https://www.faz.net/aktuell/reise/epos-beowulf-herr-der-ringe-spielt-vielfach-darauf-an-17574626.html

Dänemark : Das Monster aus dem Sumpf

Am Ende des Wäldchens beginnt das große Gelände des archäologischen Freizeitparks „Sagnlandet“, der hier seit 1964 besteht, mit Behausungsnachbauten aller Art. Bild: picture alliance / Ritzau Scanpix

Im „Beowulf“-Epos steht, wie ein gräßliches Monster Nacht für Nacht in eine Halle eindringt, um Krieger hinzumetzeln. Gab es die Halle wirklich? Eine Spurensuche am Tatort im dänischen Lejre.

          5 Min.

          Kriegsglück, Reichtum, ein ganzes Heer starker Gefolgsleute: Der dänische König Hrothgar ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er beschließt, eine große Halle zu bauen, größer als alles, was je von Menschen irgendwo auf der Erde errichtet worden ist. Er nennt sie „Heorot“. Als sie fertig ist, feiert er mit seinen Leuten ein rauschendes Fest. Irgendwann schlafen alle auf dem Hallenboden. Ganz in der Nähe kriecht das Monster Grendel aus seinem Sumpf, dringt in die Halle ein und schleppt dreißig Krieger mit sich fort. Das wiederholt sich in der kommenden Nacht. Und die schöne Halle will nun kein Mensch mehr betreten, erst recht nicht, wenn es dunkel wird.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es im „Beowulf“, dem be­rühmten altenglischen Epos, dessen Verfasser ebenso unbekannt ist wie seine genaue Entstehungszeit. Überliefert in einer einzigen Handschrift, ist es längst zur Ikone der germanischen Literatur geworden, vor allem in England. Kein geringerer als J. R. R. Tolkien studierte es, gab es heraus und spielte im „Herrn der Ringe“ vielfach darauf an. Es wurde immer wieder nach- und neugedichtet, verfilmt oder als Vorlage für Computerspiele und Songs genutzt. Und wie im Fall von Troja oder Atlantis fragen Forscher schon lange danach, ob und wieweit die Geschichte in der Wirklichkeit verankert ist.

          Wie kam der Bärenkiefer hier her?

          Die Spur führt nach Lejre, einem Verbund aus einigen Dörfern auf der dänischen Insel Seeland, ein paar Kilometer von Roskilde entfernt und etwa vierzig Minuten mit dem Auto von Kopenhagen. Die Landschaft ist hügelig, von leicht abschüssigen Feldern geprägt, das Meer ist nah, und am Ortsrand von Gammel Lejre ist ein Museum in einem alten, weiß gestrichenen Hofgebäude untergebracht, dicht neben einer Pferdeweide und einem eiszeitlichen Hügel, von dem aus man einen prächtigen Blick ins Weite hat. Ein Stückchen weiter sind auf der Wiese Felsbrocken aufgereiht, in Form eines Wikingerschiffes, in dessen Umgebung mehr als fünfzig Gräber aus der Zeit um das Jahr 900 entdeckt worden sind. Ein beachtlich großer Friedhof – aber wo hatten die Menschen gelebt, bevor sie dorthin gebracht worden waren?

          Rekonstruiert: Die Beowulf-Halle von Lejre, Dänemark.
          Rekonstruiert: Die Beowulf-Halle von Lejre, Dänemark. : Bild: Imago

          Von Lejres einstiger Bedeutung erzählen nicht nur nordische Sagas und Chroniken, sondern auch Funde aus der Umgebung, die in den beiden Schauräumen des Museums ausgestellt sind. Zum Beispiel Schwerter, Waffen oder Schmuck aus der Wikingerzeit, die dafür sprechen, dass hier im frühen Mittelalter Macht und Reichtum versammelt waren. Oder auch ein Bärenkiefer, der offenbar aus Schweden stammt – wie kam er nach Seeland, wo es keine Bären gibt?

          Man muss nur ein paar Schritte gehen, über die Straße und dann auf beschilderten Fußwegen in die Felder auf der anderen Seite, um eine mögliche Antwort zu finden. Denn während jahrhundertelang so gar nichts sichtbar war von Lejres einstiger Größe, während die Berichte von dem mächtigen Reich, das hier seinen Mittelpunkt gehabt haben sollte, oft genug belächelt wurden, kamen seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in diesem Gebiet nach und nach die Umrisse verschiedener, unterschiedlich großer Hallen ans Licht: Nicht viel, nur das, was im Boden von den einstigen Holzkonstruktionen übrig geblieben ist, aber es reichte, um die Phantasie zu befeuern. Von einer Gesellschaft, die reich genug war, mächtige Gebäude zu errichten und sie, wenn sie ausgedient hatten, kontrolliert abzubrennen und in ein paar Metern Entfernung neu aufzubauen.

          Das Monster kommt jede Nacht

          Angebaut wird rund um die Hallen nichts mehr, ihre früheren Strukturen sind durch niedrige Erdwälle markiert. Wer dorthin kam, ging jeweils einen kleinen Hügel hinauf, er näherte sich seinem Fürsten von unten. In der größten, 2009 entdeckten „Königshalle“ wurde eine Odinsfigur gefunden, ganz klassisch mit den berühmten Raben Hugin und Munin auf seinen Knien. Und das Grab eines Mannes, der aber erst einige hundert Jahre nach dem Niederbrennen dieser Halle dort beerdigt wurde, als Einziger – warum? Wo doch der große Friedhof auf der anderen Seite der Straße, das Land der Toten, von diesem Bereich der Lebenden so streng geschieden war?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Was wird aus der Rente?

          Alterssicherung der Ampel : Spekulationsgeschäfte mit der Rente

          Ein Kapitalstock soll die Rentenversprechen der neuen Regierung finanzieren. Das ist waghalsig – denn auch das beste Finanzierungsmodell zaubert steigenden Ausgabendruck nicht weg.
          In der Frage der Mindestzahl für Anträge auf Parteitagen nur halb durchgesetzt: Annalena Baerbock und Robert Habeck auf dem Grünen-Parteitag

          Grünen-Satzungsänderung : Ein langer Weg zur erwachsenen Partei

          Grünen-Parteitage werden normalerweise mit Anträgen geflutet. Baerbock und Habeck wollten auf ihren letzten Metern das Quorum dafür deutlich erhöhen. Aber dazu war die Parteibasis nicht bereit.