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Alpinismus : Wie müde darf ein Held sein?

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Glaube und Hoffnung

Im Nachwort zu Kriemhild Buhls Buch gesteht Kurt Diemberger selbst diese Ambivalenz ein, die Abenteurer und Extrembergsteiger erzeugen: „Wir Besessenen wissen, was wir unseren Angehörigen abverlangen. Manchmal alles. Wir saugen die Energie aus unseren Nächsten heraus, zentrieren unsere Mitmenschen auf uns, machen sie vorübergehend zu Trabanten. Aber das ist auch die andere Seite: Wir bieten im Gegenzug viel Licht. Unsere Leidenschaft ist ansteckend - sogar für diejenigen, die nie die letzten Höhen mit eigenen Füßen betreten haben. Wir schenken ihrem Alltag Höhen und Tiefen, Spannung, Glaube und Hoffnung. Wir teilen mit ihnen unsere Träume ... Der Tod beendete Träume, aber für mich nicht sein Dasein.“

Auch für unsere Expedition 2006 war Buhl nicht Geschichte. Die Schilderungen seiner letzten Erstbesteigung begleiteten unsere Gipfelmannschaft bis in die höchsten Höhen des Broad Peak, waren Vergleich und Inspiration. Wie 1957 scheiterte auch unser erster Gipfelversuch. Allerdings nicht wie damals erst am 8027 Meter hohen Vorgipfel, sondern schon fünfhundert Meter tiefer. Unsere Gipfelmannschaft war auf sich allein gestellt: Es gab für sie keine getretene Spur, keine Trägerunterstützung, keine fixen Seile. Da war der Broad Peak wieder ein klassischer, stilreiner und anspruchsvoller Anstieg. Wir zogen unsere imaginären Hüte vor den Erstbesteigern, die vor fünfzig Jahren stets vom 6950 Meter hohen Lager 3 aus gestartet waren, während heute wegen der langen Gipfeletappe viele Expeditionen ein zusätzliches Lager 4 errichten.

Tod in den Morgenstunden

Am Nachmittag des 6. Juli 2006 standen schließlich drei von uns am Gipfelgrat - und mit jedem Schritt, den sie höher stiegen, wurden die Spuren von Marcus Schmuck, Fritz Wintersteller, Kurt Diemberger und Hermann Buhl ihre eigenen. Abends gegen sechs Uhr erreichte Peter Ressmann als Erster den Gipfel des Broad Peak und bannte wie Kurt Diemberger 1957 die Magie des Sonnenuntergangs auf Film. Doch für Markus Kronthaler, unseren Expeditionsleiter, sollte diese Magie ihren Preis haben: Nach einem Biwak in fast achttausend Meter Höhe erreichte er zwar mit seinem Partner Sepp Bachmair am nächsten Tag ebenfalls den Gipfel, aber für den Abstieg reichte seine Kraft nicht mehr aus. Er starb in den Morgenstunden des 8. Juli 2006. Für uns im Basislager waren diese Ereignisse trotz Funkverbindung etwas, das unüberbrückbar entfernt irgendwo in einer ganz anderen Welt stattfand - und doch als Echo der Ereignisse von 1957 auch ganz nah.

Sein Tod mit zweiunddreißig Jahren machte Hermann Buhl zum James Dean der Bergsteiger. Der Star, der zu jung starb. „Ein Bergtod birgt, so widerspruchsvoll es auch klingen mag, in gewissem Sinne Unsterblichkeit in sich“, können wir in einem Expeditionsbuch von 1957 lesen. Worte, die dem damaligen Geist des „heroischen Alpinismus“ entsprechen. Doch was es wirklich bedeutet, was die wirklichen Gefühle sind, wenn man ohne einen Freund von einer Expedition zurückkehrt - darüber verliert die Bergliteratur meist nicht viele Worte.

Der Glanz des Gipfels

Ich habe an keine markigen Worte gedacht, als ich für Markus eine Gedenktafel meißelte, seine Habseligkeiten zusammenpackte oder seinem Bruder am Flughafen begegnete. Ich habe teilweise an gar nichts mehr gedacht. Der erste Schock betäubte alles, während sich gleichzeitig jede Einzelheit dieser Stunden und Tage glasklar in mein Gedächtnis brannte. Dann, in den Wochen danach, fuhren die Gefühle Achterbahn: mal war es lähmende Leere, mal zerreißender Schmerz, dann trotzige Wut, dann wieder melancholische Dankbarkeit für die gemeinsamen Erlebnisse.Kann man mit einem solches Erlebnis überhaupt einmal komplett abschließen? Vielleicht ist es wie ein Schatten, der mich fortan immer begleitet? Nur dass er dabei mal mehr, mal weniger dunkel erscheinen wird. So kann für uns das Erlebnis unserer Expedition zum Broad Peak nicht im mythischen Glanz des Gipfels verharren.

Die Ambivalenz, die in einer Geschichte wie jener um Hermann Buhl liegt - das Aufeinanderprallen von Leben und Tod, Mythos und Mensch, Verklärung und Entzauberung -, berührt uns nun ganz direkt. Auf unserer Spurensuche waren wir Hermann Buhl nähergekommen, als wir dies jemals gedacht hatten.

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