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Alpinismus : Wie müde darf ein Held sein?

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Mörderisch: Nanga Parbat Bild: AP

Hermann Buhl ist eine Legende. Er bestieg als Erster den 8125 Meter hohen Nanga Parbat und sein Tod mit zweiunddreißig Jahren machte ihn zum James Dean der Bergsteiger. Bei der Besteigung des Broad Peak kam Jochen Hemmleb ihm näher als er es jemals gedacht hätte.

          7 Min.

          Berge sind neutral. Ihre Bedeutung erhalten sie von den Menschen, die sie betrachten und besteigen. Die Berge sind Spiegel und Bühne. Sie stellen den Menschen bloß, gleichzeitig schafft dieser an ihnen seine eigenen Mythen und Helden.

          Hermann Buhl (1924 bis 1957). „Keine Persönlichkeit aus der Welt des Bergsteigens hat mich als Bub so fasziniert“, sagt Reinhold Messner über ihn. „Er galt als kompromisslos, ehrgeizig, ohne Maß, nur das Ziel vor Augen ... Buhl war in seinem Denken und Tun futuristisch.“ Zur Legende wurde er 1953 mit der Erstbesteigung des 8125 Meter hohen Nanga Parbat, des „Schicksalsbergs der Deutschen“, im Alleingang, bei der er im Abstieg eine Nacht stehend auf einem schmalen Felsgesims überlebte. Vier Jahre später gelang ihm mit dem 8047 Meter hohen Broad Peak die zweite Erstbesteigung eines Achttausenders, im Rahmen einer Kleinexpedition aus nur vier Bergsteigern und ohne die Hilfe einheimischer Hochträger. Doch dieser Triumph sollte nur von kurzer Dauer sein: Drei Wochen später, am 27. Juni 1957, kam Buhl ums Leben, als er am benachbarten Siebentausender Chogolisa bei einem Wächtenbruch abstürzte.

          Der beeindruckendste Berg der Erde

          Fast fünfzig Jahre nach Hermann Buhls Tod war ich selbst am Broad Peak im pakistanischen Karakorum-Gebirge unterwegs. Eine Reise dorthin ist noch immer ein wenig wie ein Schritt zurück in die Entstehungszeit der Erde, ein Besuch in einer Urwelt. Gewaltige Ströme aus blaugrauem, schuttbedecktem Eis füllen die Täler, überragt von kathedralengleichen Türmen aus rostrotem Granit und gleißenden Schneespitzen. In dieser Landschaft gibt es nichts Weiches, nur harte, klare Linien, Formen und Farben. Beim Anmarsch zum Basislager über den fast sechzig Kilometer langen Baltoro-Gletscher lässt man am vierten Tag auch das letzte Grün hinter sich - dann heißt es für die nächsten fünf Wochen Leben auf und mit den Steinen.

          Reinhold Messner: „Buhl war in seinem Denken und Tun futuristisch”

          Äußerlich haben sich die Berge gegenüber 1957 kaum verändert: Buhls letzter Gipfel, der Broad Peak, ist immer noch jener massige, drei Kilometer hoch aufragende Dreizack, den man einst das „Breithorn des Baltoro“ nannte. Und kaum fünf Kilometer von unserem Basislager ragt die unvergleichliche Pyramide des K2, vielleicht die beeindruckendste Berggestalt der Erde, in den Himmel - die absolute Verkörperung von Urgewalt.

          Massenansturm auf Achttausender

          Die Bedeutung dieser Gipfel hatte sich jedoch gewandelt: Vor fünfzig Jahren galten sie als „letzte bergsteigerische Herausforderung“, Expeditionen mit dem Ziel der Erstbesteigung eines Achttausenders maß man nationale und internationale Bedeutung bei. Heute hingegen hat sich der alpinistische Wert von Normalwegbesteigungen an den Achttausendern sehr relativiert. Selbst der K2, von vielen als der schwierigste der vierzehn höchsten Berge der Welt angesehen, steht inzwischen auf dem Programm kommerzieller Expeditionsanbieter - wenngleich ihm ein Massenansturm wie am Mount Everest wohl erspart bleibt.

          Vor diesem Hintergrund hatte unsere Gruppe nicht länger die Möglichkeit, tiefere, persönliche Motive für eine Besteigung hinter leichter verkaufbaren Begriffen wie „Eroberung“, „Erstbegehung“ oder „Grenzgang“ zu verstecken. Unser Ziel war es vor allem, gemeinsam jedem Einzelnen von uns die Möglichkeit für sein persönliches Abenteuer zu schaffen; ob dies nun der erste Achttausender, eine Skiabfahrt oder eine historische Spurensuche in der Wunderwelt des Karakorum war.

          Der Held ist müde

          So wie sich die Klientel der Expeditionsbergsteiger im Laufe der Zeit wandelte, änderte sich auch die Betrachtungsweise der alten Helden und ihrer Geschichten. Maurice Herzog an der Annapurna; Compagnoni, Lacedelli und Bonatti am K2, die Messner-Brüder am Nanga Parbat: In den vergangenen Jahren verging kaum ein Achttausender-Jubiläum, an dem nicht irgendein Kapitel der jeweiligen Besteigungsgeschichte neu aufgerollt wurde. Und stets ging es darum, die Rolle oder Erzählversion jener Personen in Frage zu stellen, die bis dato die Geschichte definiert hatten. Auch Hermann Buhl blieb davon nicht verschont. Reinhold Messner selbst ließ dem Lobgesang sofort eine Relativierung folgen und prägte das Bild vom „müden Helden“, dessen Lebensenergie am Broad Peak ausgeschöpft war - eine Auslegung, der Buhls damaliger Partner Kurt Diemberger bis heute energisch widerspricht. Vor einigen Jahren wurden dann Auszüge der Tagebücher der anderen beiden Erstbesteiger des Broad Peak, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller, veröffentlicht. Sie zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild von Buhl und Diemberger, die bislang stets im Vordergrund der Broad-Peak-Geschichte von 1957 gestanden hatten.

          Über die Gründe für die Veröffentlichung kann viel spekuliert werden. Der Wunsch der beiden „Stillen“ von 1957, ihre Leistung und ihren Anteil am Erfolg adäquat dargestellt und repräsentiert zu sehen, ist verständlich und legitim - zumal Marcus Schmuck, der damalige Organisator und offizielle Expeditionsleiter, die späte Würdigung beim diesjährigen Jubiläum nicht mehr erleben wird: Er starb im August 2005. Fritz Wintersteller wiederum war, das zeigen auch die Aufzeichnungen Buhls, der leistungsfähigste Teilnehmer. Diembergers Rolle ist am schwierigsten einzuordnen. Er war der Benjamin der Expedition. Seine Berichte sind voller Bewunderung für das Idol Buhl, zu dem er eine Sohn-Vater-Beziehung empfand. Diemberger stand mit Buhl auf dem Broad Peak und war dessen Begleiter beim fatalen Versuch an der Chogolisa; seine Gipfelfotos bei Sonnenuntergang und das Bild von Buhls Spur, die an einer Gratbiegung über die Wächte ins Leere läuft, sind Ikonen der Alpingeschichte.

          Ein Leben ohne Vater

          Selbst wenn Wintersteller und Schmuck die reibungslosere Besteigung des Broad Peak gelungen war und sie ihr noch die bemerkenswerte Erstbesteigung des Siebentausenders Skilbrum folgen ließen - Diemberger hatte die bessere Erzählung. Seine poetischen Schilderungen prägten ganz wesentlich den Mythos Buhl, gleichzeitig sicherten sie ihm seinen eigenen Platz in der Alpingeschichte. Da fällt es leicht, in den nun veröffentlichten Bemerkungen über Diembergers unkameradschaftliches Verhalten und Buhls Schwäche einen Versuch zu sehen, zwei alte Berghelden von ihrem Sockel zu stoßen und durch zwei andere ersetzen zu wollen - auch wenn die Hintergründe komplexer sind.

          Ein Mythos wie Hermann Buhl polarisiert die Betrachter in „ehrerbietende Denkmalbauer und entlarvende Abrisskommandos“, wie es ein englischer Autor treffend umschrieb. Die menschliche Realität liegt irgendwo dazwischen. Buhls älteste Tochter Kriemhild schreibt von dem Menschen Hermann Buhl in ihrem Buch „Mein Vater Hermann Buhl“. Sie erzählt, wie die Gefühle und Sehnsüchte des Vaters im Ringen mit den Bergen das Familienleben bestimmten, während die Mutter - „die wahre Heldin unserer Familie“ - ihre alltäglichen Grenzgänge bewältigte. Sie schreibt von den Schwierigkeiten, ohne Vater aufzuwachsen und sich dennoch von ihm, der Legende, abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln. Kriemhild Buhl schildert dies, ohne anzuklagen. Damit relativiert sie den Mythos und setzt ihn in einen größeren menschlichen Kontext, ohne ihn zu zerstören. Das daraus entstehende Bild von Hermann Buhl ist ambivalent, aber es ist auch tiefer, vielschichtiger. „In meinen guten Stunden denke ich: Er steht unsichtbar hinter mir, er war immer da, er hat mir seinen Atem gegeben. In meinen schlechten Stunden denke ich: Er hat mir gefehlt und das hat mich geprägt.“

          Glaube und Hoffnung

          Im Nachwort zu Kriemhild Buhls Buch gesteht Kurt Diemberger selbst diese Ambivalenz ein, die Abenteurer und Extrembergsteiger erzeugen: „Wir Besessenen wissen, was wir unseren Angehörigen abverlangen. Manchmal alles. Wir saugen die Energie aus unseren Nächsten heraus, zentrieren unsere Mitmenschen auf uns, machen sie vorübergehend zu Trabanten. Aber das ist auch die andere Seite: Wir bieten im Gegenzug viel Licht. Unsere Leidenschaft ist ansteckend - sogar für diejenigen, die nie die letzten Höhen mit eigenen Füßen betreten haben. Wir schenken ihrem Alltag Höhen und Tiefen, Spannung, Glaube und Hoffnung. Wir teilen mit ihnen unsere Träume ... Der Tod beendete Träume, aber für mich nicht sein Dasein.“

          Auch für unsere Expedition 2006 war Buhl nicht Geschichte. Die Schilderungen seiner letzten Erstbesteigung begleiteten unsere Gipfelmannschaft bis in die höchsten Höhen des Broad Peak, waren Vergleich und Inspiration. Wie 1957 scheiterte auch unser erster Gipfelversuch. Allerdings nicht wie damals erst am 8027 Meter hohen Vorgipfel, sondern schon fünfhundert Meter tiefer. Unsere Gipfelmannschaft war auf sich allein gestellt: Es gab für sie keine getretene Spur, keine Trägerunterstützung, keine fixen Seile. Da war der Broad Peak wieder ein klassischer, stilreiner und anspruchsvoller Anstieg. Wir zogen unsere imaginären Hüte vor den Erstbesteigern, die vor fünfzig Jahren stets vom 6950 Meter hohen Lager 3 aus gestartet waren, während heute wegen der langen Gipfeletappe viele Expeditionen ein zusätzliches Lager 4 errichten.

          Tod in den Morgenstunden

          Am Nachmittag des 6. Juli 2006 standen schließlich drei von uns am Gipfelgrat - und mit jedem Schritt, den sie höher stiegen, wurden die Spuren von Marcus Schmuck, Fritz Wintersteller, Kurt Diemberger und Hermann Buhl ihre eigenen. Abends gegen sechs Uhr erreichte Peter Ressmann als Erster den Gipfel des Broad Peak und bannte wie Kurt Diemberger 1957 die Magie des Sonnenuntergangs auf Film. Doch für Markus Kronthaler, unseren Expeditionsleiter, sollte diese Magie ihren Preis haben: Nach einem Biwak in fast achttausend Meter Höhe erreichte er zwar mit seinem Partner Sepp Bachmair am nächsten Tag ebenfalls den Gipfel, aber für den Abstieg reichte seine Kraft nicht mehr aus. Er starb in den Morgenstunden des 8. Juli 2006. Für uns im Basislager waren diese Ereignisse trotz Funkverbindung etwas, das unüberbrückbar entfernt irgendwo in einer ganz anderen Welt stattfand - und doch als Echo der Ereignisse von 1957 auch ganz nah.

          Sein Tod mit zweiunddreißig Jahren machte Hermann Buhl zum James Dean der Bergsteiger. Der Star, der zu jung starb. „Ein Bergtod birgt, so widerspruchsvoll es auch klingen mag, in gewissem Sinne Unsterblichkeit in sich“, können wir in einem Expeditionsbuch von 1957 lesen. Worte, die dem damaligen Geist des „heroischen Alpinismus“ entsprechen. Doch was es wirklich bedeutet, was die wirklichen Gefühle sind, wenn man ohne einen Freund von einer Expedition zurückkehrt - darüber verliert die Bergliteratur meist nicht viele Worte.

          Der Glanz des Gipfels

          Ich habe an keine markigen Worte gedacht, als ich für Markus eine Gedenktafel meißelte, seine Habseligkeiten zusammenpackte oder seinem Bruder am Flughafen begegnete. Ich habe teilweise an gar nichts mehr gedacht. Der erste Schock betäubte alles, während sich gleichzeitig jede Einzelheit dieser Stunden und Tage glasklar in mein Gedächtnis brannte. Dann, in den Wochen danach, fuhren die Gefühle Achterbahn: mal war es lähmende Leere, mal zerreißender Schmerz, dann trotzige Wut, dann wieder melancholische Dankbarkeit für die gemeinsamen Erlebnisse.Kann man mit einem solches Erlebnis überhaupt einmal komplett abschließen? Vielleicht ist es wie ein Schatten, der mich fortan immer begleitet? Nur dass er dabei mal mehr, mal weniger dunkel erscheinen wird. So kann für uns das Erlebnis unserer Expedition zum Broad Peak nicht im mythischen Glanz des Gipfels verharren.

          Die Ambivalenz, die in einer Geschichte wie jener um Hermann Buhl liegt - das Aufeinanderprallen von Leben und Tod, Mythos und Mensch, Verklärung und Entzauberung -, berührt uns nun ganz direkt. Auf unserer Spurensuche waren wir Hermann Buhl nähergekommen, als wir dies jemals gedacht hatten.

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