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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Der Affe bringt in Mons das Glück

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Arkaden wie bei Gladiatorenarenen

Von der anderen Seite der Grenze, aus Nordfrankreich, stammte Henri de Gorge, der die Industrielandschaft des Borinage wie kein anderer prägen sollte. 1830, im Jahr der Unabhängigkeit Belgiens von den Niederlanden, baute der Franzose in Hornu die erste Eisenbahn auf belgischem Boden. Der knapp zwei Kilometer lange Schienenstrang ist verschwunden. Geblieben ist dafür Le Grand-Hornu. Das Lebenswerk von Henri de Gorge, der zu den ersten Senatoren im jungen Belgien gehörte und 1832 an der Cholera starb, war Kohlengrube und Idealstadt zugleich. Schnurgerade Achsen, an denen sich vierhundertvierzig Arbeiterhäuser aneinanderreihen, führen auf ein gewaltiges Oval zu. Ein Portal imitiert einen antiken Tempel, Arkaden lassen an römische Gladiatorenarenen denken. Ein letzter Schlot ragt einsam auf. Die architektonische Verwandtschaft der neoklassizistischen Anlage zu den königlichen Salinen von Claude-Nicolas Ledoux im ostfranzösischen Arc-et-Senans ist unübersehbar, die herausragende architektonische Bedeutung des 1954 als Kohlengrube stillgelegten Ensembles unbestritten. 2012 nahm die Unesco Le Grand-Hornu in die Liste der Weltkulturgüter auf. Macht Nummer fünf für Mons.

Wie erbärmlich das Leben für Tausende von Kumpeln in der prachtvollen Anlage war, ahnen wir seit dem Film „Lust for Life“, mit dem Vincente Minnelli 1955 das Leben von Vincent van Gogh auf die Leinwand gebracht hat. Der junge Niederländer, der in Brüssel Theologie studierte, kam – von der Kunde des Arbeiterelends angelockt – 1878 als Freiwilliger nach Mons, las den Armen im Vorort Wasmes die Bibel vor, kleidete sich erbärmlicher als seine Schutzbefohlenen, schmierte sich Kohlenstaub ins Gesicht, lebte in einer Hütte ohne Schlafstatt, ging in Lumpen. Als der protestantischen Gemeinde der Eifer des ohne Entgelt beschäftigten Laienpredigers unheimlich wurde, verweigerte man die Vertragsverlängerung.

Aus der schwärzesten Finsternis ins grellste Licht

Für Vincente Minnelli lief Kirk Douglas in der Rolle des zukünftigen Malers über das Kopfsteinpflaster der Arbeitersiedlung Le Gand-Hornu. Die Straße, in der die Szene gedreht wurde, hat sich seitdem kaum verändert. An einigen Fassaden blättert der originale senfgelbe Anstrich, den van Gogh bereits gesehen haben muss. Ausgerechnet im Borinage fand der junge Niederländer wenn nicht zur Farbe, so doch zur Malerei. „Sein weiteres Leben ist nichts anderes als eine irrsinnige, gehetzte Flucht aus dem Schrecken in die Kunst. Flucht aus der schwärzesten Finsternis ins grellste Licht“, mutmaßte Egon Kisch 1933 bei einem Besuch in Mons. Vielleicht. Aufklärung verspricht von Ende Januar an die Ausstellung „Van Gogh im Borinage“, zu sehen im gleißend lichten Musée des Beaux Arts im Beau Quartier.

Zeugnis einer großen Vergangenheit, die unwiederbringbar verloren ist: das Kohlebergwerk Grand Hornu.
Zeugnis einer großen Vergangenheit, die unwiederbringbar verloren ist: das Kohlebergwerk Grand Hornu. : Bild: dpa

In diesem Viertel, aus dessen patinierter Gepflegtheit das Museum als kirschblütenweißes Ufo herausragt, ist Mons eine Stadt wie aus einem Balzac-Roman. Hohe Kutscherportale halten neugierige Blicke fern. Kopfsteinpflaster scheint wie in der gesamten Altstadt Pflicht. Baumwipfel lassen auf parkgroße Gärten schließen, imposante Dachstühle auf repräsentative Bürgerpalais. Hier wurde das Geld verbaut, das mit der Kohleförderung im Borinage hereinkam. Es reichte auch für repräsentative öffentliche Bauten. Im schmiedeeisernen Portal des klassizistischen Théâtre Royal blinken die vergoldeten Medaillons von Molière, Racine und Roland de Lassus, dem in Mons geborenen Komponisten aus der Hochrenaissance.

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