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Äthiopien : Die dreizehnte Tasse gehört dem Geist

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Bohnen, so weit das Auge reicht: Wie überall in Äthiopien wird der Kaffee im Dorf Tulcha in der Sonne getrocknet. Bild: Michael Tsegaye / BLOOMBERG NEWS

Wenn man Äthiopien kennenlernen möchte, dann muss man mit den Menschen Kaffee trinken. Denn nichts ist ihnen so wichtig wie der Genuss der gerösteten Bohnen.

          Terefe hat am Nachmittag geschlafen, eine Kleinigkeit gegessen und macht sich nun auf den Weg zur Arbeit. Wie so viele in Addis Abeba hat er mehrere Jobs, einen als Nachtwächter, einen als Pförtner, außerdem hilft er gelegentlich in der kleinen Schreinerei seines Bruders aus. Heute Nacht wird Terefe ein Bürogebäude im alten Zentrum von Addis Abeba bewachen. Er ist früh dran, als er im Quartier Piazza ankommt, viel zu früh, denn die Sonne geht gerade erst unter. "Sollen wir noch einen Kaffee trinken?" fragt er. Wir laufen los, es geht durch überfüllte Gassen, durch einen Innenhof, einen langen Flur entlang. Dann öffnet Terefe eine Tür, hinter der sich ein Saal verbirgt. Duft von Weihrauch durchzieht den Raum, in der Mitte knistert ein kleines Feuer. Zehn Männer und Frauen haben sich hier zur Kaffeezeremonie versammelt.

          Kaffee wird überall auf der Welt getrunken, doch nirgendwo sonst kosten die Menschen den Genuss so aus wie in Äthiopien - das Land am Horn von Afrika hat eine einmalig reiche Kaffeekultur. Die Liebe zum rituellen Kaffeegenuss gehört zu den wenigen Dingen, die fast alle Äthiopier verbindet, egal ob sie arm oder reich sind, ob sie in Addis Abeba leben oder fernab der Stadt in den Bergen. So gut wie jede äthiopische Familie trifft sich einmal am Tag zum gemeinsamen Kaffeegenuss. Die Kaffeezeremonie ist die aufwendigste Form, daneben aber pflegen die Äthiopier je nach sozialer Stellung weitere Varianten des gemeinsamen Kaffeetrinkens. Die zu erkunden lohnt sich, denn in Äthiopien sind die Menschen nicht grundlos davon überzeugt, die besten Bohnen der Welt zu haben. Darüber hinaus kann das Kaffeetrinken Einblicke in die eher verschlossene äthiopische Gesellschaft gewähren. "Wenn du die Menschen hier wirklich kennenlernen willst, dann musst du mit ihnen Kaffee trinken", sagt Terefe. Trinken wir also Kaffee mit den Äthiopiern - mit Großstadtmenschen ebenso wie mit Kaffeebauern auf dem Land, im Kollegen- wie im Familienkreis.

          Der Hirtenjunge Kaldi

          Die jüngste der anwesenden Frauen übernimmt die Rolle der Zeremonienmeisterin. Zur Einstimmung hat sie schon etwas Weihrauch verbrannt. Nun röstet sie die Bohnen auf dem offenem Feuer und schwenkt den Duft jeder einzelnen Nase zu. Dann stampft sie die Bohnen mit einem Mörser und brüht in einer runden Tonkanne dreimal frischen Kaffee auf. Den serviert sie in kleinen Tassen. Ohne Löffel, aber mit einer Menge Zucker. Es ist ein sehr guter, sehr kräftiger Kaffee aus ungemischten Arabica-Bohnen. Dreimal werden die Tassen ausgeteilt, nach einer Weile wieder eingesammelt und in einer Wasserschüssel ausgewaschen. Nachdem die dritte Tasse bis auf das Gemisch aus Zuckerrest und schwarzem Satz geleert ist, löst sich die Veranstaltung auf, ganz wie es die Regeln verlangen. Am Horn von Afrika gilt es als Beleidigung des Gastgebers, nach der letzten sitzen zu bleiben oder - noch schlimmer - schon früher aufzustehen. Die Kaffeezeremonie kennt eine Reihe solcher ungeschriebener Gesetze, an die sich die Äthiopier mal mehr, mal weniger streng halten. Dazu gehört auch, dass auf jedem Tablett dreizehn Tassen stehen sollten, ungeachtet wie viele Gäste da sind. Und dass die dreizehnte Tasse leer bleiben muss.

          "Sie werden Ihnen sagen, dass es uralt ist, was sie da machen. Aber das stimmt nicht." Rita Pankhurst spricht über die Kaffeezeremonie und serviert dazu Tee, so viel britischen Lebensstil hat sich die Historikerin auch nach fast fünfzig Jahren in Afrika erhalten. Rita und ihr Mann Richard erforschen die Kulturgeschichte Äthiopiens. Das geht natürlich nicht ohne das Thema Kaffee, schließlich waren es Hirten im äthiopischen Hochland, die als Erste das Aroma der Kaffeebohne entdeckten. Der Legende zufolge fiel dem Hirtenjungen Kaldi auf, dass die Ziegen stundenlang herumtollten, wenn sie von den Früchten des Kaffeestrauches gefressen hatten. Weil die Hirten nachts wach bleiben mussten, kochten sie die Früchte in Ziegenmilch. Das war noch nicht das Richtige. Erst die Araber auf der anderen Seite des Roten Meeres fanden den Dreh: Sie schälten das Fruchtfleisch und rösteten den Kern. In dieser Form verbreitete sich der Kaffeegenuss über die Welt, und so kehrte er auch in sein Heimatland zurück.

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