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Fehmarn: Auf Kirchners Spuren : Schleichweg zum Idyll

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Wie in der Südsee

Kirchners Fehmarn, das ja nur die südöstliche Ecke der Insel darstellt, hat sich in den vergangenen hundert Jahren kaum verändert. Außer dem uralten Gut Staberhof und dem kleinen Ensemble rund um den Leuchtturm ist hier weit und breit kein Haus zu sehen. Kornfelder wogen vor dem Strand von Staberholz, wo mitten in der Hochsaison ein einsamer nackter Mann am Saum des Wassers steht, von Ferne gleich einer der „Hieroglyphen“-Figuren auf Kirchners Bildern. Neu sind nur der angelegte Kirchner-Spazierweg und der Radweg samt Infotafel, der oberhalb des Strandes zur Natursteilküste von Katharinenhof führt.

Der Sommer 1912 gerät zum Schaffensrausch. Kirchner malt nackte Badende, malt den an einen tropischen Urwald erinnernden Wald bei Staberhof, malt den Leuchtturm samt Nebengebäuden mal in grellem Rot und Gelb, mal in düsterem Grün, als betrachte er die Szenerie durch ein Nachtsichtgerät. Und wieder zeichnet er wie besessen. Fehmarn ist sein irdisches Paradies, sein Arkadien endloser Inspirationen. „Ich will auch nächstes Jahr wieder hin, der ganze starke Eindruck des ersten Dortseins hat sich vertieft, und ich habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife, soweit ich das selbst beurteilen kann. Ocker, blau, grün sind die Farben von Fehmarn, wundervolle Küstenbildung, manchmal von Südseereichtum, tolle Blumen mit fleischigen Stielen . . .“, schreibt er in einem Brief an den Hamburger Kunstsammler Gustav Schiefler.

Die Einheimischen sprechen von zwei Jahreszeiten, die wie folgt genannt werden: „NRW da“ und „NRW noch nicht oder nicht mehr da“.
Die Einheimischen sprechen von zwei Jahreszeiten, die wie folgt genannt werden: „NRW da“ und „NRW noch nicht oder nicht mehr da“. : Bild: obs

Der Südsee-Vergleich des Künstlers lässt sich am besten verstehen, wenn man sich zu Klaus Skerra in seine Cessna 172 setzt. Eine Wiese bei Neujellingsdorf dient als Flugplatz, das Abfertigungsgebäude ist ein Wohnwagen. Mit drei Passagieren gehen Skerra senior oder seine Kinder Frank und Nicole mit Gästen in die Luft. Der Blick auf das Meer bei gutem Wetter zeigt die Ostsee je nach Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes als Malerpalette von funkelndem Türkis, leuchtendem Smaragd und sattem Ultramarin. Beim Rundflug wirkt die knapp zweihundert Quadratkilometer große Insel wie ein Spielzeugland. Fehmarn hat zweiundvierzig Dörfer, die jedoch administrativ längst zu einer einzigen Stadt Fehmarn zusammengefasst wurden. Skerra zieht die Maschine über die Naturschutzgebiete Wallnau und Grüner Brink, schwebt über die vier Inselkirchen und die weiten Felder mit Korn, Mais und Raps. Fehmarn war nie eine arme Insel. Der extrem fruchtbare Boden brachte den Bauern Wohlstand. Dunkelrote Klinkerscheunen, so riesig, wie man sie noch nirgendwo gesehen hat, bargen einst das Korn. Im siebzehnten Jahrhundert hatten manche Gutsbesitzer eigene Schiffe laufen, die die Erzeugnisse bis nach Trondheim brachten. Später kaufte man den zweit- und drittgeborenen Söhnen Farmen in Amerika und Australien, um die heimatlichen Güter nicht aufteilen zu müssen. Heute dienen die Scheunen zuweilen als Winterstellplatz für Jachten, oder sie werden als überdachte Spielplätze für Urlauberkinder genutzt. In manche sind sogenannte „Hofcafés“ eingezogen, in denen ebenso gewaltige wie köstliche Kuchengebirge angeboten werden.

Das Paradies war verloren

Im Sommer 1913 ist Kirchner wieder da, malt die heute noch vorhandene mächtige Scheune mit dem geschwungenen Dach von Gut Staberhof. Auch der Taubenturm daneben ragt noch wie auf dem Gemälde auf. Küsten- und Hafenansichten, Buchten mit Booten und Badenden folgen. „Hier lerne ich die letzte Einheit von Mensch und Natur gestalten und vollende das, was ich in Moritzburg angefangen hatte. Die Farben wurden milder und reicher und die Formen strenger und ferner der Naturform“, ist das Fazit des Künstlers. Erst Ende September reist Kirchner zurück nach Berlin.

Im Sommer 1914 ist er wiederum beim Leuchtturmwärter und dessen Familie einquartiert. „Fehmarnlandschaft mit Waldweg“ ist eines seiner letzten Bilder von der Insel. Diesmal bestimmt nicht er die Abreise, sondern der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Paradies ist verloren. Kirchner meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst, erleidet jedoch schon in der Grundausbildung eine psychische Krise. Er zieht in keine Schlacht, sondern geht 1917 nach Davos. Der „deutsche Picasso“, der wie sein spanischer Kollege allein etwa zweiundzwanzigtausend Zeichnungen hinterlassen hat, beobachtet den aufkommenden Nationalsozialismus von seiner neuen Schweizer Heimat aus mit Entsetzen. In Deutschland gehört er nun zu den sogenannt Entarteten. Nach dem „Anschluss“ Österreichs fürchtet er, dass die deutschen Truppen über die Grenze nach Graubünden einfallen könnten, und setzt seinem Leben ein Ende. Sein irdisches Ostseeparadies hatte er nie wiedergesehen. Aber jeder kann es heute noch für sich entdecken.

Motivsuche im Garten des Leuchtturmwärters

• Anreise: Mit dem Wagen sind es etwa 630 Kilometer von Frankfurt nach Fehmarn. Die Fahrt mit der Bahn dauert einschließlich Umsteigen in Hamburg bis Puttgarden gut sechs Stunden, www.bahn.de

• Unterkunft: Strandhotel Bene, komfortables modernes Haus mit großen Zimmern direkt am Südstrand (Doppelzimmer mit Frühstück ab 170 Euro, E-Bike-Verleih für 15 Euro pro Tag, www.bene-fehmarn.de. Empfehlenswert für Familien sind die Ferienwohnungen und -häuser im Ferienhof Beneken auf einem Landgut in Staberdorf (ab 70 Euro pro Nacht, www.ferienhof-beneken.de)

• Kirchner auf Fehmarn: Eine Kirchner-Dokumentation mit vielen Reproduktionen von auf der Insel entstandenen Gemälden in Originalgröße hat die Stadtbücherei von Burg auf Fehmarn eingerichtet (Bahnhofstr. 47, Montag bis Freitag 9.30 bis 12 und 14.30 bis 18.30 Uhr, außer Mittwoch. Der Eintritt ist frei, jeden Sonntag gibt es um 11.15 Uhr kostenlos eine Führung. Eine Karte „Kirchner-Insel Fehmarn“ mit vielen Informationen sowie jeweils zwei markierten Spaziergängen und Radtouren gibt es im Tourismus-Büro am Südstrand (2,50 Euro). Die Ausstellung „Fehmarn – Kirchners Paradies“ ist noch bis 20. August in Burg zu sehen (Senator-Thomsen-Haus, Breite Straße 28).

• Auskunft: Tourismus-Service Fehmarn, Burgtiefe, Zur Strandpromenade 4, 23769 Fehmarn, Telefon: 0 43 71/50 63 00, www.fehmarn.de

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