https://www.faz.net/-gxh-8lui3

Familienurlaub : Das Maskottchen des Bösen

Das Grauen ist erblich: Mutter und Tochter im Clownskostüm Bild: Picture-Alliance

Familienhotels sind eine prima Sache, schließlich bieten sie eingezäunte Pools und immer Nudeln mit Ketchup. Aber es gibt da ein Problem – riesengroß und rothaarig.

          1 Min.

          Höhenangst ist eine gute Angst, nachvollziehbar und evolutionär sinnvoll. Wer Höhenangst hat, kann ansonsten ein total vernünftiger Mensch sein. Manche Leute haben also Höhenangst und ihr Leben voll im Griff. Ich dagegen habe Coulrophobie: Angst vor Clowns. Ich könnte jederzeit graziös auf den Querstreben des Eiffelturms balancieren, aber wehe, jemand trägt eine knallrote Lockenperücke. Das ist eindeutig ein Verdrahtungsfehler, nur mit Glück entgehe ich trotz dieser seltsamen Disposition der natürlichen Auslese. Und mit Bedacht. Sicherheitsmaßnahme Nummer eins: nie wieder in einem Familotel absteigen.

          Die Familotels sind eine europäische Kooperation familientauglicher Hotels. Also mit eingezäuntem Pool, Kinderbetreuung und täglich Nudeln mit Ketchup am Büfett. Genau dort stand ich und ließ Kroketten auf meinen Teller kullern, als hinter mir ein kleines Mädchen zu weinen begann. Ich drehte mich um und sah ins Angesicht der Hölle. Happy der Kinderclown war gekommen, um – ja, wozu eigentlich? Welcher Marketingstratege sagt denn: „Hey, wir stecken einen der Angestellten in ein Kostüm und setzen ihm einen riesigen verdammten Clownskopf auf, geht schneller als Schminken, das macht allen Freude!“ Wahrscheinlich einer mit Höhenangst, der ansonsten ein Pragmatiker ist.

          Dieser Clownskopf jedenfalls steigert den Horror des Anblicks enorm. Happy, der Kinderclown, ist nicht einfach nur irgendein Clown, er ist das lachende Maskottchen des Bösen. Alles, einfach alles könnte unter diesem Kopf stecken. Was macht eigentlich Hannibal Lecter zurzeit?

          Übrigens hört man keinen Aufprall, wenn Kroketten auf einen kurzflorigen Teppichboden fallen. Zumindest nicht, wenn das kleine Mädchen immer noch brüllt und einem selbst das Blut in den Ohren rauscht. Auf allzu viel Verständnis darf man mit Coulrophobie auch nicht hoffen. „Sag mal, weinst du?“, höre ich als Erstes am Tisch meiner Familie, zu der ich mich geflüchtet habe. „Das andere Kind hat auch geweint“, sage ich und bemerke den Perspektivfehler ein bisschen zu spät.

          Dann paradiert Happy, der Kinderclown, auch noch durchs Restaurant, damit alle Kinder ihn sehen können. Das Goldkind, dessen Existenz mir das ganze Elend hier eingebrockt hat, wirft enthusiastisch seine Serviette beiseite, die ich umständlich zusammenfalte, um nicht aufsehen zu müssen. Man kann sehr lange an einer Serviette herumfalten. Nach fünf Minuten ist der Besuch vorbei. Happy hat mich nicht bemerkt. Ich bin noch mal mit dem Leben davongekommen! Vorsichtig hebe ich den Blick wieder und bekomme ins Ohr geraunt: „Alles in Ordnung. Er hat dich für eine Erwachsene gehalten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.