreise Lufthansa (www.lufthansa. de) fliegt täglich ab Frankfurt nach Buenos Aires. Anschluss nach Neuquén mit Aerolineas Argentinas (www.aerolineas.com). Die Fahrt zum Dino-Projekt dauert 90 Minuten.

          Dinosaurierpark Das „Proyecto Dino“ liegt am Lago Barreales. Mehr unter Tel. 00 54/2 99/1 54 18 22 95 und proyectodino@yahoo.com.ar und www.proyectodino.com.ar

          Transport Diem Viajes, Neuquen, Tel. 00 54/2 99/4 47 92 96, Mobil: 00 54/2 99/1 54 64 91 55, diemviajes@speedy.com.ar, www.diemviajes.com.ar (under construction)

          Beste Reisezeit Südfrühling und -sommer, etwa September bis März

          Weitere Informationen über die Provinz Neuquen und über Argentinien beim Fremdenverkehrsamt unter www.turismo.gov.ar

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