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Alpinismus : Wie müde darf ein Held sein?

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So wie sich die Klientel der Expeditionsbergsteiger im Laufe der Zeit wandelte, änderte sich auch die Betrachtungsweise der alten Helden und ihrer Geschichten. Maurice Herzog an der Annapurna; Compagnoni, Lacedelli und Bonatti am K2, die Messner-Brüder am Nanga Parbat: In den vergangenen Jahren verging kaum ein Achttausender-Jubiläum, an dem nicht irgendein Kapitel der jeweiligen Besteigungsgeschichte neu aufgerollt wurde. Und stets ging es darum, die Rolle oder Erzählversion jener Personen in Frage zu stellen, die bis dato die Geschichte definiert hatten. Auch Hermann Buhl blieb davon nicht verschont. Reinhold Messner selbst ließ dem Lobgesang sofort eine Relativierung folgen und prägte das Bild vom „müden Helden“, dessen Lebensenergie am Broad Peak ausgeschöpft war - eine Auslegung, der Buhls damaliger Partner Kurt Diemberger bis heute energisch widerspricht. Vor einigen Jahren wurden dann Auszüge der Tagebücher der anderen beiden Erstbesteiger des Broad Peak, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller, veröffentlicht. Sie zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild von Buhl und Diemberger, die bislang stets im Vordergrund der Broad-Peak-Geschichte von 1957 gestanden hatten.

Über die Gründe für die Veröffentlichung kann viel spekuliert werden. Der Wunsch der beiden „Stillen“ von 1957, ihre Leistung und ihren Anteil am Erfolg adäquat dargestellt und repräsentiert zu sehen, ist verständlich und legitim - zumal Marcus Schmuck, der damalige Organisator und offizielle Expeditionsleiter, die späte Würdigung beim diesjährigen Jubiläum nicht mehr erleben wird: Er starb im August 2005. Fritz Wintersteller wiederum war, das zeigen auch die Aufzeichnungen Buhls, der leistungsfähigste Teilnehmer. Diembergers Rolle ist am schwierigsten einzuordnen. Er war der Benjamin der Expedition. Seine Berichte sind voller Bewunderung für das Idol Buhl, zu dem er eine Sohn-Vater-Beziehung empfand. Diemberger stand mit Buhl auf dem Broad Peak und war dessen Begleiter beim fatalen Versuch an der Chogolisa; seine Gipfelfotos bei Sonnenuntergang und das Bild von Buhls Spur, die an einer Gratbiegung über die Wächte ins Leere läuft, sind Ikonen der Alpingeschichte.

Ein Leben ohne Vater

Selbst wenn Wintersteller und Schmuck die reibungslosere Besteigung des Broad Peak gelungen war und sie ihr noch die bemerkenswerte Erstbesteigung des Siebentausenders Skilbrum folgen ließen - Diemberger hatte die bessere Erzählung. Seine poetischen Schilderungen prägten ganz wesentlich den Mythos Buhl, gleichzeitig sicherten sie ihm seinen eigenen Platz in der Alpingeschichte. Da fällt es leicht, in den nun veröffentlichten Bemerkungen über Diembergers unkameradschaftliches Verhalten und Buhls Schwäche einen Versuch zu sehen, zwei alte Berghelden von ihrem Sockel zu stoßen und durch zwei andere ersetzen zu wollen - auch wenn die Hintergründe komplexer sind.

Ein Mythos wie Hermann Buhl polarisiert die Betrachter in „ehrerbietende Denkmalbauer und entlarvende Abrisskommandos“, wie es ein englischer Autor treffend umschrieb. Die menschliche Realität liegt irgendwo dazwischen. Buhls älteste Tochter Kriemhild schreibt von dem Menschen Hermann Buhl in ihrem Buch „Mein Vater Hermann Buhl“. Sie erzählt, wie die Gefühle und Sehnsüchte des Vaters im Ringen mit den Bergen das Familienleben bestimmten, während die Mutter - „die wahre Heldin unserer Familie“ - ihre alltäglichen Grenzgänge bewältigte. Sie schreibt von den Schwierigkeiten, ohne Vater aufzuwachsen und sich dennoch von ihm, der Legende, abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln. Kriemhild Buhl schildert dies, ohne anzuklagen. Damit relativiert sie den Mythos und setzt ihn in einen größeren menschlichen Kontext, ohne ihn zu zerstören. Das daraus entstehende Bild von Hermann Buhl ist ambivalent, aber es ist auch tiefer, vielschichtiger. „In meinen guten Stunden denke ich: Er steht unsichtbar hinter mir, er war immer da, er hat mir seinen Atem gegeben. In meinen schlechten Stunden denke ich: Er hat mir gefehlt und das hat mich geprägt.“

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