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40 Jahre Interrail : Die Freiheit erfahr ich mir

  • -Aktualisiert am

Bild: Lisowski, Philip

Mit dem Interrail-Pass im Zug durch Europa - das ist seit 40 Jahren der Traum vieler Jugendlicher. Heute können sogar Senioren das Ticket nutzen.

          Er hat das Format einer Theaterkarte und passt in die Gesäßtasche jeder zerschlissenen Jeans. Nach vier Wochen trägt er Eselsohren und glänzt speckig. Der Interrail-Pass ist nicht bloß ein Zugfahrschein, er erzählt Geschichten. Als er vor 40 Jahren auf den Markt kam, war er für viele junge Leute das Ticket zur Freiheit.

          Interrail bedeutet: Man kauft ein Ticket, mit dem man einen ganzen Monat kostenlos im Zug durch Europa reisen kann. 1972 kostete der Pass nur 235 DM, jeder unter 21 Jahren konnte damit fahren. Für viele gehörte die Reise zum Erwachsenwerden dazu: das erste Mal ohne die Eltern unterwegs. Jeden Tag frei entscheiden, ob man noch einen Tag in Paris bleibt oder schon weiter nach Rom fährt, ob man die Nacht im schmalen Herbergsbett verbringt oder am Strand. Und jeden Tag nachzählen, ob das Geld noch reicht. Bei Entertainer Harald Schmidt etwa reichte es nicht, er musste seine Tour nach Kreta in der Schweiz abbrechen.

          Boom-Zeiten sind vorbei

          Bis heute haben acht Millionen Menschen den Interrail-Pass gekauft. Die Boom-Zeiten des Interrails waren die achtziger und neunziger Jahre. 1990 reisten fast 400.000 junge Erwachsene durch das wiedervereinigte Europa. Doch dann brach das Geschäft ein. Im Jahr 2002 unternahmen nur noch 145.000 eine Interrail-Reise. Schuld daran sind die Billigflieger. Wer will, kann heute für relativ wenig Geld die ganze Welt bereisen. Man kann Elefanten in Thailand reiten, auf Ökofarmen in Australien arbeiten oder wie Che Guevara durch Lateinamerika wandern.

          Rucksackreisende auf dem Hauptbahnhof Hamburg 1982

          Die Deutsche Bahn und die beteiligten Bahngesellschaften haben auf den Schwund reagiert: Die Altersgrenze wurde schrittweise angehoben, mittlerweile können alle per Interrail durch Europa fahren, Eltern mit ihren Kindern, und für Senioren gibt es sogar zehn Prozent Rabatt auf den Erwachsenentarif.

          Das heutige Ticket umfasst heute 30 Länder

          Man kann heute noch mehr Strecke hinter sich legen und noch mehr Grenzen überwinden als früher: 30 europäische Länder sind im Pass dabei, einschließlich der Türkei. Nach Griechenland fahren seit Ausbruch der Wirtschaftskrise allerdings keine internationalen Züge mehr. Und neben dem klassischen Monats-Pass, der heute „InterRail Global Pass“ heißt und 422 Euro für Leute unter 25 kostet, gibt es seit 2007 auch Tickets, die für wenige Tage oder nur für einzelne Länder gelten: für 82 Euro an acht Reisetagen durch Bulgarien, für 211 Euro durch Frankreich. Man kann die Ländertickets auch kombinieren

          Europaweiter Pass

          Das kompaktere Angebot dürfte auch all die Nörgler entwaffnen, die schon zu den besten Zeiten schimpften, Interrail sei nichts als „Kilometerfresserei“. Das schier grenzenlose Europa-Ticket macht viele rastlos, da ist dieser Drang, immer weiter zu fahren, nirgends anzukommen. Man kann es auch so sagen: Mit Interrail wurde Reisen flexibel, bevor das Wort unser Standardvokabular beherrschte. Heute noch in Malmö und morgen schon auf dem Weg nach Marokko (bis 2007 galt das Ticket auch in Nordafrika). Hauptsache, die Sonne scheint.

          Südeuropa-Routen sind am beliebtesten

          Deshalb sind die meisten Interrailer auch Deutsche und Schweizer, mit einem Anteil von 18 Prozent an allen Interrail-Reisenden, gefolgt von Franzosen, Italienern und Schweden (jeweils acht Prozent). Das Wetter ist wohl auch der Grund, warum die Strecke London-Paris-Rom seit den 70ern die beliebteste Interrail-Strecke ist, gefolgt von anderen Südeuropa-Routen.

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