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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Der Affe bringt in Mons das Glück

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Monumentalskulptur mit Stabilitätsproblemen: Arne Quinzes Installation „The Passenger“, die Ende vergangenen Jahres teilweise eingestürzt ist. Bild: Klaus Simon

Die Kohle hat die Reviertstadt Mons im Westen Belgiens einst reich und schön gemacht. Dann folgte die Agonie. Und jetzt hofft man auf eine Wiederauferstehung im Geist der Kunst.

          10 Min.

          Als ob wir es nicht längst wüssten: Das Leben ist eine Baustelle und die Kulturhauptstadt Europas nicht selten seine tiefste Grube. Das gilt ebenfalls für Mons, das den Ehrentitel in diesem Jahr führen darf. Für „Mons 2015“ wurde viel Erdreich bewegt. Die Fallhöhe am Grubenrand ist freilich eine im Vergleich zu vorangegangenen Kulturhauptstädten Europas geringe, selbst wenn für Zugreisende der erste Eindruck etwas anderes glauben lässt. Der zukünftige Fernbahnhof, ein fulminanter Entwurf des spanischen Architekten Santiago Calatrava, entpuppt sich noch am Bahnsteig als urbane Leerstelle zwischen Altstadt und dem neuen, zackigen, von Daniel Libeskind entworfenen Kongresszentrum. Voraussichtlich 2017 kann der Calatrava-Bau in Betrieb genommen werden. Die alte, aus den frühen fünfziger Jahren stammende Gare de Mons aber wurde schon vor zwei Jahren abgerissen. Im Niemandsland von Bauzäunen, Betonmischern und improvisierten Durchgängen suchen Ankommende und Abreisende nach einer Schalterhalle. Vergeblich.

          Belgien aber! Das kleine Königreich ist nicht nur das Land, von dem die Welt dank Magritte weiß, dass hier Objekt und Bezeichnung nicht identisch sein müssen, sondern auch das Land verblüffend unkomplizierter Auflösungen surrealer Zustände. Nach ein paar orientierungslosen Schritten steht, wie von Geisterhand bestellt, der kanariengelbe Mini-Bus bereit, der die Ankommenden kostenlos im Viertelstundentakt vom bahnhofslosen Bahnhofsvorplatz in Richtung Grand-Place befördert. Ein wenig enttäuscht muss man dort zur Kenntnis nehmen, dass das Herz von Mons tatsächlich ein großer Platz ist, ganz wie der Name es verspricht. Objekt und Bezeichnung stimmen mithin überein. Auch gut.

          Das rauschende Fest der Heiligen Waltrudis

          Auf dem gewaltigen Areal, dessen verkehrsberuhigtes Kopfsteinpflaster spielend zwei Fußballfelder fassen könnte, herrscht ein der Hauptstadt der Provinz Hainaut, zu Deutsch Hennegau, gebührender Trubel. Ringsherum reihen sich prachtvolle Bürgerpalais mit Stufen- und Glockengiebeln aneinander, mal barock, mal klassizistisch. Hinter Sprossenfenstern sitzen fidele Runden bei Saint-Feuillien-Abteibier. Caricoles, Seeschnecken in einer würzigen Sellerie-Karotten-Brühe, dampfen aus dem Kessel eines auf dem Trottoir aufgebauten Stands. Hände streicheln den kleinen Affen, dessen spätmittelalterliche Eisenstatue im Sockel des brabantisch-gotischen Rathauses eingelassen ist. Die Berührung des Maskottchens von Mons soll Glück bringen – Achtung, man nehme die linke Hand, die des Herzens! Apropos Herz: Knutschende Schüler und Studenten besetzen auf den spiralförmigen Designerbänken in der Platzmitte jeden, wirklich jeden sich ihnen bietenden Platz. Ein Kiss-in? Weit gefehlt. Mons ist dank Universität und zahlreicher Schulen eine junge Stadt, das Turteln somit Alltag, dessen ungeachtet das Leben seinen Lauf geht. Ein Brunnen plätschert, ein Labrador scheucht Tauben auf. Ein Café heißt „La Vie est belge“, ein Restaurant „Ces Belges et vous“. Beides liest sich wie eine Einladung und ist ganz belgisch auch so gemeint.

          Auf der südlichen Längsseite des Platzes, die einer einzigen langen Theke ähnelt, rücken die Stühle bis fast an einen ins Pflaster eingelassenen Ring vor. Einmal im Jahr wird das aus Blausteinen gelegte Rund zur Arena. Zum Fest der Heiligen Waltrudis, der Stadtpatronin von Mons, steigt am Dreifaltigkeitssonntag der Heilige Georg hoch zu Ross gegen einen Pappmachédrachen in den Ring. La Ducasse, das auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgehende, mit großer Inbrunst und noch größerer Teilnahme verfolgte Spektakel, zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Doudou lautet der familiäre Name des von einer ungestümen Prozession eröffneten Brauchs, der auch im Namen des passend zum Kulturhauptstadtjahr am ersten Aprilwochenende eröffnenden Museums auftaucht: Le Musée du Doudou. Vier weitere Museen werden der Stadt am selben Frühlingswochenende geschenkt, „Mons 2015“ oblige. Eins zieht in den barocken Belfried ein, der ebenfalls zum Weltkulturerbe zählt. Ein anderes öffnet den Zugang zu den neolithischen Feuersteinminen im eingemeindeten Spiennes, Weltkulturerbe Nummer drei. Eines ist dem Ersten Weltkrieg gewidmet, der sich gleich zu seinem Anfang im August 1914 mit einer heftigen Schlacht vor den Toren der Stadt festfraß, die Stadt selbst jedoch nahezu unversehrt ließ.

          Verheerungen der großen Krise

          Die Reihe weiterer, im Rahmen von „Mons 2015“ angegangener Bauvorhaben ließe sich munter fortsetzen, darunter die Sanierung des Mundaneums, dessen über Tausende von Karteikästen verteiltes Wissensnetz mit nahezu achtzehn Millionen bibliographischen Referenzen als Vorläufer des Internets gilt: Macht Mons’ Weltkulturerbe Nummer vier. Doch von Grube keine Spur. Alle fünf neuen Museen, alle Sanierungsprojekte inklusive frisch gepflasterter Trottoirs und neu gestalteter Plätze sind zum Jahresanfang fast vollendet. So genügt ein kurzer Gang in die von allen Seiten auf die Grand-Place mündenden Einkaufsstraßen, krummen Gassen und Verkehrsachsen, um zu begreifen, dass Mons vier Jahre nach Beginn des großen städtischen Umbaus eine andere, eine an modernen Museen, sanierten Bürgerpalais, zu Designhotels, Lofts, Kulturzentren umgewidmeten Kirchen reiche Stadt ist.

          Hoffen auf eine Renaissance: Das Jahr als Kulturhauptstadt Europas soll helfen, die tiefe Krise in Mons endlich zu überwinden.
          Hoffen auf eine Renaissance: Das Jahr als Kulturhauptstadt Europas soll helfen, die tiefe Krise in Mons endlich zu überwinden. : Bild: dpa

          Und zugleich eine ärmere Stadt geworden ist. Im Umkreis des Burghügels sind auffällig viele Ladenlokale verwaist. Verdächtig oft hängt das Schild „A louer“ im Fenster. Im „L’art des Mets“, einem Neo-Bistro in strategisch vorteilhafter Lage zwischen Grand-Place und Belfried, nimmt Patron Guy-Laurent Decamp kein Blatt vor den Mund. Jetzt zum Mittagstisch sei der Saal gut besucht, abends jedoch bleiben nur allzu oft die meisten Tische trotz der umwerfend guten Küche leer. Die Dauerbaustelle, in die „Mons 2015“ das Zentrum zwischenzeitlich verwandelt hatte, vertrieb viele Restaurantkunden und Einkäufer, die an besser zu erreichende Tische und ins Einkaufszentrum auf der grünen Wiese abgewandert sind. Hinzu kommt „la crise“. Die Krise, gemeint ist die europäische Wirtschaftskrise, beutelt Mons und die Provinz Hennegau, die als ärmster Teil der Wallonie gilt. Denn die Krise wirkt sich auf dem Boden einer ungelösten Strukturkrise besonders verheerend aus. Was in den sechziger Jahren mit dem Niedergang der Stahlindustrie und der Schließung der Kohlenbergwerke im belgischen Südwesten begann, hat sich binnen eines halben Jahrhunderts zum Dauernotstand verfestigt, dem die Montois mit Fatalismus und nicht ohne Selbstironie begegnen.

          Technologie trifft auf Kultur

          Als „beautiful loser“ sieht Yves Vasseur seine Mitbürger. Der Kurator von „Mons 2015“ kommt vom Theater, war Journalist und schrieb früher Comic-Alben. An die Leitung des zwölfmonatigen Veranstaltungs- und Ausstellungsmarathons, der die Stadt aus der Dauerkrise führen soll, kam der Vierundsechzigjährige mit der schlaksigen Silhouette quasi en passant. Bei einem Treffen mit Elio Di Rupo, sozialistischer Bürgermeister von Mons, mehrmaliger Ministerpräsident des französischsprachigen Teils Belgiens und als Premierminister Retter der staatlichen Einheit, fragte den Mann vom Theater ganz nebenbei, ob er die Aufgabe übernehmen wolle. Vasseur, damals technischer Direktor des Theaters im knapp zwanzig Kilometer entfernten, zu Frankreich gehörenden Maubeuge, nahm an.

          Inzwischen hat Vasseur erkannt, dass Mons nicht allein durch die Kultur aus Arbeitslosigkeit und provinzieller Lethargie zu erlösen ist. Google und Microsoft heißen deswegen die Hoffnungsträger. Beide Unternehmen haben sich am Stadtrand im Business- und Wissenschaftspark Initialis mit einem Datenzentrum angesiedelt. Initialis ist auch Heimat der TechnocITé. In einem aufgegebenen Gebäude des Telefonanbieters Belgacom werden jährlich Tausende von Arbeitnehmern und Arbeitslosen aus Mons und dem Hennegau in digitalen Technologien trainiert. Auf den beiden Unternehmen, Neugründungen in ihrem Windschatten und öffentlich geförderten Initiativen wie TechnocITé ruht die Hoffnung der Stadt: Mit ihrer Hilfe will sie als digitaler Nabel im Grenzgebiet von Hennegau und Nordfrankreich wiedergeboren werden. Kurzum, „Technologie trifft auf Kultur“ lautet das Leitmotiv von „Mons 2015“.

          Rinder vor roten Ziegelsteinburgen

          Bodenständiger geht es im von Yves Vasseur gegründeten Business Club zu. Immerhin tausend zahlende Mitglieder konnten zusammengetrommelt werden. „Die Montois lernen, dass man die Krise nicht nur erleiden, sondern auch angehen kann“, freut sich der Kurator über die rege Einmischung von Ladenbesitzern, Handwerkern, Kleinunternehmern, Hoteliers beim Programm von „Mons 2015“. Vasseur ist allerdings eines der wenigen Clubmitglieder, der die Ankündigung von Europas größtem Möbelhersteller, im neuen Wohn- und Geschäftsviertel Les Grands Prés eine blaugelbe Filiale zu eröffnen, von Herzen begrüßt. Das Viertel liegt außerhalb der Altstadt, hinter dem noch zu vollendendem Calatrava-Bahnhof, mithin auf der grünen Wiese, auf die die Geschäftsleute der Altstadt weitere Kunden abschweifen sehen.

          Kunterbuntes Weltkulturerbe: die Arbeiterhäuser in der Nähe des ehemaligen Kohlebergwerks Grand Hornu.
          Kunterbuntes Weltkulturerbe: die Arbeiterhäuser in der Nähe des ehemaligen Kohlebergwerks Grand Hornu. : Bild: dpa

          Dabei wurde das Geld in Mons schon immer vor den Toren der Stadt verdient. Um das zu verstehen, muss man wieder in den Bus steigen, der diesmal ein großer ist und nicht gratis. Linie7 wuselt vom nicht mehr vorhandenen Bahnhof durch die Industriebrachen und Arbeitersiedlungen des Borinage nach Hornu. Das ehemalige Bauerndorf ist einer von achtzehn eingemeindeten Orten, dank der die im Kern ganze 94000 Einwohner zählende Stadt auf knapp eine Viertelmillion Köpfe kommt. Stadt und Land aber sind im Westen von Mons schon lange keine klar zu trennenden Begriffe mehr. Ob der Name des Borinage auf das flämische Boer, Bauer, oder auf das französische borain, Kumpel, zurückgeht, bleibt unter Linguisten eine Streitfrage. Plausibel scheint beides. Im einst prosperierenden Stahl- und Kohlerevier, dessen Wirtschaftskraft sogar die des Ruhrgebiets überflügelte, grenzen Weiden an aufgegebene Schächte, grasen Bleu Blanc Belge-Rinder vor der Kulisse roter Ziegelsteinburgen aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Kegelförmige Abraumhalden setzen weithin sichtbar Landmarken ins Borinage, das jenseits der nur zehn Kilometer entfernten französischen Grenze nahtlos ins Grubenbassin der Region Nord-Pas-de-Calais übergeht.

          Arkaden wie bei Gladiatorenarenen

          Von der anderen Seite der Grenze, aus Nordfrankreich, stammte Henri de Gorge, der die Industrielandschaft des Borinage wie kein anderer prägen sollte. 1830, im Jahr der Unabhängigkeit Belgiens von den Niederlanden, baute der Franzose in Hornu die erste Eisenbahn auf belgischem Boden. Der knapp zwei Kilometer lange Schienenstrang ist verschwunden. Geblieben ist dafür Le Grand-Hornu. Das Lebenswerk von Henri de Gorge, der zu den ersten Senatoren im jungen Belgien gehörte und 1832 an der Cholera starb, war Kohlengrube und Idealstadt zugleich. Schnurgerade Achsen, an denen sich vierhundertvierzig Arbeiterhäuser aneinanderreihen, führen auf ein gewaltiges Oval zu. Ein Portal imitiert einen antiken Tempel, Arkaden lassen an römische Gladiatorenarenen denken. Ein letzter Schlot ragt einsam auf. Die architektonische Verwandtschaft der neoklassizistischen Anlage zu den königlichen Salinen von Claude-Nicolas Ledoux im ostfranzösischen Arc-et-Senans ist unübersehbar, die herausragende architektonische Bedeutung des 1954 als Kohlengrube stillgelegten Ensembles unbestritten. 2012 nahm die Unesco Le Grand-Hornu in die Liste der Weltkulturgüter auf. Macht Nummer fünf für Mons.

          Wie erbärmlich das Leben für Tausende von Kumpeln in der prachtvollen Anlage war, ahnen wir seit dem Film „Lust for Life“, mit dem Vincente Minnelli 1955 das Leben von Vincent van Gogh auf die Leinwand gebracht hat. Der junge Niederländer, der in Brüssel Theologie studierte, kam – von der Kunde des Arbeiterelends angelockt – 1878 als Freiwilliger nach Mons, las den Armen im Vorort Wasmes die Bibel vor, kleidete sich erbärmlicher als seine Schutzbefohlenen, schmierte sich Kohlenstaub ins Gesicht, lebte in einer Hütte ohne Schlafstatt, ging in Lumpen. Als der protestantischen Gemeinde der Eifer des ohne Entgelt beschäftigten Laienpredigers unheimlich wurde, verweigerte man die Vertragsverlängerung.

          Aus der schwärzesten Finsternis ins grellste Licht

          Für Vincente Minnelli lief Kirk Douglas in der Rolle des zukünftigen Malers über das Kopfsteinpflaster der Arbeitersiedlung Le Gand-Hornu. Die Straße, in der die Szene gedreht wurde, hat sich seitdem kaum verändert. An einigen Fassaden blättert der originale senfgelbe Anstrich, den van Gogh bereits gesehen haben muss. Ausgerechnet im Borinage fand der junge Niederländer wenn nicht zur Farbe, so doch zur Malerei. „Sein weiteres Leben ist nichts anderes als eine irrsinnige, gehetzte Flucht aus dem Schrecken in die Kunst. Flucht aus der schwärzesten Finsternis ins grellste Licht“, mutmaßte Egon Kisch 1933 bei einem Besuch in Mons. Vielleicht. Aufklärung verspricht von Ende Januar an die Ausstellung „Van Gogh im Borinage“, zu sehen im gleißend lichten Musée des Beaux Arts im Beau Quartier.

          Zeugnis einer großen Vergangenheit, die unwiederbringbar verloren ist: das Kohlebergwerk Grand Hornu.
          Zeugnis einer großen Vergangenheit, die unwiederbringbar verloren ist: das Kohlebergwerk Grand Hornu. : Bild: dpa

          In diesem Viertel, aus dessen patinierter Gepflegtheit das Museum als kirschblütenweißes Ufo herausragt, ist Mons eine Stadt wie aus einem Balzac-Roman. Hohe Kutscherportale halten neugierige Blicke fern. Kopfsteinpflaster scheint wie in der gesamten Altstadt Pflicht. Baumwipfel lassen auf parkgroße Gärten schließen, imposante Dachstühle auf repräsentative Bürgerpalais. Hier wurde das Geld verbaut, das mit der Kohleförderung im Borinage hereinkam. Es reichte auch für repräsentative öffentliche Bauten. Im schmiedeeisernen Portal des klassizistischen Théâtre Royal blinken die vergoldeten Medaillons von Molière, Racine und Roland de Lassus, dem in Mons geborenen Komponisten aus der Hochrenaissance.

          Eine fauchende Installation aus tausenden Holzbalken

          Überragt wird das Beau Quartier vom Burghügel, der zugleich Keimzelle der Stadt ist und von dem sich der Name Mons ableitet – Mont, der Berg; Bergen, der flämische Name von Mons. Am höchsten Punkt der Stadt thronte einst die Burg der Grafen des Hennegaus. Bis auf die romanische Calixte-Kapelle wurde der verfallene Bau schon im vorvergangenen Jahrhundert komplett abgetragen. Mons bekam dafür an gleicher Stelle einen verschwiegenen Park mit grandiosem Panorama, das von den Giebeln der Grand-Place bis zu den Terrils des Borinage reicht. Es ist der stillste Ort der Stadt.

          Nur einen Steinwurf vom Burgberg entfernt aber faucht seit vergangenem November eine gewaltige Installation die brave bourgeoise Stadt wütend an. „The Passenger“ heißt das Werk des belgischen Künstlers Arne Quinze, das über einer Länge von neunzig Metern hoch über der Rue de Nimy und damit über einer der zentralen Achsen von Mons hinwegtobt. Hilflos scheinen der gestrenge Justizpalast, die libellenflügelleichte Art-déco-Kuppel der Maison Losseau und der barocke Campanile von Sainte-Elisabeth dem Ansturm Tausender Holzbalken ausgesetzt, die sich zu einem bis zu sechzehn Meter hohen Tsunami verdichten.

          Lange Nächte vor rauchenden Computern

          An Weihnachten aber brach die Installation an einer zentralen Stelle ein. Zu Schaden kam durch die herunterstürzenden Balken niemand. Quinze will die Ursache des Unglücks in einem beschädigten Stützbalken ausgemacht haben und baute sein Werk binnen Jahresfrist wieder auf. Seither dürfen Fußgänger wieder unter der Installation hindurchgehen, allerdings nur in einem markierten Sicherheitsflur. Ursprünglich sollte die an ihren Wellenkämmen notrettungsrot gefärbte Woge weit über 2015 hinaus über der Stadt stehen. Fünf Jahre waren einmal angedacht. Man wird sehen. Wann und ob „The Passenger“ und damit die zentrale Rue de Nimy jemals wieder für den motorisierten Verkehr freigegeben wird, liegt in den Händen unabhängiger Gutachter, deren Verdikt allein über Dauer oder Abriss der Installation entscheiden wird.

          Seit dem Unglück bleiben in der „Fondation Mons 2015“ die Lichter noch länger an als in den vergangenen Monaten, in denen die Nächte für die Macher der Kulturhauptstadt ohnehin schon kurz waren. In den spätbarocken Räumen am nördlichen Ende der Rue de Nimy, in denen das von anfänglich drei auf jetzt im Endspurt ein paar Dutzend Köpfe angewachsene Team von Yves Vasseur Ellbogen an Ellbogen sitzt, brummt es. Computerschirme leuchten. Kaffeepappbecher stehen in den Räumen, die an eine Mischung aus Callcenter und Start-up erinnern. Allein Yves Vasseur bleibt in seinem Büro die Ruhe selbst. „Wir haben nichts versprochen“, sagt der Kurator von „Mons 2015“ mit Blick auf den unvollendeten Calatrava-Bahnhof und die aus den Fugen geratene Arne-Quinze-Installation. Und verspricht für den 24. Januar, den Tag, an dem in Mons offiziell das Jahr als Kulturhauptstadt Europas beginnt, ein großes Fest, nein, ein die gesamte Stadt erfassendes Happening. So viel Gelassenheit berechtigt zu den schönsten Hoffnungen für die nächsten zwölf Monate.

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