https://www.faz.net/-gxh-90k79

Fehmarn: Auf Kirchners Spuren : Schleichweg zum Idyll

  • -Aktualisiert am

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Fehmarn mit seinen gut zwölftausend Einwohnern zieht im Jahr etwa dreihundertfünfzigtausend Urlauber an. Die Einheimischen sprechen von zwei Jahreszeiten, die wie folgt genannt werden: „NRW da“ und „NRW noch nicht oder nicht mehr da“. Wer Ruhe sucht, sollte daher einen Blick auf den Schulferienkalender werfen. Wenn Nordrhein-Westfalen da ist, füllen sich die siebzehn Campingplätze der Insel, und es ist in den Ferienwohnungen auf Bauernhöfen mit reichlich Kinderbespaßung kein einziges Bett mehr frei. Zentrum des Urlaubsgeschehens ist der Südstrand mit den drei IFA-Hoteltürmen, die vor allem von Seniorenbusgruppen belegt werden. Direkt davor dehnen sich silberhell die Dünen aus und hinter den obligaten Strandkörben die blaue Ostsee. „Wasser 17, Luft 20 Grad“ steht mit Kreide auf einer Tafel geschrieben. Das Schild darunter lässt wissen, dass keiner ohne Kurkarte die Füße in den Sand graben darf. Kinder patschen durch das seichte Wasser, vertieft in die uralten Sommerspiele um Sand, Tang und Quallen. Glücksmomente am Saum der See, Computerspiele und virtuelle Kämpfe sind endlich vergessen. Der Nachwuchs sucht Muscheln oder Steine: zuckerhutförmige „Donnerkeile“ oder bizarr geformte Gebilde aus Feuerstein, die ein Loch haben und „Hühnergötter“ genannt werden. Auf der Promenade hinter dem Strand reihen sich die Abfütterungsstationen mit Eiscreme, Pommes, Burgern und Fischbrötchen aneinander. Es gibt sogar eine „Quarkeria“ mit frischem Obst zum Milchprodukt. Aber die Figur der meisten Feriengäste lässt darauf schließen, dass sie auf Fast Food abonniert sind – mit Kirchners grazilen Figuren wie den „Ins Meer Schreitenden“ haben sie nichts gemein.

Softeis für fünfzig Cent

Fehmarn ist unter den deutschen Inseln so etwas wie der Antipode zu Sylt. Fehmarn kann sich jeder leisten. Es existiert hier bislang nur ein einziges gehobenes Hotel. Statt Luxusboutiquen gibt es Billigläden. Das auf der Insel als Kult geltende Softeis der Familie Barnasch in Burg geht als kleine Portion bereits zu fünfzig Cent über den Tresen. Als wolle Fehmarn eine Insel für alle sein.

Fehmarn mit seinen gut zwölftausend Einwohnern zieht heute im Jahr etwa dreihundertfünfzigtausend Urlauber an.
Fehmarn mit seinen gut zwölftausend Einwohnern zieht heute im Jahr etwa dreihundertfünfzigtausend Urlauber an. : Bild: Picture-Alliance

Dennoch lässt sie nicht alles zu. Besucher mögen bitte nur über das Wasser kommen, wobei die Betonung auf dem Wort „über“ liegt und womit die Sundbrücke gemeint ist oder die Fähre von Dänemark aus über den Belt. Vehement dagegen wehrt man sich gegen Pläne, mit Skandinavien per Tunnel verbunden zu werden. An Gartenzäunen und Haustoren prangt überall das hellblaue Andreaskreuz, mit dem die Insulaner ihren Widerstand kundtun: Fehmarn soll nicht zur schnellen Schleuse zwischen Europas Mitte und Norden werden.

Zu Kirchners Zeiten war die Insel verkehrstechnisch kaum erschlossen. Nicht einmal Fahrräder scheinen als Fortbewegungsmittel üblich gewesen zu sein. Anders als die heutigen Urlauber, die mit E-Bikes mühelos von einem Ende zum andern gelangen, hat der Künstler in den insgesamt neun Monaten, die er in vier Sommern auf der Insel verbrachte, denn auch nur einen Teil des Eilands kennengelernt.

Weitere Themen

Sehr schön einsam

Wandern in Irland : Sehr schön einsam

Auf der Halbinsel Beara im Südwesten Irlands führt ein Wanderweg durch menschenleere Landschaften und verwaiste Dörfer. Jetzt ist es hier noch stiller als sonst – und noch berauschender.

Topmeldungen

Söder und Kretschmer : Mehr impfen, auch im Supermarkt

Bayern und Sachsen verlangen, dass mehr Impfstoff in die von Corona stark betroffenen Grenzregionen geliefert wird. Vor der nächsten Konferenz mit der Kanzlerin warnen die Ministerpräsidenten vor einem „Öffnungsrausch“.
Recep Tayyip Erdogan bei der Verkündung des türkischen Raumfahrtprogramms am 9. Februar in Ankara

Brief aus Istanbul : Erdogans Mondfahrt

Mit einem „Wahnsinnsprojekt“ und „historischen“ Schritten kämpfte der türkische Präsident um die Wählergunst. Doch selbst seine „frohen Botschaften“ werden zum Fiasko und kosten Menschenleben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.