https://www.faz.net/-gxh-otgp

: Alte Feindschaft, neues Glück

  • -Aktualisiert am

Fjordland Norwegen Bild: gms

Geographisch gesehen, ist das auf einer Insel gelegene Vardø das Letzte vom Letzten. Norwegens östlichste Stadt war einst ein unwirtlicher Ort, der im Mittelalter als Vorposten zur Hölle galt.

          4 Min.

          Wie man nach Vardø kommt? Wer viel Zeit hat, startet in Athen und fährt auf der Europastraße 75 immer in Richtung Norden. Wenn es nach rund sechstausend Kilometern nicht mehr weitergeht, ist Norwegens einzige Stadt in der Arktiszone erreicht.

          Das klingt ziemlich frostig, tatsächlich begrüßt Vardø seine Gäste mit einem launischen Temperaturmix. Besser als die Lokaljournalistin Caroline Haukeland kann man die Frage nach dem Wetter nicht beantworten: "We had a Vivaldi", und sie meint damit den Wechsel aller vier Jahreszeiten innerhalb weniger Stunden. Und so sollten selbst im Sommer neben warmen Pullis und Regenjacken auch Shorts, T-Shirts und Sonnenschutzcreme im Reisegepäck nicht fehlen. Abgehärtete Naturen können auch ein Bad im Eismeer wagen, das dank des Golfstroms auch im Winter nicht einfriert.

          Ein Vorposten zur Hölle

          Geographisch gesehen, ist das auf einer Insel gelegene Vardø das Letzte vom Letzten. Ein drei Kilometer langer Straßentunnel unter dem Meer hindurch verbindet das Festland mit Norwegens östlichster Stadt, die mit dem Prädikat "Ultima Thule" um Besucher wirbt. Einst war dies ein unwirtlicher Ort, denn im Mittelalter galt die Region als Vorposten zur Hölle. So will ein Pfarrer hier exakt 266.586.674.664 kleine Teufel ausgemacht haben. Derlei religiöse Wahnvorstellungen bezahlten achtzig Frauen mit dem Leben, die angeblich mit dem Leibhaftigen getanzt hatten und deshalb in Vardø auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

          Doch diese düsteren Zeiten gehören im modernen Norwegen längst der Vergangenheit an. Den Touristen präsentiert sich die Insel heute als ein gastfreundlicher Fleck mit allen Annehmlichkeiten. Wenn sich der arktische Sommer mit Temperaturen um die 20 Grad von seiner besten Seite zeigt, genießen leichtbekleidete junge Leute vor dem Gasthaus "Naustet" ihr fünf Euro teures Bier. Oder sie promenieren mit dem Handy am Ohr in ihren Autos im Fünfminutentakt über die Hauptstraße, um dann irgendwann im "Nordpol Kro" zu versacken, einer Musikkneipe im Stil eines irischen Pubs. Die Mitternachtssonne bleibt in dem schummrigen Lokal zwar ausgesperrt, gleichwohl mag der kahlrasierte, coole Typ hinter der Theke nicht auf seine Sonnenbrille verzichten.

          Ein Holzhaus mit Meerblick ist preiswert

          Von der Gaststätte aus sind es nur wenige Schritte zu dem malerischen Hafen, einem der schönsten entlang der nordnorwegischen Küste. Buntbemalte Lagerhäuser auf Stelzen säumen die windgeschützte Kaianlage. Die restaurierten Gebäude aus Holz gelten als einzigartige Zeugnisse des Tauschhandels zwischen Norwegen und Rußland, der im letzten Jahrhundert hier seinen Höhepunkt erlebte und mit der Oktoberrevolution zum Erliegen kam. Inzwischen machen im Hafen wieder russische Trawler fest, um die begehrten Kamtschatkakrabben anzulanden.

          Die Fischereiindustrie stellt bis heute die wichtigste Einnahmequelle Vardøs dar. Doch die Jobs sind bei den zumeist gebildeten jungen Norwegern wenig beliebt. Und so kämpft die Stadt gegen schwindende Einwohnerzahlen, und das, obwohl sich mittlerweile tamilische Asylanten angesiedelt haben. Etwa fünfzig Gebäude stehen leer, für die sich selten neue Bewohner finden. Selbst ein Schnäppchenpreis von nur einigen zehntausend Euro für ein schmuckes Holzhaus mit Meerblick vermag keine Käufer anzulocken. Den früheren Bewohnern bleibt das Heimweh. Dagegen hilft die Lektüre von Vardøs einziger Lokalzeitung "Østhavet", die auch im "Exil" gerne gelesen wird. "Die Hälfte unserer zweitausend Abonnenten lebt inzwischen außerhalb der Insel", berichtet Redakteurin Caroline Haukeland.

          Beliebt: Militärdienst in der Festung

          Weitere Themen

          Wo die Luft am besten ist

          Rangliste : Wo die Luft am besten ist

          Wie steht es um die Luftqualität in Städten Europas? Diese Frage beantwortet die EU-Umweltagentur mit einer Liste von mehr als 320 Städten. Wo landen die deutschen Vertreter?

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.