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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Der Affe bringt in Mons das Glück

  • -Aktualisiert am

Technologie trifft auf Kultur

Als „beautiful loser“ sieht Yves Vasseur seine Mitbürger. Der Kurator von „Mons 2015“ kommt vom Theater, war Journalist und schrieb früher Comic-Alben. An die Leitung des zwölfmonatigen Veranstaltungs- und Ausstellungsmarathons, der die Stadt aus der Dauerkrise führen soll, kam der Vierundsechzigjährige mit der schlaksigen Silhouette quasi en passant. Bei einem Treffen mit Elio Di Rupo, sozialistischer Bürgermeister von Mons, mehrmaliger Ministerpräsident des französischsprachigen Teils Belgiens und als Premierminister Retter der staatlichen Einheit, fragte den Mann vom Theater ganz nebenbei, ob er die Aufgabe übernehmen wolle. Vasseur, damals technischer Direktor des Theaters im knapp zwanzig Kilometer entfernten, zu Frankreich gehörenden Maubeuge, nahm an.

Inzwischen hat Vasseur erkannt, dass Mons nicht allein durch die Kultur aus Arbeitslosigkeit und provinzieller Lethargie zu erlösen ist. Google und Microsoft heißen deswegen die Hoffnungsträger. Beide Unternehmen haben sich am Stadtrand im Business- und Wissenschaftspark Initialis mit einem Datenzentrum angesiedelt. Initialis ist auch Heimat der TechnocITé. In einem aufgegebenen Gebäude des Telefonanbieters Belgacom werden jährlich Tausende von Arbeitnehmern und Arbeitslosen aus Mons und dem Hennegau in digitalen Technologien trainiert. Auf den beiden Unternehmen, Neugründungen in ihrem Windschatten und öffentlich geförderten Initiativen wie TechnocITé ruht die Hoffnung der Stadt: Mit ihrer Hilfe will sie als digitaler Nabel im Grenzgebiet von Hennegau und Nordfrankreich wiedergeboren werden. Kurzum, „Technologie trifft auf Kultur“ lautet das Leitmotiv von „Mons 2015“.

Rinder vor roten Ziegelsteinburgen

Bodenständiger geht es im von Yves Vasseur gegründeten Business Club zu. Immerhin tausend zahlende Mitglieder konnten zusammengetrommelt werden. „Die Montois lernen, dass man die Krise nicht nur erleiden, sondern auch angehen kann“, freut sich der Kurator über die rege Einmischung von Ladenbesitzern, Handwerkern, Kleinunternehmern, Hoteliers beim Programm von „Mons 2015“. Vasseur ist allerdings eines der wenigen Clubmitglieder, der die Ankündigung von Europas größtem Möbelhersteller, im neuen Wohn- und Geschäftsviertel Les Grands Prés eine blaugelbe Filiale zu eröffnen, von Herzen begrüßt. Das Viertel liegt außerhalb der Altstadt, hinter dem noch zu vollendendem Calatrava-Bahnhof, mithin auf der grünen Wiese, auf die die Geschäftsleute der Altstadt weitere Kunden abschweifen sehen.

Kunterbuntes Weltkulturerbe: die Arbeiterhäuser in der Nähe des ehemaligen Kohlebergwerks Grand Hornu.
Kunterbuntes Weltkulturerbe: die Arbeiterhäuser in der Nähe des ehemaligen Kohlebergwerks Grand Hornu. : Bild: dpa

Dabei wurde das Geld in Mons schon immer vor den Toren der Stadt verdient. Um das zu verstehen, muss man wieder in den Bus steigen, der diesmal ein großer ist und nicht gratis. Linie7 wuselt vom nicht mehr vorhandenen Bahnhof durch die Industriebrachen und Arbeitersiedlungen des Borinage nach Hornu. Das ehemalige Bauerndorf ist einer von achtzehn eingemeindeten Orten, dank der die im Kern ganze 94000 Einwohner zählende Stadt auf knapp eine Viertelmillion Köpfe kommt. Stadt und Land aber sind im Westen von Mons schon lange keine klar zu trennenden Begriffe mehr. Ob der Name des Borinage auf das flämische Boer, Bauer, oder auf das französische borain, Kumpel, zurückgeht, bleibt unter Linguisten eine Streitfrage. Plausibel scheint beides. Im einst prosperierenden Stahl- und Kohlerevier, dessen Wirtschaftskraft sogar die des Ruhrgebiets überflügelte, grenzen Weiden an aufgegebene Schächte, grasen Bleu Blanc Belge-Rinder vor der Kulisse roter Ziegelsteinburgen aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Kegelförmige Abraumhalden setzen weithin sichtbar Landmarken ins Borinage, das jenseits der nur zehn Kilometer entfernten französischen Grenze nahtlos ins Grubenbassin der Region Nord-Pas-de-Calais übergeht.

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