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Alpen : Fürchtet Gottes Zorn

Gletscher schmelzen wie der Parmesan auf der Pasta Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Am Monte Rosa, Italiens gewaltigstem Gebirgsstock, gibt es keinen Winter mehr. Vielleicht liegt es am Klimawandel, vielleicht aber auch daran, dass sich im Fegefeuer die Sünder drängen.

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          „Cazzo caldo“ ist ein italienischer Ausruf der Verzweiflung, klingt in Dantes Sprache schön lyrisch, lässt sich allerdings unmöglich mit Anstand übersetzen und bedeutet ungefähr, dass es sehr, sehr warm ist. „Cazzo caldo“ hört man oft, wenn man in diesem Winter die Menschen am Monte Rosa fragt, wie es denn so gehe - fatal, ein Fiasko, Hitze im Hochgebirge, zwanzig Grad zu warm, die Pisten grün wie die Hügel der Toskana, das hätten sie noch nie erlebt und noch nie die Gletscher im Januar zerschmelzen sehen wie den Parmesan auf der Pasta. Etwas sei im Gange, raunen sie und vermissen den Winter, verfluchen den Frühling, verstehen die Welt nicht mehr; etwas verändere sich, viel schneller, als wir glaubten, ein Wandel für immer. Sie wüssten es - wer, wenn nicht sie.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Denn wo sollte es denn überhaupt noch einen richtigen Winter geben, wenn nicht hier am Monte Rosa, dem gewaltigsten Gebirgsstock der Alpen, dem Inbegriff steinerner Imposanz, einem Koloss aus Granit, gekrönt von einem Dutzend Viertausendern, überragt von den höchsten Gipfeln zweier Länder, aufgetürmt aus zweitausend Meter hohen Steilwänden, Karakorum-Dimensionen, „Himalaja der Alpen“ nennt man ihn ehrfurchtsvoll. Wenn es hier keinen Winter mehr gibt, sagen die Menschen, dann gibt es ihn nirgendwo mehr.

          Italiens Trostpreis

          Der Monte Rosa ist der präsenteste Berg der italienischen Alpen, ihr Kronjuwel, das noch in zweihundert Kilometer Entfernung am Horizont strahlt wie der Gipfel und das Ende der Welt. So herrscht er über der Po-Ebene und den Weinbergen der Langhe, über Turin und Mailand, und die Legende will, dass ihm Leonardo da Vinci seinen Namen gab, als er von der Stadt der Sforza aus den Monte Rosa in der Dämmerung glühen sah. Für eine charismatische Karriere ist der Monte Rosa prädestiniert wie kein zweiter Berg Italiens, ein Gipfel des Pathos und des Nationalstolzes.

          Doch der trotzköpfige Gigant verweigert sich den Patrioten, er ärgert sie sogar, verhöhnt sie fast, gönnt ihnen keinen Triumph. Denn sein höchster Gipfel, die 4634 Meter hohe Dufour-Spitze, liegt haarscharf auf Schweizer Territorium. Der höchste Berg Italiens ist nur eine Handvoll Meter entfernt, nur ein paar Meter niedriger und trägt einen ruhmlosen Namen: Cima italiana della Punta Dufour - damit ist kein Staat zu machen, das ist nur der Trostpreis.

          Das Geschenk der Freiheit

          So ist der Monte Rosa nicht zum Berg der Italiener geworden, immerhin aber zum Seelengebirge eines viel kleineren Stammes: der Walser, der unerschrockenen Hochgebirgsbauern, die sich in den meisten Tälern rund um das Massiv niederließen. Für alle anderen ist der Monte Rosa bis heute eine Barriere, ein trennender Klotz, der die Fahrt von einem Tal ins nächste zu einer stundenlangen Odyssee macht. Für die Walser aber, die ihn einkreisten wie die Liliputaner Gulliver, wurde er zum Zentrum ihres Universums, seit sie im zwölften und dreizehnten Jahrhundert auszogen aus dem Wallis, um das Hochgebirge zu besiedeln, das bis dahin als unbesiedelbar galt. Sie rodeten die Wälder, mähten die Almen, mästeten ihr Vieh, schenkten den Fürsten und Klosterherren hochalpines Kulturland und wurden dafür mit der Freiheit belohnt.

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