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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Der Affe bringt in Mons das Glück

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Auf der südlichen Längsseite des Platzes, die einer einzigen langen Theke ähnelt, rücken die Stühle bis fast an einen ins Pflaster eingelassenen Ring vor. Einmal im Jahr wird das aus Blausteinen gelegte Rund zur Arena. Zum Fest der Heiligen Waltrudis, der Stadtpatronin von Mons, steigt am Dreifaltigkeitssonntag der Heilige Georg hoch zu Ross gegen einen Pappmachédrachen in den Ring. La Ducasse, das auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgehende, mit großer Inbrunst und noch größerer Teilnahme verfolgte Spektakel, zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Doudou lautet der familiäre Name des von einer ungestümen Prozession eröffneten Brauchs, der auch im Namen des passend zum Kulturhauptstadtjahr am ersten Aprilwochenende eröffnenden Museums auftaucht: Le Musée du Doudou. Vier weitere Museen werden der Stadt am selben Frühlingswochenende geschenkt, „Mons 2015“ oblige. Eins zieht in den barocken Belfried ein, der ebenfalls zum Weltkulturerbe zählt. Ein anderes öffnet den Zugang zu den neolithischen Feuersteinminen im eingemeindeten Spiennes, Weltkulturerbe Nummer drei. Eines ist dem Ersten Weltkrieg gewidmet, der sich gleich zu seinem Anfang im August 1914 mit einer heftigen Schlacht vor den Toren der Stadt festfraß, die Stadt selbst jedoch nahezu unversehrt ließ.

Verheerungen der großen Krise

Die Reihe weiterer, im Rahmen von „Mons 2015“ angegangener Bauvorhaben ließe sich munter fortsetzen, darunter die Sanierung des Mundaneums, dessen über Tausende von Karteikästen verteiltes Wissensnetz mit nahezu achtzehn Millionen bibliographischen Referenzen als Vorläufer des Internets gilt: Macht Mons’ Weltkulturerbe Nummer vier. Doch von Grube keine Spur. Alle fünf neuen Museen, alle Sanierungsprojekte inklusive frisch gepflasterter Trottoirs und neu gestalteter Plätze sind zum Jahresanfang fast vollendet. So genügt ein kurzer Gang in die von allen Seiten auf die Grand-Place mündenden Einkaufsstraßen, krummen Gassen und Verkehrsachsen, um zu begreifen, dass Mons vier Jahre nach Beginn des großen städtischen Umbaus eine andere, eine an modernen Museen, sanierten Bürgerpalais, zu Designhotels, Lofts, Kulturzentren umgewidmeten Kirchen reiche Stadt ist.

Hoffen auf eine Renaissance: Das Jahr als Kulturhauptstadt Europas soll helfen, die tiefe Krise in Mons endlich zu überwinden.
Hoffen auf eine Renaissance: Das Jahr als Kulturhauptstadt Europas soll helfen, die tiefe Krise in Mons endlich zu überwinden. : Bild: dpa

Und zugleich eine ärmere Stadt geworden ist. Im Umkreis des Burghügels sind auffällig viele Ladenlokale verwaist. Verdächtig oft hängt das Schild „A louer“ im Fenster. Im „L’art des Mets“, einem Neo-Bistro in strategisch vorteilhafter Lage zwischen Grand-Place und Belfried, nimmt Patron Guy-Laurent Decamp kein Blatt vor den Mund. Jetzt zum Mittagstisch sei der Saal gut besucht, abends jedoch bleiben nur allzu oft die meisten Tische trotz der umwerfend guten Küche leer. Die Dauerbaustelle, in die „Mons 2015“ das Zentrum zwischenzeitlich verwandelt hatte, vertrieb viele Restaurantkunden und Einkäufer, die an besser zu erreichende Tische und ins Einkaufszentrum auf der grünen Wiese abgewandert sind. Hinzu kommt „la crise“. Die Krise, gemeint ist die europäische Wirtschaftskrise, beutelt Mons und die Provinz Hennegau, die als ärmster Teil der Wallonie gilt. Denn die Krise wirkt sich auf dem Boden einer ungelösten Strukturkrise besonders verheerend aus. Was in den sechziger Jahren mit dem Niedergang der Stahlindustrie und der Schließung der Kohlenbergwerke im belgischen Südwesten begann, hat sich binnen eines halben Jahrhunderts zum Dauernotstand verfestigt, dem die Montois mit Fatalismus und nicht ohne Selbstironie begegnen.

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