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Europäische Kulturhauptstadt 2014: Riga : Wir kochen uns eine bessere Welt

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Frischer Geist in jungen Mauern: Riga ächzt nicht unter der Last seiner Vergangenheit. Bild: dpa

Die lettische Hauptstadt Riga hat mehr zu bieten als nur blendend schöne Jugendstilhäuser. Und als Kulturhauptstadt will sie die Gelegenheit beim Schopf packen, ihre Kraft und Kreativität ganz Europa zu zeigen.

          Zanis Lipke war „ein Gerechter unter den Völkern“ - und seit kurzem können seine Landsleute nachvollziehen, wie er sich diesen Ehrentitel des Staates Israel verdient hat. In Rigas Stadtteil Kipsala, in dem sich restaurierte Holzhäuser wie in einem Freilichtmuseum an der Düna aneinanderreihen, liegt eine neue Gedenkstätte für Zanis, seine Frau Johanna und fünfundzwanzig Helfer. Von 1941 bis 1944 retteten sie sechsundfünfzig Juden das Leben. Man klingelt, die Tür öffnet sich, und es geht in einen langen, dunklen Gang, in den nur durch Ritzen zwischen den Holzbrettern ein wenig Licht fällt. Eine Treppe führt auf einen ebenso düsteren Dachboden. Mittendrin gibt ein beleuchteter Schacht den Blick frei auf einen drei mal drei Meter großen, kahlen Raum im Keller. Auf dem Boden läuft ein Video, die alte Johanna spricht. Sie erzählt, wie sie und ihr Mann auf dem Grundstück gleich nebenan einen solchen Keller gruben und darin jeweils zwischen acht und zwölf Menschen versteckten. Zanis, der bei der Deutschen Luftwaffe als Lagerarbeiter tätig war, hatte sie hergebracht. Freunde sorgten für Essen, über der Falltür stand als Vorsichtsmaßnahme eine Tonne mit stinkendem Müll, und erstaunlicherweise wurde das Versteck nie verraten. Von außen erinnert der schwarze, fensterlose Bau mit der beklemmenden Atmosphäre an einen der geteerten Fischerschuppen, wie es sie früher in Kipsala zu Dutzenden gab. Geschaffen haben dieses Memorial zahlreiche Letten mit ihrem Geld und ihrer Arbeitskraft. 2012 wurde es fertig und im Juli 2013 vom israelischen Präsidenten Schimon Peres offiziell eröffnet.

          Lettische Lebensqualität: Segler auf der Düna vor der Silhouette von Riga.

          Es ist nur ein Zeichen, aber die Zeichen mehren sich, und sie deuten an: Die Zeit des Stillstands ist vorbei. Riga kommt wieder in Bewegung. Von 2008 bis 2010 erstickte die wirtschaftliche Krise fast das gesamte öffentliche Leben in Lettland. Firmen gingen pleite, Löhne sanken, Leute standen auf der Straße. Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen auf dreizehn Prozent liegt freilich nur daran, dass in den vergangenen fünf Jahren mehr als 120000 der gerade mal zwei Millionen Letten das Land verließen und anderswo eine Beschäftigung suchten. Doch jetzt wird wieder gebaut. Neue Cafés und Boutiquen machen auf. Bei Stockmann, dem luxuriösen Kaufhaus, sitzen die Verkäuferinnen nicht mehr gähnend zwischen den Auslagen, sondern beraten Paare in Barbourjacken, die ihren wiedergefundenen Optimismus vorsichtig mit einem Designerblüschen und ein paar Flaschen Champagner untermauern wollen. Auf den kleinen Ökomärkten verkaufen Firmengründer im Studentenalter selbstgemachten Pesto. Männer mit gepflegtem Dreitagebart führen ihren Windhund aus oder schieben ein Ehrenpreis-Fahrrad durch die Menge, Nachbau eines Modells der geschichtsträchtigen Rigaer Fahrradfabrik.

          Eine Bücherkette mit 25000 Menschen

          Der neue Schwung kommt zum richtigen Zeitpunkt. 2014 führt Riga den Euro ein, was die Mehrheit freilich eher skeptisch sieht. Vor allem aber ist Riga im nächsten Jahr neben dem schwedischen Ort Umeå die Kulturhauptstadt Europas. „Force Majeure“ ist ihr Motto - die Höhere Gewalt, als die die Kultur das Leben der Menschen gestaltet. Und dafür hat sich die Stadt trotz ihrer finanziellen Engpässe einiges vorgenommen. Auf jeden Fall soll die neue Nationalbibliothek fertig werden, an der schon seit zwanzig Jahren herumgebaut wird. Wie eine dunkle Welle liegt sie am anderen Ufer der Düna oder wie eine überdimensionierte Skischanze - doch gegen solche Vergleiche wehren sich die Letten empört: Nationale Symbole sind ihnen heilig. Vom 17. bis zum 19. Januar wird der Bau mit einer spektakulären Aktion eröffnet. Eine Kette von 25000 Menschen soll Bücher von der Alten Nationalbibliothek an den neuen Standort weiterreichen. Es sind Lieblingsbücher, die die Menschen schon jetzt abgeben können und die dann ihren Platz in einem 25 Meter hohen „Buchregal des Volkes“ im Foyer finden. Natürlich erinnert das Vorhaben an den „Baltischen Weg“, jene 650 Kilometer lange Menschenkette, die im Jahr 1989 von Vilnius bis Tallinn reichte und für die Forderung der baltischen Länder nach Unabhängigkeit stand. Das sei selbstverständlich nur eines von vielen Projekten, sagt Anna Muhka, die Pressesprecherin der Kulturhauptstadt. Weltstars wie der Geiger Gidon Kremer oder der Dirigent Maris Janssons kommen für Konzerte in ihre Heimatstadt zurück. Richard Wagners Oper „Rienzi“, die er in Riga zu komponieren begann, wird aufgeführt. Das Lichtfestival Staro Riga verwandelt die Stadt in ein Farbenmeer. Die Bernsteinstraße wird zum Thema in mehreren Museen - ebenso der Beginn des Ersten Weltkriegs und fünfhundert Jahre Buchdruck. Zum Welt-Chor-Festival im Juli reisen 20000 Sänger aus aller Welt an. Und „Survival Kit“ zeigt zeitgenössische Kunst in Hinterhöfen, Fabriken und Kinosälen. Anna Muhkas Lieblingsprojekt ist die Wiederöffnung des KGB-Hauses. Das Gebäude, in dem einst die Nazis residierten und von dessen Spitze aus man zu Sowjetzeiten, wie es hieß, bis nach Sibirien sehen konnte, steht seit 2008 leer. Neues Leben soll die Ausstellung „Die Koffer der Letten“ bringen, eine Sammlung von Gegenständen, die für die Familien geflüchteter oder ausgewanderter Mitbürger große Bedeutung hatten.

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