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Familienurlaub in Danzig : Was machen wir denn in Polen?

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Abends so ruhig wie Eckernförde im Winter: Giebelhäuser der Kaufleute in Danzig. Bild: Picture-Alliance

Unser Nachbarland ist schön, aber als Reiseziel unterschätzt. Dabei ist auch mit Kindern viel zu entdecken. Zum Beispiel in Danzig.

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          Mitten in der Touristenmeile, auf Zielony Most, der „Grünen Brücke“, sagt der vierzehnjährige Teenager: „Ey, wieso ist das so pervers schön hier? Eigentlich fühl ich altmodische Sachen nicht so, aber hier ist es cool.“ Erstaunliche Worte von einem jungen Menschen, der altersbedingt die meiste Zeit mit Meckern oder Schweigen verbringt.

          Einen Steinwurf entfernt liegt das Schwarze Perlenschiff vor Anker, eine historische Galeone. Möwen kreisen über dem Grünen Tor, das in die Altstadt führt. Man hört, typisch Polen, gerade Kirchenglocken. Wir sind in Danzig, einer Stadt wie eine Puppenstube, genau das Richtige für ein langes Wochenende mit den Kindern. Zugegeben, meine drei Kinder haben sich gerade nicht darum gerissen, mit Papa nach Polen zu fahren. Und vielleicht spiegeln sie einfach eine verbreitete Haltung. Man kann es kaum anders sagen, das Verhältnis der Deutschen zu ihrem zweitgrößten Nachbarland ist gestört. Eine Studie zeigte kürzlich, dass die Polen immer seltener Deutsch in der Schule lernen. Und in unseren Nachrichten kommen vor allem zwei Dinge aus Polen vor: Staatlich unterstützte Homophobie, wie es sie sonst nur in religiösen Diktaturen gibt. Und ständiges Nörgeln an der EU, in die Polen noch 2004 so gern eintreten wollte.

          Suche nach der Blechtrommel

          Dabei ist die Republik Polen bei uns nach wie vor als Destination beliebt. Polen empfängt etwa 19 Millionen Touristen im Jahr, etwa ein Drittel sind Deutsche. Und vieles verbindet die beiden Länder. Manchmal ist es der in Danzig geborene Günter Grass. Wir geraten in die sogenannte Bernsteingasse, die Ulica Mariacka. In den Geschäften überall in Vitrinen der gelbe Stein, selbst Rennautos bauen die Händler aus Bernstein nach. Aber mittendrin sagt ein gusseisernes Schild: „Biblioteka“. In hohen Regalen stapeln und reihen sich Bücher, eine alte Holztreppe führt in das obere Stockwerk, es sieht aus wie bei „Harry Potter“ (und nur deswegen gehen die Kinder mit rein). Drinnen sitzt ein Herr mittleren Alters hinterm Tresen. In einem alten Regal, neben einem historischen Globus: die weiß-rot gestreifte Blechtrommel. „Es ist das Original“, behauptet er. „Aus dem Film.“ Und dann zieht er einen großen Band nach dem anderen aus dem Regal und zeigt alte Aufnahmen seines Danzigs. „Aus dem Nachlass von Günter Grass“, erklärt der Bibliothekar. Er überlegt, was die Kinder interessieren könnte. Das Hevelianum, das Kindermuseum – leider geschlossen. „Gehen Sie einfach spazieren!“

          Alles so pervers schön hier: Wasserspeier in der Ulica Mariacka.

          Und das tun wir, jeden Tag. Im Norden der Stadt liegt die alte Werft, verfallen und unbewacht. Dort begannen die Streiks von 1980, die Gewerkschaft Solidarność entstand um den Arbeiterführer Lech Walesa. Die historische Stätte kann man besuchen, indem man einfach durch eines der zerschlagenen Fenster steigt. Die Kinder sind sofort in den Ruinen verschwunden. Für Erwachsene gibt es ein paar Infotafeln. Alles wirkt höchst improvisiert. Am Werfttor hängen immer noch Blumen, alte Fotos von den Demonstrationen auf dem Gelände, und ein Bild des damaligen Papstes.

          Ein paar Schritte weiter, im Museum des Zweiten Weltkrieges, kann man eine VR-Brille aufsetzen und als Widerstandskämpfer erleben, wie ein Freund erschossen wird. Wie dann aber die Polen aus der Kanalisation heraus mutig ein paar Nazis töten. Ich denke ausschließlich an die Frage, ob es gut war, einem Zwölfjährigen diese Brille aufzusetzen. Die Kinder wollen Fotos neben den echten Panzern. Überzeugend ist das Museum nicht. Der Weltkrieg wird zur düsteren Erlebniswelt. Schnell wieder raus.

          Schlange stehen für eine Köstlichkeit

          Auf den Straßen Danzigs zu schlendern wirkt manchmal, als sei man in Eckernförde im Winter: Es ist sehr ruhig. Die 600.000-Einwohner-Stadt ist ein verschlafenes Nest. Gut für uns: Eine der zentralen Attraktionen ist ein Kinderkarussell. Das Karuzela Gdańska hat zwei Etagen, ist elf Meter hoch und kann 78 junge Passagiere befördern – auf Pferdchen oder in Gondeln.

          Eine etwas improvisierte Gedenkstätte: Solidarnosc-Graffito auf dem Danziger Werftgelände.

          Und dann gibt es da noch die Pączki. Eine Art polnischer Donut, der in einem Straßenkiosk verkauft wird. Man muss lange in der Schlange stehen, im Schaufenster kneten hinter Glas zwei junge Bäcker und schieben immer wieder gigantische Bleche in den Ofen. Es gibt die Teilchen süß und salzig, in etlichen Varianten. Am zweiten Tag können die Kinder „Wisnia“ sagen, das heißt: Kirsche. Und überhaupt, das Essen: Kein Tag ohne die Milchbar „Neptun“. Die klassische Bar Mleczny ist in Polen ein Art gehobener Imbiss, dort essen die Armen – und zwar gut. Wir essen dort jeden Tag, manchmal zweimal. Der Ort erinnert an eine Theaterkantine.

          Hauptsache Waffelmaschine

          Abends wird es sehr ruhig in der Stadt. Wer „Tripadvisor“ und Ähnliches liest, kommt zu Vorschlägen wie: Kalaschnikow-Schießen auch ohne Waffenschein. Ein Glück, dass man mit Kindern immer zurückhaltend bleibt und früh ins Hotel geht. Das neue Holiday Inn Danzigs ist gnadenlos modern eingerichtet, mit Schaukelstühlen, die an dicken Seilen aufgehängt sind, ideal für Hipster, von denen aber weit und breit keiner da ist. Das Haus ist einer der alten Speicher am Hafen, die historischen Mauern wurden in das Gebäude integriert. Aus der Bar im obersten Geschoss reicht der Blick über die ganze Stadt. Und wenn einem langweilig ist, kann man sich den ganzen Tag über den sehr schwachen Service ärgern.

          Den Kindern ist das ganz egal: Es gibt eine amerikanische Waffelmaschine am Frühstücksbüffet, eine „Golden Malted Waffle Baker“, aus einem großen Spender fließt der Teig, daneben backt ein großes Waffeleisen, man bedient alles selbst, Sirup aller Art steht bereit. „Dies ist“, stellen die Kinder klar, „das beste Hotel der Welt.“

          Sehr weiß, sehr neu: Das Holiday Inn in Danzig.

          Der Weg nach Danzig mit Kindern

          Essen Unbedingt die letzten Milchbars ausprobieren, günstige Restaurants mit polnischer Küche. Etwa: Bar Neptun, Dluga 33. Leckere Paczki gibt es bei der Stara Paczkarnia am Plac Dominikanski 1.

          Unternehmungen Hevelianum, Kinder- und Wissenschaftsmuseum, ul. Gradowa 6. (hevelianum.pl)

          Schlafen Im neuen Holiday Inn Gdansk City Centre übernachten Kinder bis 17 Jahre im Zimmer der Eltern kostenfrei. Bis zu vier Kinder (bis 12 Jahre) essen im Hotelrestaurant gratis. Kleines Doppelzimmer ab 66 Euro (inkl. Frühstück). Eine Familie mit zwei Kindern übernachtet ab 83,50 Euro inkl. Frühstück. (ihg.com)

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