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Fehmarn: Auf Kirchners Spuren : Schleichweg zum Idyll

  • -Aktualisiert am

„Gebadet, gemalt und gezeichnet wurde natürlich, wie schon an den Moritzburger Seen, nackt“

Frisch verliebt bezieht der Maler samt Modell bei seiner Rückkehr im Jahr 1912 eine abgeschiedene Bleibe. Beim Leuchtturmwärter Lüthmann in Staberhuk quartiert er sich ein, am südöstlichsten Zipfel der Insel. Familie Lüthmann hatte acht Kinder durchzufüttern und freute sich über das Zubrot, das die Zimmermiete der Sommergäste bedeutete. In dem von Kirchnerverein Fehmarn herausgegebenen Text heißt es: „Nur selten verirrte sich jemand nach Staberhuk. So freuten sich die Lüthmann-Kinder über die Abwechslung, die der Künstler und ,Frau Kirchner‘ in ihr Leben brachten.“ Und über die Beziehung zwischen Leuchtturmwärter und Maler heißt es: „Der strenge und akkurate preußische Beamte kam mit dem Bohemien Kirchner überraschend gut aus. Er achtete das disziplinierte Leben des Künstlers. Kirchner stand frühmorgens zwischen fünf und sechs Uhr auf, wusch sich am Brunnen und zog dann los.“ Das ist freilich eine idealisierte Version. Zwar erlaubte der Leuchtturmwärter schließlich sogar seinen Töchtern Dora und Frieda, dem Maler als Modelle zu dienen. In Sorge war er trotzdem. Susanne Kettler, die heute das Leuchtturmwärterhaus bewohnt, erinnert sich an einen Besuch zweier Lüthmann-Enkel in Staberhuk. In Wirklichkeit hätte ihr Großvater arge Befürchtungen gehabt, die älteren Töchter könnten allzu sehr ins künstlerische Leben und seine Freiheiten einbezogen werden. Es ging ja tatsächlich betont locker zu. „Gebadet, gemalt und gezeichnet wurde natürlich, wie schon an den Moritzburger Seen, nackt“, notierte Kirchner über das Sommerleben in Staberhuk.

Wer heute hier hinausradelt, findet den Platz praktisch unverändert vor. Das Leuchtturmwärterhaus wurde nach einem Bombertreffer neu im alten Stil aufgebaut. Inzwischen ist es im Besitz des Hamburger Architektenpaars Kettler und Stahmer, die es behutsam renoviert haben. Der Leuchtturm selbst ist noch immer in Funktion, allerdings ferngesteuert aus Travemünde. Das Grundstück rundherum gehört dem Wasser- und Schifffahrtsamt Lübeck, das seine Mitarbeiter dort sogar in einem Seitengebäude Ferien machen lässt. Ansonsten darf das umzäunte Gelände nicht betreten werden. Dennoch sollte man vor dem Tor nicht gleich wieder umdrehen. Wer linker Hand an Hecke und Zaun entlangläuft, dann den kurzen Trampelpfad Richtung Küste nimmt, sieht die Ostsee, von einer gewaltigen Laubbaumkrone gerahmt, plötzlich vor sich. Und genau in diesem Moment kommt ein Kanu vorbei, paddelt um die Landspitze herum. Ein Bild, wie es auch Kirchner als Zeichnung verewigt hat. Es ist alles wie damals, auch wenn das vom Künstler einst gebaute Kanu aus Holz und nicht aus Kunststoff war.

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Verkehrsminister überlebensgroß: Gegner des Fehmarnbelttunnels nennen Dobrinth den „Betonkopf des Jahres“. : Bild: dpa

Direkt vor dem Wasser führt der Pfad rechts die Böschung hinauf. Jetzt sieht man das Leuchtturmgelände von der Seeseite aus und findet sich in einer Art Miniaturgarten wieder. Zwei Bänke vor roten Rosen und gelb-orange flammender Kapuzinerkresse gewähren freien Blick übers Wasser, auf einen Baumstumpf hat jemand ein fröhliches „Moin, moin“ gepinselt, und das Wappen der Insel flattert im Wind: Eine goldene Krone auf kornblauem Grund. Frau Kolbe, die früher im Leuchtturmwärterhaus gewohnt hat, pflegt noch immer ihren Lieblingsplatz. Jedem, der den Schleichweg zum Idyll kennt, steht er offen.

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