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Emilia Romagna : Der letzte Fango

  • -Aktualisiert am

Wellness wird in Deutschland immer beliebter und immer teurer. Aber kurz hinter der Grenze Italiens lockt die Straße des Wohlbefindens im Westen der Toskana, in der Emilia Romagna.

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          Der Weg ins Paradies ist kurz, und er geht so: Man schließt die Augen und gibt sich, bedeckt nur mit einem Lendenschurz und an verschiedenen Körperstellen ruhenden warmen Steinen, dem Schicksal hin. Zauberhände, zuvor in aromatische Öle versenkt, streichen von den Zehenspitzen hinauf zur Stirn, die Flanken entlang, an den Leisten vorbei, tasten sich weiter über Arme, Beine, den Torso. Im Hintergrund, ganz zart, die Musik des Himmels. Saties „Gymnopedie“, sanfte Schlager, elegische Rock-Balladen. Und mittendrin diese magischen Hände. Manuelas Hände. Die Hände des blonden Engels.

          So funktioniert Wohlfühlen. Die Moderne hat dafür das Wort Wellness gefunden, das nach einer schönen, anderen Welt klingt, im Grunde aber nichts anderes bedeutet. Im normalen Leben gibt es zu wenige Wellness-Momente, also kreiert man sie. Zumeist in hübschen Hotelanlagen, mit gut ausgebildeten, jung-dynamischen Menschen, die einem das Dasein versüßen (sollen). Die Sache hat nur einen Haken. Wellness, so gelebt, ist teuer.

          Fango nicht gleich Fango

          Ein Glück, daß es anders und ein bißchen preiswerter geht. Dafür muß man die Grenze überschreiten, hinauffahren in den Apennin. An die „Via del Benessere“, die Straße des Wohlbefindens. Nach Bagno di Romagna. Hier, im fünfhundert Meter hoch gelegenen Hauptort des oberen Savio-Tales, wird der Seele geholfen. Im Kurort, schon in der Antike erwähnt und seither gerühmt für seine natürlichen Heilquellen, die „aquae calidae“, ist das Leben ruhig. Man gibt sich behaglich, freundlich. Und kümmert sich mit aller zu Gebote stehenden Sorgfalt um die Gäste, die vor allem wegen der drei Thermen hierherkommen.

          Dottore Ivan Garzia, laut Visitenkarte ein Spezialist für präventive Medizin, ist der Direktor der „Terme di S. Agnese“ im historischen Stadtzentrum, und er verweist mit Stolz auf seinen Arbeitsplatz, dessen Ursprünge im ersten Jahrhundert vor Christus liegen; ein Teil der Therme befindet sich an eben jenem Ort innerhalb des Felsmassivs, in dessen Innern die Heilquellen entdeckt wurden. Dottore Garzia ist der lebende Beweis für die These, daß Wellness nicht mehr ist als die zeitgenössische Überhöhung eines archaischen Heilmusters. Ihm bedeutet ein gesunder Fango mehr als ein aufpoliertes Wellness-Angebot. Fango ist nicht gleich Fango, sagt Doktor Garzia, da gebe es erstaunliche Qualitätsunterschiede. Dazu braucht es gutes Wasser. Eben solches haben sie in Bagno di Romagna. Legendentaugliche 700 Jahre lang rieselt es aus den Quellen in den nahegelegenen Casentinischen Wäldern zwei Kilometer hinab ins Tal, bis es in der Therme landet und verwendet wird. Erst nach dieser Zeit, sagt der Doktor, weist es den wirksamsten Heilgrad auf.

          Heilkuren aller Art - Emilia Romagna

          Man kann davon ganz gesund werden. Doch die smarte Dame namens Emilia Romagna, im Osten vom Meer gerahmt, im Westen von der Toskana, verspricht noch andere Heilkuren. Sind Körper und Seele entspannt, ruft Ravenna. Ruft die Kunstgeschichte. In Ravenna läßt sich der Geist therapieren, so man geneigt ist, sich mit der byzantinischen Mosaikkunst oder der Architektur zu beschäftigen. Auf beiden Gebieten bietet die Stadt einiges. Lord Byron hat davon gesungen, Oscar Wilde, Giacomo Leopardi ebenso.

          Sie alle haben natürlich die um das Jahr 540 gegründete Abtei Sancta Vitale besucht. Ein Ort, der es wert ist, nicht nur rasch durchzulaufen. Ein Ort zum Innehalten. Hier haben byzantinische und römische Meister Fresken gemalt. Refektorium, erster und zweiter Kreuzgang, das Mausoleo di Galla Placidia, schließlich, als Krönung, die Basilika - des Kunstsinnigen Herz schlägt hoch.

          Weißes Gold und rosa Flamingos

          Und findet Kühlung beim Hirschen. Eine gute halbe Autostunde südöstlich von Ravenna liegt, direkt am Mar adriatico, Cervia. Die Stadt hat ihren Namen von dem Wort cervo, zu deutsch Hirsch. Noch heute kniet er in ihrem Wappen. Schützend eingreifen konnte der „Cervo“ nicht immer. In nur zehn Jahren, 1632 bis 1642, schrumpfte die Bevölkerung von dreitausend auf dreihundert Einwohner. Malaria, sie kam aus den Sümpfen. Deswegen wurde Cervia regelgerecht abmontiert, ans anderthalb Kilometer entfernte Meer transportiert, dort wiederaufgebaut.

          An der Straße der Schneemadonna erinnert noch ein Haus an die vergangene Zeit. Schneemadonna heißt sie, weil es in den Sümpfen jede Menge Salz gab. Salz, das weiße Gold, hat die Bewohner lange ernährt. Es schmeckt, die Chemie kann das erklären, anders, als wir es kennen. Süßer irgendwie. Sogar die Pflanzen lieben dieses Salz, das für den Anbau so wichtige brackige Klima. Wo einst die Stadt war, erstrecken sich heute die Salinen-Felder; die Unesco hat das Naturschutzgebiet, in dem sie sich befinden, zum Reichtum der Menschheit erklärt. Einen anderen Reichtum zeigt uns Paolo. Der Geologe führt uns am Rande der Salina Camillone durch Felder und Wiesen. Einhundert verschiedene Vogelarten, sagt Paolo, gibt es hier, allein 35 Stelzenläufer. Am Vortag seien sogar Flamingos gekommen. Kaum haben wir das bezweifelt, weist er mit der Hand nach Osten. Und was setzt da gerade zur Landung an? Flamingos. Sie scheinen sich wohl zu fühlen in diesem Paradies.

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