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Baukasten-Reiseanbieter : Gegessen wird natürlich mit der Hand

Enger Kontakt zur Bevölkerung: Darum soll es bei Erlebe-Fernreisen vor allem gehen Bild: erlebe-fernreisen

Drei Tage wandern, drei Nächte unter freiem Himmel – und dazwischen mit dem Kajak durch den Nationalpark: Der Veranstalter Erlebe-Fernreisen versucht sich an Urlaubskonzepten jenseits von Opodo.

          Die schönste Anekdote im Leben von Stefanie Härpfer und Ralf Wiemann ist vielleicht die, dass sie beide erst durch die Stellenanzeige in einem Fachblatt von dem Reiseveranstalter Erlebe-Fernreisen erfuhren – dabei waren sie seit Jahr und Tag im Tourismus tätig, sie für Pierre & Vacances-Center Parcs, er bei Gebeco und Wikinger Reisen. Aber es habe ja, sagt Ralf Wiemann weniger als Entschuldigung denn als Erklärung, noch bis vor kurzem zur Philosophie des Unternehmens gehört, „unterhalb des Radars zu fliegen“: keine Werbung, keine Messeauftritte, keine Broschüren, nur Mundpropaganda – aus Furcht, die Konkurrenz würde auf das Konzept aufmerksam und kopiere die Idee.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Vor anderthalb Jahren wurden Stefanie Härpfer und Ralf Wiemann Geschäftsführer von Erlebe-Fernreisen. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Firma aus dem Schattenreich zu holen: mit Werbung, mit Messeauftritten, mit eigenen Broschüren, aber auch mit neuen Konzepten – darunter Gruppenreisen für Individualisten.

          „Präsenz zeigen“ könnte man das nennen, wobei die Betonung auf „zeigen“ liegt. Denn der Kontakt zwischen der Firma und ihren Kunden war stets eng, sehr viel enger als bei den meisten Mitbewerbern. Aber er beschränkte sich bisher aufs Telefonieren. Jetzt begegnen die Angestellten bei Veranstaltungen erstmals ihren Kunden. Manchmal, erzählen sie, sei es, als träfen sich Freunde. Denn die Beratungsgespräche dauerten mitunter sehr lang.

          Näher dran als sonst: Das Konzept für Erlebe-Fernreisen haben Johannes van Stephaudt und Mark Lindner entwickelt.

          Etwa hundert Mitarbeiter hat Erlebe-Fernreisen. Obwohl ihr Altersdurchschnitt kaum über dreißig Jahre liegt, arbeiten die meisten von ihnen bei einer flachen Führungshierarchie in kleinen, selbststeuernden Teams. Wer ein Reiseziel verantwortet, ist zuständig für nahezu alles und entwickelt gemeinsam mit Partnern am Ort die Programme, die er später verkauft und dem Kunden aus eigener Anschauung detailliert beschreiben kann. Vermarktet werden die Reisen vor allem über das Internet, einerseits über bezahlte Anzeigen, die zur Homepage führen, andererseits, in dem man durch google-relevante Begriffe und entsprechende Inhaltsaufbereitung auf sich aufmerksam zu machen versucht. Das tun andere Veranstalter freilich auch, und wer etwa die Stichworte „Beste Reisezeit Thailand“ in eine Datensuche eingibt, landet augenblicklich bei den Klimatabellen nahezu aller großen deutschen Reiseunternehmen – samt deren Preisen, Reisedaten und Buchungstabellen. Bei Erlebe-Fernreisen jedoch lacht einem das Gesicht einer jungen Frau entgegen, und neben ihrer Telefonnummer steht der Hinweis: „Ich berate Sie gern.“

          Als andere das Internet noch fürchteten

          Das Konzept für Erlebe-Fernreisen haben Johannes van Stephaudt und Mark Lindner entwickelt. Es ist eine Art Baukasten, aus dessen Teilen sich die Urlauber ihre jeweils eigene Reise zusammenstellen. Mal sind es mehrtägige Ausflüge, mal sind es mehrtägige Aufenthalte an besonderen Orten. Mal in Begleitung eines Fahrers und Dolmetschers, mal ist man auf eigene Faust unterwegs. Hier fährt man mit der Vespa durch die Toskana, dort mit dem Kajak durch den Abel-Tasman-Nationalpark. In Portugal übernachtet man in Landhäusern, im australischen Outback unter freiem Himmel. Manche der Bausteine kann man auch dann buchen, wenn man sich den Rest der Reise auf anderem Weg organisiert. Die Homepage macht es leicht, sich durch die Länder und die jeweiligen Arrangements zu klicken. Schon als andere das Internet noch fürchteten, hatte sich Johannes van Stephaudt als ein Online-Anbieter verstanden, der sich jenseits „der Opodos der Welt“ seine Nische suchen wollte.

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