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Die Kalkalpen und ihre Hirsche : Erst röhrt der eine, dann röhrt der andere

So soll es sein: Der Hirsch in seiner ganzen Pracht auf einem Gemälde von Carl Friedrich Deiker aus dem Jahr 1889. Bild: akg-images

Und manchmal gehen sie aufeinander los. Die Regel ist einfach: Der Stärkere gewinnt. Hirschbeobachtung in den Kalkalpen.

          4 Min.

          Nebelschwaden, die langsam vom Berg herunterziehen, stören zunehmend die Sicht. Das ist schade, denn gerade eben konnte der Voyeur genau dort, am Fuße des Hangs, zwischen einem auffällig kegelförmigen Baum und dem linken Waldrand, zwei Hirsche beobachten, erst ein Weiblein, später ein Männlein, und vielleicht auf ein Spektakel hoffen. Aber wenn man Michael Kirchweger glauben darf, dann ist bei diesem Nieselregen auch bei Hirschen die erotische Stimmung etwas gedämpft, selbst jetzt, in der Hauptbrunftzeit. Und viel ist ohnehin in der Dämmerung nicht mehr zu sehen gewesen, selbst mit einem guten Fernglas nicht.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Michael Kirchweger darf man glauben. Er ist Ranger im oberösterreichischen Nationalpark Kalkalpen. Sein Wissen über das Rotwild scheint unerschöpflich, und er trägt es gerne, geduldig und wenn es sein muss auch wieder und wieder vor. Einst war hier ein ausgedehntes Jagdrevier der Grafen von Lamberg, auch der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand war einmal Pächter. Im Jahr 1938 kaufte es der nationalsozialistische Staat, nach dem Krieg ging es in die österreichischen Bundesforsten über. So entstand in den neunziger Jahren der Nationalpark, der jetzt für einen vor allem für Familien sehr fair gestalteten Obulus Führungen zur Hirschbrunft anbietet.

          Die natürlichen Feinde sind verschwunden

          Gejagt wird immer noch, um den Wildbestand in Zaum zu halten. Denn die natürlichen Feinde, Bär und Wolf, gibt es ja nicht mehr. Gejagt wird aber auf einem anderen Teil der Fläche des Nationalparks. Hier, wo wir nun im Nieselregen stehen, ist seit mehr als fünfzehn Jahren kein Schuss mehr gefallen, und die Tiere scheinen das zu wissen. Ganz zutraulich treten sie auf die Wiese, die sich zwischen zwei Waldstücken wie eine natürliche Bühne steil den Hang hinaufzieht. Von Menschen lassen sie sich nicht sonderlich stören. Weder von Wanderern, die in bunter Kleidung und mit spitzen Stöcken den Weg in der Talsohle hinauf- und hinuntergehen, noch von unserer Gruppe von gut zwei Dutzend Menschen, darunter vielen Kindern. Kirchweger hat uns unter eine prächtige Doppellinde geführt, mit bester Sicht auf die Bühne am gegenüberliegenden Hang.

          Suchbild mit Hirsch: ein Prachtexemplar im Nationalpark Oberösterreichische Kalkalpen.

          Der Weg dorthin dauert etwas weniger als eine Stunde - vom Parkplatz Bodinggraben entlang dem Blöttenbach, einem kleinen, klaren und ziemlich kalt aussehenden Gewässer, das weiter oben aus dem karstigen Kalkstein tritt. Rechter Hand ist das Sengsengebirge: viel Niederschlag, aber trockener Boden, „weil alles durch den Wettersteinkalk hindurchfällt“. Kirchweger kennt nicht nur seine Tiere. Im Sengsengebirge gibt es große Höhlen, am bekanntesten die Klarahöhle, in die der Wiener Stephansdom hineinpassen würde - wenn auch nur ohne Turm. Links ist das Hintergebirge, auch Kalk, aber Hauptdolomit und daher wasser- und schluchtenreich. Der Weg am Blöttenbach ist bleibt unaufregend - bis zu dem Moment, in dem rechts aus dem Wald ein Laut zu hören ist, als würde jemand mit viel Kraft und tiefer Stimme eine Kuh nachahmen wollen. Das ist der röhrende Hirsch.

          Waldkonzert der Hirschkühe

          Der Hirsch ist der größte Pflanzenfresser Mitteleuropas. Anders als das Reh hat er kein Revier, sondern wandert mit seinem Rudel. Früher ist das Wild im Winter von den Bergen hinuntergezogen bis nach Steyr oder Enns, den beiden nächstgelegenen Städten, und hat die kalte Jahreszeit in den Niederungen verbracht. Auf dem Weg lagen die Brunftplätze. Jetzt gibt es einen Zaun, auf dem Weg eine Schranke und einen V-förmigen Durchlass für Fußgänger, durch den das Wild sich nicht zwängen mag. Weiter hinunter kann es nicht mehr, dafür wird es jetzt im Winter gefüttert. Aber wandern will der Hirsch immer noch, wenigstens bis zu den altvertrauten Wiesen kurz vor der Schranke. Das steckt tief drinnen.

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