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Amerika : Die Grenzen der Freiheit

  • Aktualisiert am

Die Wildpferde werden von Häftlingen zugeritten Bild: Tobias Rüther

Sie kennen keine Hufeisen, keine Zuckerstückchen und keine kleinen Mädchen, die sie striegeln wollen: In Colorado leben noch wilde Mustangs. Werden die Tiere eingefangen, reiten Häftlinge sie zu.

          Das Drama einer Herde im Aufgalopp. Wie ein Stahlseil, das abreißt. Die Mähnen und der Staub, das stumpfe Prasseln der Hufe auf trockener Steppe. Die Pferde bremsen so abrupt, wie sie losgesprengt sind, traben aus, schnauben, rucken die Köpfe, schauen herüber, grasen, riskieren noch einen Blick, grasen wieder, und so geht das eine ganze Zeit. Diese Neugierde! Diese Hochspannung, die sich in der Übersprungshandlung löst, irgend etwas zu fressen.

          Jetzt sind Gunsmoke und seine Gruppe gut zweihundert Meter entfernt; aber ist dieser Sicherheitsabstand wirklich groß genug? Mal kurz nachschauen. Oder besser doch nicht? Gunsmoke geht ein paar unschlüssige Schritte auf die Eindringlinge zu. Bleibt stehen, während seine beiden Begleiterinnen Shoshonee und Kika sich zieren oder sich fürchten oder fressen.

          „Gunsmoke, komm`doch mal her“

          Dafür gehen jetzt die Eindringlinge ein paar Schritte auf die Wildpferde zu. "Hey, Gunsmoke", ruft Marty Felix leise, "Gunsmoke, komm' doch mal her, los, trau dich, ich bin's doch nur, Marty." Aber der rauchbraune Gunsmoke reagiert nicht, und warum sollte er auch, denn er weiß ja gar nicht, daß er gemeint ist und daß er Gunsmoke heißt. Er ist ja schließlich ein Wildpferd.

          Ein Mustang am Zügel

          Ein paar Schritte nach vorn, da werden die drei Pferde wieder so nervös und rucken die Köpfe, daß wir stehenbleiben. Um Fotos zu machen und zu beobachten, zehn, zwanzig Minuten lang, ohne daß jemand etwas sagt. Die drei Wildpferde grasen friedlich im Wüstenbeifuß, der hier in den Bergen im westlichen Colorado überall wächst. Gewöhnen sich langsam an unseren Anblick. Verlieren bald das Interesse. Stille senkt sich auf die Wildwiese zwischen den Round Mountains, der Himmel bewölkt sich, ein Wind weht auf, es wird kühl, wir packen die Kameras ein und gehen zurück zum Auto.

          Echte Wildpferde im ungebändigten Aufgalopp

          Ganze 37 Wildpferde haben wir an diesem einen Tag in den Bergen bei Grand Junction gezählt. Ein paar todtraurige Einzelgänger, die von ihrer Gruppe verstoßen wurden, Beckys Gruppe und auch Bottermelks Gruppe, in die wir praktisch hineingestolpert sind, sehr nah bei dem Gatter, das den Eingang zum Reich der Wildpferde in den Little Book Cliffs markiert. "Zwischen zwanzig und dreißig Sichtungen an einem Tag sind gut", sagt Marty Felix. Auf dem Beifahrersitz ihres Toyotas liegt ein Kissen, mit Pferden bestickt. "Dreißig Tiere sind außergewöhnlich, mehr als vierzig überirdisch, mein eigener Rekord ist dreiundfünfzig." Es war also rein statistisch gesehen ein fast galaktischer Tag, aber um das zu erkennen, hätte es keine Zahlen gebraucht. Denn in freier Natur Wildpferde zu sehen, echte Wildpferde im ungebändigten Aufgalopp, die noch nie einen Sattel getragen haben und nicht wissen, was Zuckerstückchen sind oder Hufeisen, und auch noch nie von Mädchen mit langen, glatten Haaren gehört haben, die sie striegeln wollen: Das ist sensationell. Nicht nur für Ponymädchen.

          Marty Felix ist pensionierte High-school-Lehrerin und das Faktotum der "Friends of the Mustangs", einer Gruppe Freiwilliger, die sich um die geschätzten 150 Wildpferde kümmert, die in den Canyons von Grand Junction frei leben. Das klingt wie ein Widerspruch - denn wenn diese Mustangs hier wirklich frei lebten, dann dürfte sich doch eigentlich kein Mensch um sie scheren. Da aber den Wildpferden inzwischen dank der Menschen die natürlichen Feinde fehlen, Berglöwen etwa, die schwache oder kranke Tiere erbeuten würden, ist eine Bestandskontrolle nötig, um die Gesundheit der Herde zu gewährleisten. Mitarbeiter des "Bureau of Land Management" (BLM), das seit 1971 gesetzlich zum Schutz der Wildpferde verpflichtet ist, zählen die Mustangs, sie spritzen den Stuten ein zeitlich begrenztes Verhütungsmittel, sie tränken und füttern die Wildpferde in Dürrezeiten.

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