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Urlaubsparadies El Gouna : Die beinahe perfekte Illusion

Echt oder aus dem Miniatur-Wunderland? El Gouna von oben Bild: Orascom

Vor 30 Jahren entstand am Roten Meer der bis ins letzte Detail durchgeplante Touristenort El Gouna. Er gilt als sicherster Ort Ägyptens. Warum kämpft er dennoch um jeden Gast?

          Das Erste, was die Gäste im weißen Shuttlebus zu sehen bekommen, sind die Straßensperren am Flughafen. Die Kontrollposten mit den schmalen Hütten und Holztischen zwischen Palmenstämmen am Ortseingang, Militärs in schwarzen Schutzwesten unter der gleißenden Sonne, Polizeikolonnen. Die immerzu piependen Sicherheitsschleusen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erst dann sehen sie den in sanften Schleifen in den Ort plazierten Kanal, den die Bewohner Lagune nennen. Die von Designern entworfenen Gärten mit Bewässerungssystemen aus Adern auf gemähtem Rasen. Polierte Fahrzeuge in Einfahrten vor roten und gelben Sandsteinvillen im nubischen Stil. Kein Stein, kein weggeworfenes Taschentuch auf den Straßen, die selten ein Auto befährt. Die Gäste staunen über die Leere. Manch einem erscheint es unwirklich. Andere empfinden es als wohltuend.

          Dem Fahrer, der den klapprigen Bus im Sakko lenkt, fällt es nicht mehr auf. Er holt jeden Tag Gäste vom Flughafen und setzt sie in einer der großen Hotelanlagen ab. Abends kehrt er zurück nach El Bousten, in den Vorort, wo fast alle Hotelmitarbeiter wohnen, wo die Gebäude dunkelbraun sind und Verschläge haben. El Bousten bedeutet „Blumengarten“. Am Ende eines jeden Monats nimmt der Fahrer alle seine freien Tage auf einmal und fährt elf Stunden nach al-Mansura hinter Kairo, um seine Familie zu sehen. Die sieben Tage sind sein Leben. Die Zeit in El Gouna ist die Zwischenwelt.

          Die Angst kommt in Wellen

          Zuvor saßen die Gäste in einem Condor-Flieger, wo die letzten Anschläge verhandelt wurden, die Anzahl der Opfer und dann der Ausflug zu den Pyramiden von Gizeh, der die lange An- und Abfahrt an einem Tag allemal wert zu sein scheint. Übernachten wollte keiner dort, wegen des Risikos. Der Shuttlebus passiert eine Schranke, zwei Männer mit Kalaschnikows grüßen nickend, dann hält er direkt vor dem Hoteleingang. So weit das Auge reicht stehen Apartments entlang des Kanals.

          In der Gegend um Hurghada am Roten Meer, wo die schönsten Tauchreviere auf den blauesten Himmel treffen, gibt es zahllose solcher Resorts und Shuttlebusse. Die Gäste werden vor die Tür gebracht, bleiben zwei Wochen, manchmal auch vier, und reisen dann wieder ab. Ägypten gilt als Risikoland. Die Deutschen haben Angst, hinzufahren, und die Angst kommt in Wellen. Nach der Arabischen Revolution, nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär 2013, nach der Ermordung zweier Frauen im Juli 2017, nach dem Attentat auf einen Bus mit vietnamesischen Touristen nahe der Pyramiden im vergangenen Dezember. Wenn sich die Angst legt, reisen sie wieder hin. Es ist einfach zu schön. Anschläge gibt es auch anderswo. Aber damit sie kommen, muss es die Illusion kompletter Kontrolle geben. Nirgends funktioniert diese Illusion so gut wie in El Gouna, schließlich wurde es dafür gebaut.

          Begrüßung an einem der Kontrollpunkte

          El Gouna ist ein neuer Ort in einem alten Land. Der Milliardär Samih Sawiris hat ihn errichten lassen, als Touristenziel und Investition. Jedes geplante Hotel, jede Restaurantidee und jeder neue, private Strandabschnitt geht über die Schreibtische seiner Immobilienfirma Orascom. Es gibt 18 Hotels in El Gouna, 80 Restaurants, ein Stadion, fünf Kiteschulen, einen E-Bike-Anbieter, eine Gokart- und eine Motocross-Strecke. Eine Marina, die einer italienischen Hafenstadt nachempfunden ist. Eine zweite Marina für Yachten, die Platz brauchen. Ein Filmfestival. „Disneyland“ sagen die, die nur zum Arbeiten kommen. „Blase“ sagen die Bewohner. „Festung“ denken die Touristen. El Gouna gilt als ruhiger, distanzierter als Hurghada. Tatsächlich kann man sich hier sicherer fühlen als auf Gran Canaria. In diesem Jahr wird es dreißig Jahre alt.

          Eine der Ersten, die kamen, war Hoda Samaya. Man findet sie im „Club House“, einem der ältesten Gebäude El Gounas, das damals für Mitarbeiter der entstehenden Hotelanlagen im Kafr, dem Zentrum des Ortes, vorgesehen war: ein niedriges, langgezogenes Gebäude mit dicken Wänden, kleinen Fenstern und Kuppeln, das zu einer Poolanlage ausgerichtet ist. 1993 war das Haus noch von Wüste umgeben, der Baustil diente dem Schutz vor der Hitze. Hoda Samaya kam aus Kairo in eine Gemeinschaft von 35 Menschen. Im ersten Winter luden sie zum Lagerfeuer am „Club House”, seitdem ist es zum Treffpunkt der Bewohner geworden. Samaya besitzt das Gebäude inzwischen, ihre Kinder sind hier aufgewachsen.

          Die Oase: Hoda Samayas „Club House“

          Ihre tätowierten Arme sind braungebrannt, sie trägt schwarze Zöpfe und große Ringe an den Ohren, dazu eine Ledertasche um den Bauch und Fellstiefel. Wenn man sie sieht, könnte man glauben, El Gouna wäre aus einer Hippiekommune entstanden. Tatsächlich kaufte ihre Familie damals, als sie noch bezahlbar waren, 22 Wohnungen nahe der alten Marina. Das zahlte sich aus. „Städte entstehen rund um Industrien“, sagt sie. „Bei dieser war es eben der Tourismus.“

          Am Pool liegen junge Frauen. Während die meisten Strände der Lagune privat sind, darf sich im „Club House” jeder kostenlos sonnen. Heute sei Freaky Friday, sagt Samaya, als ihr Sohn an ihr vorbei zur Bar rennt, da seien Dinge erlaubt, die man während der Woche nicht dürfe. Cola und Sprite zum Beispiel. Viele „Gounies“, wie sich die Bewohner El Gounas nennen, sind wegen ihrer Partner gekommen. Der Vater von Hoda Samayas Kindern ist Holländer, er organisiert gemeinsam mit Beduinen aus der Gegend Wandertouren in die nahen Berge. Die Kinder des Ortes werden erfolgreiche Wake Boarder oder Kite Surfer, sie sprechen drei bis vier Sprachen und haben Freunde auf der ganzen Welt. Das schönste, sagt Samaya, sei Teil von etwas zu sein, das gerade erst beginnt.

          Das sind die drei Bevölkerungsgruppen von El Gouna: die Touristen, die Arbeiter, deren Heimat Hunderte von Kilometern entfernt ist, und die offiziell 15000, tatsächlich aber deutlich weniger Bewohner. Damit der Kreislauf, der den Ort am Leben hält, funktionieren kann, braucht er die Touristen. Aber wie ihre Angst kommen sie in Wellen, deshalb bleibt der Kafr in manchen Jahren leer. In solchen Jahren versuchen die Einwohner zusammenzuhalten, organisieren Kochabende im „Club House“ und zahlen reihum. Andere haben keine Wahl, wenn die Arbeit fehlt: Ein großer Teil der Ägypter in El Gouna ist in den Hotels angestellt. Wenn die leer stehen, sind sie mittellos. Das durchschnittliche Monatsgehalt im Ort liegt bei 70 Euro.

          Vor einigen Jahren fing Hoda Samaya an, alle Gounies für ein Fotoprojekt zu porträtieren, um die Vielfalt des Ortes darzustellen.

          Unter den Ägyptern gilt El Gouna als liberal und fortschrittlich. Niemand trägt hier Kopftuch. Im „Club House“ gibt es Beach Partys und Livekonzerte, auf denen keiner nüchtern bleibt. In Kairo, erzählen die Gounies, dürfe man nicht einmal auf der Straße singen. Hier können Homosexuelle auf der Straße Händchen halten. Wasser wird recycelt, Müll getrennt, in einigen Hotels werden die Drinks ohne Plastikstrohhalme serviert.

          Ein guter Ort, um Dinge auszuprobieren, sagt Sarah El Sawi, die Künstlerin. Ein schlechter, um Geld mit Kunst zu verdienen. Aber El Sawi wollte raus aus „Chaos und Beton“, sie wollte „frei atmen“, also suchte sie sich nach ihrem Kunststudium in Kairo 2009 einen Job in einer Werbeagentur in El Gouna. Als sie Kinder bekam, stellte sie fest, dass es keinen besseren Ort in Ägypten für eine Familie gibt. Sarah El Sawi ist eine selbstbewusste Frau mit braunen Augen und einer Fähigkeit, andere in wenigen Minuten von einem Projekt zu begeistern. Sie wohnt ein paar Autominuten vom Kafr entfernt am Rande einer Hotelanlage in einem kleinen Haus mit hohen, dunklen Wänden, gestickten Teppichen und Erkern. Es ist Platz genug für ihre Bilder: die neueren, in El Gouna entstandenen, die man an ihren hellen Pastelltönen und den abstrakten Formen erkennt, und die figurativen aus Kairoer Zeiten.

          Als Sarah El Sawi an die Küste kam, störte es sie, dass es kaum Kultur, dafür viel oberflächliche Unterhaltung gab. El Gouna war in den Jahren zuvor sehr schnell gewachsen, in den Hotels ließen sich die Touristen von Alleinunterhaltern berieseln und ins „Club House“ ging man zum Flirten. 2015 organisierte sie ihre erste Kunstausstellung, dann gründete sie das Festival „Women by the Sea“, alle zwei Jahre kommen dafür Sängerinnen, Designerinnen und bildende Künstlerinnen aus Kairo und Hurghada nach El Gouna, stellen aus und testen ihre neuen Projekte an unvoreingenommenem Publikum. Alles geht, auch mit finanzieller Unterstützung von Orascom, solange es keiner darauf anlegt zu provozieren. Als nächstes will Sarah El Sawi sich für Künstlerresidenzen einsetzen.

          Selbst Mobilfunkmasten fügen sich in El Gouna unauffällig in die gepflegte Umgebung.

          Die Möglichkeiten der „demokratischen Republik El Gouna“, wie sie Hoda Samaya nennt, sind unerschöpflich. Einen Ableger der TU Berlin gibt es, weil Samih Sawiris einst in Berlin studierte und das Geld aufbrachte, um deutsche Wissenschaftler unter der Wüstensonne forschen zu lassen. Das internationale Filmfestival entstand, weil er es so wollte – lokale Regisseure waren nicht zu finden, und wenn man mit Ägyptern spricht, sind ihnen die wenigsten der auf dem Festival vorgestellten Filme in Erinnerung geblieben. Dafür der Auftritt von Patrick Dempsey. Der Schauspieler pries El Gouna während eines Kurzbesuchs in einem Interview. Wer hier lebe, sagte Dempsey der deutsch-brasilianischen Moderatorin Tereza Costa, sei ein Glückskind.

          Tereza Costa strahlt von Plakaten auf den Absperrzäunen vor Gebäudeskeletten, aus denen neue Hotels werden sollen. Sie ist das Multitalent des Ortes, schauspielert, skatet, tanzt, gibt Klavierunterricht, jetzt moderiert sie für den Fernsehsender des Ortes. „Faces of El Gouna“ heißt die Kampagne, die repräsentative Bewohner großformatig an öffentlichen Orten in Szene setzt. El Gouna TV läuft im ersten Programm in Schleife, in den Sendungen geht es um Sport und Wetter und Gründe, den Ort nie wieder zu verlassen. Costa kam vor zehn Jahren als Castmitglied der Eiskunstshow „Disney on Ice“ nach El Gouna und blieb, als der letzte Vertrag auslief. Für sie, sagt sie, gebe es keinen besseren Ort zum Träumen.

          Für die Touristen soll El Gouna der Ort sein, an dem ihre Träume wahr werden. Sonnenuntergang auf dem Golfplatz des „Steigenberger Hotels“, wo ein „Wachturm“ faszinierende Aussichten über Land- und Wasserflächen, Meer und Bergplateaus aus Vulkangestein bietet: Die Gäste stehen am Geländer, fotografieren und filmen sich gegenseitig in den roten Himmel hinein. Angestellte patrouillieren auf und ab und schenken Champagner nach. Wenn er ausgeht, bevor das Naturspektakel seinen Höhepunkt erreicht, flirrt die Luft vor latentem Unmut. Alles soll stimmen an diesem mühsam verdienten Ort.

          Jeden Tag sehen die Angestellten in den Hotelburgen dieses Schauspiel, und sie übersetzen es in ihre Vorstellung von westlichem Luxus. Der Fahrer des Shuttlebusses hat seine Familie einmal für eine Woche nach El Gouna geholt. Damit sie sehen: So könnte das Leben sein.

          Die Apartmenthäuser im nubischen Stil sehen einander zum Verwechseln ähnlich.

          Aber El Gouna ist auch streng. Nicht für die Ägypter aus Kairo, die zum Feiern kommen, zum Fastenbrechen oder an Ostern. Nicht für die europäischen Touristen, sondern für die Mitarbeiter aus El Bousten, die jungen Männer aus konservativen Familien in Upper Egypt, die in El Gouna zum ersten Mal unverhüllte Frauen sehen. Für diejenigen, die sich danebenbenehmen, gibt es schwarze Listen. Zu fragil ist diese Industrie, zu schnell ein lang erarbeiteter Ruf zu verlieren. Der Schrecken über die Ermordung der beiden deutschen Frauen in Hurghada vor zwei Jahren sitzt den Gounies noch in den Gliedern. Nach dem Attentat mit vier Toten auf den vietnamesischen Touristenbus in Gizeh reagierte die ägyptische Polizei sofort: An drei Orten erschossen die Sicherheitskräfte 40 Menschen. Einen Tag nach der Tat.

          Die Bewohner, Europäer wie Ägypter, berichten aber auch von falschen Darstellungen. Sie erzählen: Der Messerstecher habe die Frau gekannt, es sei ein persönliches Motiv, kein Terrorakt gewesen. Wenn Menschen gewalttätig werden, wie ein Ladenbesitzer in einem Hotel, dem die Erwerbsquelle genommen wird, sei das Verzweiflung: Es gehe um Existenzen. Die europäischen Medien hätten eine Tendenz, diese Vorfälle zu vereinfachen und zu verfälschen. Besonders dann, wenn es um Ägypten gehe.

          Jetzt wächst El Gouna gerade wieder. Zu schnell, sagt eine Restaurantchefin, die beobachtet, wie der nächtliche Kafr von Jahr zu Jahr mehr zur Partymeile junger Ägypter wird. Die Straßencafés der Marina haben einen Aufschlag von 30 Prozent für Service und Ausblick eingeführt, Wohnungen im Kafr werden nur noch zeitlich begrenzt vermietet, weil es mehr Gewinn bringt, ein Partyhotel für 20- bis 40-Jährige ist in Planung. Wie jede normale Stadt auch ist El Gouna den Entwicklungen des Marktes unterworfen.

          Das Letzte, was die Gäste von El Gouna zu sehen bekommen, ist der Anblick der zerklüfteten, wie eine Miniaturoase in den Sand gesetzten Landschaft von oben. Die Windungen der Lagune, Golfareale wie grüne Seen, Adern aus freien Straßen, kunstvoll verwoben. Dann dreht der Flieger ab, nimmt Kurs in Richtung Nordwesten und bringt sie dorthin zurück, wo die Überraschungen lauern. In ihre Normalität.

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