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Amerika : Der Canyon ist die Kathedrale

  • -Aktualisiert am

Der Wasserfall war Zeuge: Ja-Wort unter der Dusche Bild: Larry Lindahl

In Arizona kann man sich in der freien Natur trauen lassen. Manchmal klettern die Brautleute und die Pfarrerin dafür sogar in den Grand Canyon.

          Es ist nur eine kleine Windböe, aber sie setzt der Hochzeitstorte arg zu: Ein kurzes Aufflattern, und die Fransen des Seidenschals, der als Tischdecke herhalten muss, landen mitten in der Sahnedekoration. "Macht nichts", sagt Carolina Krawarik, "das haben wir gleich." Mit einer Dose Sprühsahne bessert sie den Schaden aus, und das Hochzeitspaar, dem für einen winzigen Augenblick der Schrecken übers Gesicht gehuscht ist, strahlt glücklich.

          Auf den Hochzeiten, die Carolina Krawarik ausrichtet, sorgen Wind und Wetter schon mal für kleinere Malheure. Carolina Krawarik nennt sich "Wildnis-Pfarrerin": Sie vermählt Menschen inmitten der Natur. Diesmal ist der Grand Canyon die Kulisse. An den Ribbon Falls, einem Wasserfall inmitten der gigantischen Schlucht in Arizona, nimmt sie Julie Brunsell und Dave Schott das Jawort ab. Das Paar aus Denver wollte nicht bloß eine normale Hochzeit, sondern ein Ereignis, an das es sich den Rest seines Lebens erinnern würde. Einen Ort weitab der Zivilisation, Natur pur hatten sie sich gewünscht, und hier fanden sie das: Zu erreichen sind die Ribbon Falls, die vor majestätischer Kulisse aus fünfzig Meter Höhe auf einen riesigen, bemoosten Felsen herabdonnern, nur mit einem mehrstündigen Fußmarsch.

          Wiener Schmäh

          Carolina Krawarik ist spezialisiert auf solche Orte. Sie hat schon Paare in den entlegenen Superstition Mountains bei Phoenix verheiratet, in der Canyon-Oase Hava Supai, wo der einsamste Indianerstamm Nordamerikas residiert, auf dem Mogollon Rim an der Kante des Colorado Plateaus. "Hier draußen in der unberührten Wildnis, hier ist Gott präsent", sagt Carolina Krawarik. Dann lacht sie und fügt an: "Und glauben Sie mir: Ich bin auch schon in Chartres gewesen!"

          Die Torte wird im Rucksack transportiert.

          Krawarik ist gebürtige Österreicherin, und ihrem ungebrochenen Deutsch ist der Wiener Schmäh anzuhören. Als sie drei Jahre alt war, zog ein Jobangebot ihren Vater an die amerikanische Ostküste, und so wuchs sie in New Jersey auf. Ihre Eltern kehrten im Jahr 1994 zurück nach Wien, Carolina blieb. Heute lebt sie in Phoenix, und seit vier Jahren verheiratet sie Paare an den schönsten Orten im amerikanischen Südwesten - manchmal ganz weit draußen.

          Tempelförmige Anhöhen

          Zweiundzwanzig Kilometer sind Julie Brunsell und Dave Schott vom Parkplatz am Grand Canyon Village bis zu ihrem Hochzeitsort gewandert. Ihrer Familie und ihren Freunden, sagt Julie, wollten sie den strapaziösen Marsch nicht zumuten. Der offizielle Hochzeitsempfang findet deshalb in einigen Wochen in Denver statt. Eine Wanderung in den Grand Canyon ist nämlich alles andere als ein Pappenstiel: Zweihundertfünfzig Wanderer müssen jedes Jahr gerettet werden, weil sie unter Erschöpfung, Wassermangel und Überhitzung leiden. Nicht zuletzt deshalb hat Carolina Krawarik vier Tage für die Canyon-Hochzeit eingeplant, jeweils zwei für Ab- und Aufstieg. "In zwei Tagen in den Canyon und zurück, das macht keinen Spaß", sagt sie.

          Wer den Grand Canyon einmal von oben gesehen hat, der weiß, dass der Anblick das visuelle Fassungsvermögen fast übersteigt. Doch erst, wenn man in die Schlucht hinabklettert, erschließt sich das ganze Ausmaß des riesigen Spalts. Der South Kaibab Trail überwindet auf seinen zwölf Kilometern tausendfünfhundert Höhenmeter, und während man ihm abwärts folgt, öffnet sich der Grand Canyon zu einer immensen, fremden Welt aus zerklüfteten Schluchten und tempelförmigen Anhöhen, eingerahmt von grün bewachsenen Steilhängen, riesigen rostroten Geröllhalden und gigantischen, tausendfarbigen Klippen. Von einem Plateau zum nächsten steigt man hinab, wandert über lange Felsgrate hinaus Richtung Colorado und windet sich enge Serpentinen an Felsklippen entlang abwärts, gebremst von zahllosen atemberaubenden Ausblicken. Hinter der Phantom Ranch ganz unten am Colorado geht es zu den Ribbon Falls weitere zehn Kilometer in den paradiesischen Bright Angel Canyon hinein, dessen schroffe Schluchten von einem glasklaren Fluss durchzogen werden. "Ist dies nicht eine wunderschöne Kirche?", fragt Carolina Krawarik.

          Eine Zeremonie in den Elementen

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