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Alaska : 15499 Kilometer bis Kleinern

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Der Schilderwald von Watson Lake Bild: Watson Lake

Watson Lake ist ein verlassenes Nest am Alaska Highway. Hier zählen nur zwei Distanzen: Wieviel Kilometer hat man vom kanadischen Dawson Creek aus bereits zurückgelegt, und wie weit ist es noch bis zur nächste Eisdiele.

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          Watson Lake ist ein von allen Göttern und guten Geistern verlassenes Nest am Alaska Highway. Hier zählen nur zwei Distanzen: Wieviel Kilometer hat man vom kanadischen Dawson Creek aus bereits zurückgelegt, und wie weit ist es noch bis Fairbanks in Alaska? Niemand dagegen interessiert sich im Ernst für die Entfernung nach Basel oder Bad Pyrmont, nach Mannheim oder Chemnitz. Und schon gar niemand will wissen, daß das nordhessische Dörfchen Kleinern 15499 Kilometer weit weg liegt. Doch mit diesen Informationen wird man im Signpost Forest versorgt, dem größten Schilderwald der Welt. Er wächst inzwischen schneller als die abgeholzten und wieder aufgeforsteten Wälder des kanadischen Nordwestens, weil ihn durchreisende Touristen Tag für Tag durch mitgebrachte Schilder aus der eigenen Heimat vergrößern. Der Drang zu dieser kuriosen Sammelei verdankt sich wohl der Abgelegenheit und Gleichförmigkeit der nordischen Landschaft: weite Ebenen mit Weizenund Rapsfeldern, riesige Sümpfe, hier und da ein See - und vor allem Bäume, Bäume, sehr viele Bäume. Der liebe Gott muß müde gewesen sein, als er unser Land schuf, sagt man im Yukon Territory.

          Durch dieses "Great Alone", diese monotone, manchmal sogar desolate kanadische Provinz, führt eine der legendären Fernstraßen Amerikas, der Alaska Highway. Die 2446 Kilometer zwischen Dawson Creek und Fairbanks gelten als touristische Kultstrecke, auf der mittlerweile mehr Wohnmobile als Personenwagen und Lastwagen fahren. Menschen aus aller Welt sind dort der Faszination des Alleinseins auf der Spur, folgen Jack Londons Lockruf der Wildnis und ergeben sich für ein paar Tage dem Bann der großen Einsamkeit. Aber dann ist doch jeder froh über die seltsame Abwechslung, die nach knapp tausend Kilometern der Signpost Forest verspricht.

          Road to Tokyo
          Ob eine Fahrt auf dem Alaska Highway in heutiger Zeit noch ein Abenteuer ist, sei dahingestellt. Ein technisches Bravourstück allerdings war die Konstruktion der Straße während des Zweiten Weltkriegs: Landvermesser, Ingenieure und Bauarbeiter verlegten sie in nur neun Monaten in die unberührte arktische Wildnis. Elftausend Soldaten und sechzehntausend Zivilisten arbeiteten an der "Road to Tokyo", der für den damaligen Kriegsschauplatz im Pazifik strategisch wichtigen Verbindung zwischen Alaska und dem Rest der Vereinigten Staaten. Einer der Bauarbeiter war Carl Lindley, der eines Tages beim Meilenstein 613 ein von einem Bulldozer zerstörtes Verkehrszeichen reparieren sollte. Er gab dem Auftrag eine persönliche Note und stellte ein Schild auf, das die Entfernung zu seiner Heimatstadt Danville in Illinois anzeigte. Was er damit langfristig anrichtete, konnte er nicht ahnen.

          Durchreisende Lastwagenfahrer fügten sporadisch ähnliche Hinweistafeln hinzu, und mit der Öffnung der Straße für den Tourismus setzte dann ein unentwegtes Schilderpflanzen ein: 1990 wurden zehntausend Schilder gezählt, und seither geht es immer schneller voran. Die Behörden in Watson Lake führen alle paar Jahre eine offizielle Zählung durch, die im August 1999 eine Summe von mehr als zweiundvierzigtausend ergab. Pro Jahr sollen zwei- bis dreitausend Schilder dazukommen, so daß an Bäumen und eigens bereitgestellten Pfosten inzwischen schon weit mehr als fünfzigtausend Exemplare hängen: Original-Ortsschilder aus Amerika, Asien, Australien und Europa, bunte Wegweiser mit und ohne Entfernungsangaben, Verkehrszeichen und Pkw-Nummernschilder aus aller Herren Ländern.

          An Deutschlands Autobahn gestohlen

          Viele kunstvoll oder dilettantisch gemalte Kreationen wurden offensichtlich eigens für den Signpost Forest hergestellt, und wer sein heimatliches Schild vergessen hat, kann sich von geschäftstüchtigen Einheimischen für ein paar Dollar das Schild seiner Wahl malen lassen. Andere könnte man als eine Art Dauerleihgabe deutscher Straßenmeistereien ansehen; die Vermutung liegt allerdings nahe, daß sie einfach vom Wegesrand abmontiert und gestohlen wurden. Wenn bei uns irgendwo ein Ortsschild verschwindet, ist es nicht unwahrscheinlich, daß es im Signpost Forest wiederauftaucht. Gestohlen oder nicht - wie hat man ein sechs Quadratmeter großes Autobahnschild von Deutschland nach Watson Lake geschafft? Vielleicht findet sich eine plausible Antwort auf diese Frage während der verbleibenden tausendfünfhundert Kilometer bis Fairbanks.

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