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Elliott Erwitt : Jenseits des Tweed

Der Glenfinnan-Viadukt bei Lochaber zählt zu den Attraktionen der Bahnstrecke zwischen Fort William und Mallaig. Aber die Touristen im alten Dampflokzug, der im Sommer eigens für sie eingesetzt wird, sehen davon wenig. Bild: © 2018 Elliott Erwitt / Magnum Photos

Von großen Gefühlen und kleinen Schwächen: Elliott Erwitt hat sich zum neunzigsten Geburtstag sein eigenes Geschenk gemacht – einen Bildband über Schottland.

          Die Frage, was sich geändert hat, seit er Ende der vierziger Jahre ernsthaft zu fotografieren begann, beantwortet Elliott Erwitt wie aus der Pistole geschossen: die Autos im Hintergrund. Aber es gibt kaum welche in seinen Bildern, sonst nicht und auch nicht hier, in einem Band über Schottland, der in diesen Tagen erschienen ist, gleichsam als Geschenk zu Erwitts neunzigstem Geburtstag am heutigen Donnerstag. Ein halbes Dutzend Wagen zählt man mit Ach und Krach in diesem Buch. Und damit ist auch schon erklärt, worum es Elliott Erwitt zu tun ist: um Momente von Zeitlosigkeit. Was zunächst verblüfft bei einem Fotografen, der zu den bedeutendsten Bildjournalisten der vergangenen siebzig Jahre zählt, der früh in die legendäre Bildagentur Magnum geholt wurde, immer mal wieder deren Präsident gewesen ist und dessen Werk vor ikonischen Aufnahmen buchstäblich überquillt, wie sich in einem zweiten, opulenten Bildband, der ebenfalls in diesen Tagen neu erscheint, unschwer feststellen lässt: „Personal Best“.

          Absurditäten des Alltags

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Was Erwitt an der Gegenwart interessiert, ist immer nur das Allgemeingültige. Das lenkte seinen Blick in Schottland auch auf die großartigen Landschaften der Highlands oder kleine Häuschen am Straßenrand. Wichtiger jedoch sind ihm von jeher die großen Gefühle und die kleinen Schwächen der Menschen, gern eingebettet in gewisse Absurditäten des Alltags, treffender noch vielleicht: Schrulligkeiten. Die sind unübersehbar, wenn in der Burg von Edinburgh ein Besucher seinen Kopf in ein Kanonenrohr steckt. Aber sie verlangen auch nach Instinkt – oder einem guten Reiseführer –, um in Glasgows ältesten Fish-’n’-Chips-Shop zu landen, dessen Besitzer Luigi Corvi während der Zubereitung Arien schmettert. Elliott Erwitt schaute bei etlichen Hochzeiten vorbei, saß im Pub zwischen musizierenden Gästen, verbeugte sich vor dem Denkmal des Terriers Bobby, von dem es heißt, er habe vierzehn Jahre lang das Grab seines ehemaligen Herrchens nur verlassen, um zu fressen, bis er 1872 selbst verstarb, und er machte Halt an der wohl kuriosesten Bushaltestelle der Welt: einem Unterstand bei Unst auf den Shetland-Inseln, der im Laufe von Jahren immer perfekter möbliert worden ist – mit Sofa und Tisch zunächst, einem Fernseher später und jetzt auch einem Sekretär.

          Gutes Essen: Snack Bar am Barras Market in Glasgow Bilderstrecke

          „Elliott Erwitt’s Scotland“ ist kein Länderporträt, sondern das Bildertagebuch einer Reise, die Erwitt 2012 unternommen hat, im Alter von vierundachtzig Jahren. Da mögen andere kaum noch aus dem Sessel kommen, er hingegen ist schnell genug, um Kinder im Sprung einzufangen oder den arroganten Blick einer Möwe. Nicht Schnappschüsse nennt er diese Bilder, sondern Grapschschüsse. Und dann, vielleicht nicht am Ende der Reise, aber gegen Ende des Buchs, präsentiert Elliott Erwitt die Sensation, auf die andere Fotojournalisten ein Leben lang vergebens warten: Nessie streckte für ihn den Kopf aus Loch Ness. Doch ausgerechnet in diesem Moment hatte Elliott Erwitt die Schärfe falsch eingestellt.

          „Elliott Erwitt's Scotland“ mit einem Vorwort von Alexander McCall Smith. te Neues, Kempen 2018. 160 Seiten, zahlreiche Schwarzweißfotografien. Gebunden, 70 Euro.

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